+
Der Journalist Peter Sartorius (rechts) heute im Gespräch mit dem zweiten Mann auf dem Mond, Buzz Aldrin und seiner Ehefrau Lois.

FR-Korrespondent war dabei

Der historische Moment auf dem Mond

Peter Sartorius war bei der Apollo-11-Mission FR-Korrespondent. Bei seiner Rückkehr aus Houston wird er von den Zollbeamten erkannt - weil täglich gelesen. Er erzählt, wie er das Spektakel erlebte - und wieso ihn Armstrongs Schritt kaum rührte.

Die große Erleichterung setzte kurz nach der Landung ein. Ich zeigte dem Zollbeamten am Frankfurter Flughafen meinen Pass. "Ah, Sie kommen zurück aus Houston", sagte er. Ich ging fünf Schritte weiter, dann durchzuckte es mich. Ich kehrte um. "Woher wissen Sie das? Mein Pass ist doch in New York gestempelt worden", fragte ich. "Nun, ich bin Abonnent der Frankfurter Rundschau", sagte der Beamte, "ich habe Ihren Namen in letzter Zeit täglich gelesen!" In diesem Moment realisierte ich, dass es geklappt hatte: Eine der wichtigen Zeitungen hatte mich gedruckt.

Wochen vorher war ich in die USA gestartet, um die Mondlandung zu erleben und zu beschreiben. Es gab ja nur wenige deutsche Journalisten, die sich mit dem Thema beschäftigten. Während meiner Arbeit in den USA hatte ich keinen Kontakt zu den deutschen Redaktionen gehabt und wusste nicht, ob meine Texte gedruckt worden waren.

Denn auch finanziell stand einiges auf dem Spiel: Meine Reise zu Apollo 11 hatte mich 10.000 Mark gekostet, meine gesamten Ersparnisse. Ich versuchte, die Kosten hereinzuspielen, indem ich meine Texte sechs, sieben Zeitungen anbot. Verdienen wollte ich nichts. Ich wollte einfach dabei sein, ohne viel draufzahlen zu müssen.

In Washington angekommen, fuhr ich in das Hauptquartier der Nasa. Ich bekam einen Presseausweis und war verblüfft: ein Stück Pappendeckel, so groß wie eine Kreditkarte. Es stand nur "Apollo 11" darauf, dann noch "Press" und eine Unterschrift. Kein Datum, kein Stempel - es wäre ein Kinderspiel gewesen, den zu fälschen. Die Sicherheitsvorkehrungen von heute waren damals noch nicht in der Welt und in den Köpfen.

Lesen Sie auch: Die erste Mondlandung war ein riesiger Sprung für die Menschheit

Schließlich fuhr ich nach Kap Kennedy und war dort fast ausschließlich unter Journalisten und Nasa-Leuten. Wir sahen den Weltraumbahnhof und die Rakete vom Pressezentrum aus, ein paar Kilometer entfernt.

Es gab Führungen, man wurde mit dem Bus hingefahren und bekam den Stand des Countdowns erklärt. Uns wurde die riesige Halle gezeigt, in der die Rakete montiert worden war, 120, 130 Meter hoch, ohne Zwischendecken. Praktisch jeden Tag traf man sich auf zwei, drei Presseterminen - und abends auf Partys oder Empfängen der am Raketenbau beteiligten Firmen.

"Inzwischen sind die 7000 "VIPS", die "very important persons" (besonders wichtige Personen), am Kap eingetroffen. Sie sind mit ganzen Stapeln von Informationsmaterial versorgt, in den seit Monaten ausgebuchten Hotels und Motels untergebracht und mit Plaketten ausgestattet, die ihnen den Weg zu den exklusiven Logenplätzen des Mondschusses frei machen." (Frankfurter Rundschau, 16.7.1969)

Ich wohnte in einem Motel in Cocoa Beach, dem nächstgelegenen Ort. Erstaunlich, dass ich ohne Vorreservierung ein Zimmer bekam. Ich habe dort nicht unbedingt gesund gelebt. Meistens ernährte ich mich von Cola, Schokoriegel und Spaghetti aus Dosen, bestenfalls Hamburger. Ich musste auf mein nicht vorhandenes Geld schauen. Dann kam endlich der ersehnte Tag des Raketenstarts.

"In monotoner Gleichförmigkeit waren die Zeitziffern weitergesprungen, und knapp zehn Sekunden, nachdem der Startvorgang ganz den Computergehirnen überlassen worden war, erhob sich - auf die Sekunde pünktlich um 14:32 Uhr - die Mondkombination von der Plattform und wurde von der geballten Kraft von 170 Millionen PS und begleitet von dem dröhnenden Lärm der Raketentriebwerke in den blauen Himmel gedrückt." (Frankfurter Rundschau, 17.7.1969)

Die Beteiligten der Nasa machten einen außerordentlich selbstsicheren Eindruck. Sie waren darauf gedrillt, alle Pressefragen in aller Höflichkeit und Ausdauer zu beantworten. Die Amerikaner hatten ein starkes Interesse daran, dass das Unternehmen in einem guten Licht erschien. Die Frage nach einem möglichen Scheitern wurde nie gestellt.

