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Die Schilddrüse sitzt an der Vorderseite des Halses.

Gutartige Wucherung in der Schilddrüse

Hitze gegen Schilddrüsenknoten

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Gutartige Wucherungen in der Schilddrüse müssen nicht immer operativ entfernt werden. Es gibt auch schonendere Methoden. Das Bürgerhospital Frankfurt ist ein Zentrum dafür.

Viele haben sie – und viele wissen vermutlich gar nichts davon. Schilddrüsenknoten sind in Deutschland weit verbreitet: Bei mehr als 20 Millionen Menschen – rund einem Viertel der Bevölkerung – sitzt eine gutartige Wucherung in dem winzigen schmetterlingsförmigen Organ an der Vorderseite des Halses, sagt der Frankfurter Nuklearmediziner Hüdayi Korkusuz. Wie bei vielen Erkrankungen spielen auch bei Schilddrüsenknoten neben einer genetischen Anlage äußere Faktoren eine Rolle – in diesem Fall ist das der Jodmangel.

Jodmangel in einem so gut versorgten Land, wo eher ein Überfluss an Nahrung herrscht? Ist das Spurenelement nicht sogar vielen Lebensmitteln und vor allem Salz zugesetzt? Gleichwohl ist Deutschland immer noch Jodmangel-Gebiet, so wie viele andere Länder in Europa auch, erklärt Christian Vorländer, Chefarzt der Klinik für endokrine Chirurgie am Bürgerhospital Frankfurt, einem Zentrum für die Therapie von Schilddrüsenerkrankungen in Deutschland, wo jährlich mehr als 2500 Patienten behandelt werden.

Gegen Jodmangel hilft Meeresfisch

In Deutschland enthalten Böden, Gesteine und das Trinkwasser nur wenig Jod, entsprechend gering ist dessen Anteil in Gemüse, Getreide oder auch Fleisch. Eine besonders gute natürliche Jodquelle ist Meeresfisch, deshalb ist Jodmangel in Gegenden, wo sehr viel Fisch gegessen wird, seltener. Vor allem ältere Menschen leiden in Deutschland häufig unter Jodmangel, sagt Vorländer, weil die Versorgung in früheren Jahrzehnten noch weitaus schlechter war. Bei den über 70-Jährigen hat deshalb sogar jeder zweite einen Schilddrüsenknoten.

Der Körper benötigt Jod, um die Schilddrüsenhormone Thyroxin und Trijodhyronin herzustellen. Diese beeinflussen verschiedene wichtige Vorgänge im Organismus, unter anderem die Verdauung, den Fettstoffwechsel, Herz und Kreislauf, die Psyche und das Wachstum von Ungeborenen im Mutterleib. Bekommt die Schilddrüse über die Nahrung nicht genügend Jod, so vergrößern sich ihre Zellen, um es aus dem geringen Angebot besonders effektiv zu verwerten. „Die Schilddrüse plustert sich auf“, veranschaulicht es Vorländer. Auf Dauer kann das zu Störungen und krankhaften Veränderungen der Schilddrüse führen. Allerdings kann sich auch ein Zuviel an Jod negativ auswirken.

Die am meisten verbreitete Folge einer Unterversorgung mit Jod ist eine Vergrößerung der Schilddrüse mit oder ohne Knoten. Grundsätzlich wird zwischen heißen und kalten Knoten unterschieden – wobei beides nichts mit Temperaturen zu tun hat. Als Folge eines Jodmangels können heiße Knoten auftreten. Das sind „überaktive“ Bereiche, die mehr Hormone produzieren und deshalb oft zu einer Überfunktion der Schilddrüse führen. Typische Symptome dafür sind Schwitzen, Durchfall, Nervosität, Schlaflosigkeit, Herzrasen und Gewichtsabnahme.

Kalte Knoten: Areale in der Schilddrüse, die kein Jod mehr aufnehmen können

Als kalte Knoten werden Areale der Schilddrüse bezeichnet, die kein Jod mehr aufnehmen können, kaum noch oder gar keine Hormone mehr bilden. Sie können als Folge einer Zyste oder eine Entzündung entstehen. Eine eingeschränkte Funktion der Schilddrüse kann Dauermüdigkeit, ständiges Frieren und Verstopfung hervorrufen. In seltenen Fällen werden kalte Knoten bösartig, das Risiko dafür beziffert Christian Vorländer auf drei bis zehn Prozent. Bei heißen Knoten kommt das so gut wie nie vor.

Jeder Knoten kann zudem neben den Symptomen, die durch die Beeinträchtigung der Schilddrüse entstehen, noch weitere Beschwerden verursachen. Dazu gehören Schwierigkeiten beim Schlucken, ein Kloß- oder Engegefühl im Hals, Heiserkeit oder Räusperzwang.

Infos: buergerhospital-ffm.de/ medizin-pflege/endokrine-chirurgie oder beim Deutschen Zentrum für Thermoablation, dzta.de

Bereiten Schilddrüsenknoten keine Probleme, muss meist auch nichts unternommen werden. Bei der Therapie gibt es mehrere Optionen: die Radiojodtherapie, bei der Tabletten mit radioaktivem Jod in unterschiedlicher Dosierung verabreicht werden, die operative Entfernung und seit einigen Jahren die Thermoablation, die darauf zielt, den Knoten mit Hilfe von Hitze zu zerstören. Nicht für jeden Patienten kommt jedes Verfahren in Frage, sagt Christian Vorländer. Welches Vorgehen für einen Patienten am besten geeignet ist, hängt vom Umfang der Beschwerden, von der Größe und der Beschaffenheit der Wucherung ab, teilweise werden auch mehrere Methoden kombiniert.

Die Thermoablation wurde vor etwa 15 Jahren von Medizinern in Asien entwickelt und ist unter den heute verfügbaren Methoden die jüngste. Ihr Vorteil: Sie kommt ohne Strahlenbelastung und Skalpell aus. Hüdayi Korkusuz hat 2012 – damals noch am Universitätsklinikum Frankfurt – als erster Mediziner in Deutschland Schilddrüsenknoten mit Thermoablation behandelt und das Verfahren seither stetig verfeinert. Heute leitet der Nuklearmediziner die Sektion Thermoablation am Bürgerhospital Frankfurt.

Für viele Patienten könne diese Methode eine sanfte Alternative zu einer Operation darstellen, sagt Christian Vorländer, der selbst Chirurg ist. Statt einer Vollnarkose ist nur eine Lokalanästhesie nötig, es gibt keinen Schnitt, deshalb bleibt auch keine Narbe zurück. Schwerwiegende Komplikationen seien selten. Bei einem von 800 Patienten bleibe eine dauerhafte Störung der Stimmbänder zurück, bei einem von 150 komme es zu Blutungen, die eine Nachbehandlung erforderlich machen.

Therapie per Thermoablation nur bei gutartigen Knoten

Voraussetzung für eine Therapie per Thermoablation sei allerdings, dass es sich sicher um einen gutartigen Knoten handele, bei Krebs bleibt eine Operation unumgänglich, erklärt Hüdayi Korkusuz. Auch die Lage des Knotens spiele eine Rolle bei der Entscheidung, ob eine Thermoablation in Frage kommt, er dürfe nicht zu nahe am Stimmbandnerv liegen, sagt Vorländer.

„Früher wurden auch gutartige Knoten immer nur rausgeschnitten“, berichtet Vorländer. Allerdings sei Deutschland auch heute noch Spitzenreiter bei der Zahl der Operationen: 90 000 Schilddrüsen werden hier jedes Jahr operativ entfernt – im Verhältnis zur Einwohnerzahl ist das nahezu doppelt so viel wie in den USA und dreimal so viel wie in Großbritannien. Bislang wird die Thermoablation nur an einigen Krankenhäusern in Deutschland angeboten. Dazu gehören unter anderem das Bürgerhospital Frankfurt, die Uniklinik Frankfurt, die Uniklinik Hamburg-Eppendorf und das Klinikum Fulda.

Je nach Beschaffenheit oder Größe des Knotens wenden Mediziner unterschiedliche Methoden der Thermoablation an. Hüdayi Korkusuz ist einer von nur wenigen Experten weltweit, der alle Formen beherrscht; in den letzten Jahren hat er mehr als 700 Patienten auf diese Weise behandelt. Gemeinsam ist sämtlichen thermoablativen Verfahren das Prinzip der gezielten Erwärmung des Knotens. Die Hitze soll dazu führen, dass das unerwünschte Gewebe vom Körper selbständig abgebaut und anschließend abtransportiert wird.

Die Radiofrequenzablation (RFA) kommt vor allem bei „eher zystischen, also flüssigen Knoten“ in Frage, sagt Korkusuz. Die Größe sollte die eines kleinen Apfels nicht überschreiten. Unter lokaler Betäubung wird eine kleine Sonde durch die Haut in den Schilddrüsenknoten eingeführt, über deren Spitze hochfrequenter Wechselstrom abgegeben wird. Dieser erhitzt das Gewebe auf 60 bis 90 Grad und leitet so dessen Untergang ein.

Die Thermoablation lässt Knoten schrumpfen.

Eine weitere Möglichkeit ist die hochintensive fokussierte Ultraschalltherapie HIFU: Mit einem Spezialgerät werden gebündelte Ultraschallwellen ähnlich wie Sonnenstrahlen durch eine Lupe von außen gezielt auf den Knoten gerichtet, erklärt Hüdayi Korkusuz. Die Ultraschallwellen sollen heiße und kalte Knoten bis zur Größe einer Kastanie durch die Haut hindurch auf eine Temperatur von 85 Grad bringen, ohne dass die Haut selbst dadurch beschädigt wird. Mit HIFU lassen sich nicht nur Schilddrüsenknoten, sondern auch gutartige Wucherungen in der Brust, der Gebärmutter und der Prostata behandeln.

Auch Laser kann verwendet werden, um den Knoten zu traktieren. Im Vergleich zu den anderen Methoden der Thermoablation ist das die heißeste Lösung, denn der Laser erzeugt im Gewebe eine Temperatur von 300 Grad. Bei dieser Behandlung entstehen kleine Narben auf der Haut.

Bei „festen, durchblutungsreichen Knoten“ habe sich die Mikrowellenablation als am besten geeignete Methode herauskristallisiert, sagt Hüdaji Korkusuz. Hierbei ist ein kleiner Schnitt erforderlich, über den eine Sonde in den Knoten gestochen wird, um Mikrowellen hineinzuleiten. Auch diese Methode ist für heiße und kalte Knoten geeignet.

Bei all diesen thermoablativen Verfahren verschwindet der Knoten nicht komplett und auch nicht sofort, erklärt der Nuklearmediziner. Bis die Fresszellen des Körpers das durch die Hitze schwer geschädigte Gewebe abgebaut haben, kann es mehrere Monate bis zu einem Jahr dauern. Ein Rest bleibt auch danach übrig – in den meisten Fällen sei der Knoten aber so stark geschrumpft, dass die Beschwerden verschwinden oder deutlich zurückgehen.

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