Russland kontert mit Sonden-Start

Die einzige große Sorge der Amerikaner war, dass die Russen im letzten Moment etwas unternehmen würden, um ihnen die Show zu stehlen. Am Starttag, zum Beispiel, hatten die Russen eine Sonde auf den Mond geschickt. Als diese bei der Landung zerschellte, löste das bei den Nasa-Leuten unverhohlene Freude aus.

Die Bevölkerung hatte dem Unternehmen ja zunächst skeptisch gegenübergestanden. Das war aber auf keinen Fall mit Gleichgültigkeit gleichzusetzen. Die Amerikaner waren wie alle anderen auf dieser Welt im Bann der Unternehmung.

Eine Million Menschen waren ans Kap gekommen, um den Start von Apollo 11 aus der Entfernung mitzuverfolgen. Und das, obwohl nur ein leuchtender Punkt am Himmel zu sehen war. Bei der Landung dann brach Euphorie aus.

"Vielen, und nicht nur Frauen, rannen Tränen über das Gesicht. (…) So bekam zu guter Letzt der stolzeste Tag der Amerikaner seit Verkündung ihrer Unabhängigkeit einen Stich ins pathetisch Kitschige, begreiflich indes für den, der mitverfolgt hat, wie diese Nation, zuerst ärgerlich wegen der Kosten, dann skeptisch wegen des Risikos, bald aber animiert von dem musterhaften Verlauf der ersten Etappen, schließlich mitgerissen vom Abenteuer der Landung und schließlich enthusiastisch nach dem Ausstieg Armstrongs und Aldrins, von Tag zu Tag und Stunde zu Stunde wachsenden Anteil an der Besitzergreifung des Mondes genommen hat." (Frankfurter Rundschau, 22.7.1969)

Die Bilder, wie Armstrong behutsam die Leiter herunterklettert, habe ich immer noch vor Augen. Wie jeder andere, der das sah. Aber emotional löste das Ereignis bei mir keine starke Wirkung aus. Der Flug und die Landung waren die entscheidende Leistung, nicht der Ausstieg.

Ich verfolgte alles im Manned Spacecraft Center bei Houston. Jedem dort war bewusst: Das ist ein historischer Augenblick. Dramatisch war er aber nicht.

"Eine Bewegung nach rechts. Jetzt muss er den Mond betreten haben. Er hat. (…) Was würde er sagen? Ein Königswort, das in die Geschichte eingehen wird? Neil Armstrong: ,Ich kann nicht sehen, worauf ich trete.' Das ist alles. Keine Erregung in der Stimme, nichts, was der Nachwelt überliefert werden müßte." (Frankfurter Rundschau, 22.7.1969)

Kein Königswort? Ich habe es überhört. Das hat mich wahnsinnig geärgert. Obwohl - geärgert ist nicht der richtige Ausdruck, es hat mich schockiert. Jetzt, sehr viel später, weiß ich, dass es wirklich kaum zu verstehen war und dass - wie ich glaube - ein kleines bisschen nachgebessert wurde.

Erst kam das berühmte "one small step for a man", dann lange nichts. Sehr viel später kam dann der "giant leap for mankind". Diesen Satz haben viele erst realisiert, als der Funkverkehr ausgedruckt vorlag.

Doch ich musste sofort schreiben. In Deutschland war es drei Uhr nachts, manche Zeitungen warteten mit dem Druck für eine Sonderausgabe.

"Der Mensch hat jenen ersten Schritt getan, der ihm eine neue Welt eröffnet hat, die Welt des Kosmos. Aber sein Ehrgeiz wird mit der Eroberung des Mondes nicht befriedigt sein. (…) In der Raketenschmiede des George C. Marshall Space Flight Centers sind bereits die wichtigsten wissenschaftlichen Vorarbeiten für den Vorstoß zum Mars geleistet worden." (Frankfurter Rundschau, 26.7. 1969)

Ich dachte: Heute der Mond und morgen der Mars! In der damaligen Euphorie sahen das viele so. Also porträtierte ich Ernst Stuhlinger, einen der Deutschen in Wernher von Brauns Team. Er dachte seit längerem über eine Marsmission nach, anvisierter Starttermin: 1986.

Als ich 1994 nach Amerika flog, zum 25. Jahrestag der ersten Mondlandung, war der Marsflug noch immer im Bewusstsein der Menschen, trotz aller technischen Probleme. Am Flughafen von Huntsville sah ich eine Leuchttafel, auf der zwei Kinder abgebildet waren. Schön ausgewogen, ein schwarzes und ein weißes, Junge und Mädchen. Darunter stand: "Die ersten Menschen auf dem Mars leben schon heute auf der Erde."

Um solch eine Unternehmung zu realisieren, hätte es einen Kennedy gebraucht. Aber es kam keiner - und vor allem keine Blamage mehr wie die blutig gescheiterte Invasion in der Schweinebucht.

Denn neben dem Sputnik-Schock war es diese stümperhafte Geheimdienstoperation gewesen, die Kennedy den äußeren Anlass geliefert hatte, im Kongress seinen berühmten Satz zu sprechen, um von der Blamage abzulenken: "Diese Nation sollte sich das Ziel setzen, noch vor dem Ende dieses Jahrzehnts einen Menschen auf den Mond zu bringen!"

Aufgezeichnet von Moritz Baumstieger

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare