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„Wenn sich die Unsicherheit nicht auflösen lässt, wird der Stress toxisch.“

Hirnforschung

„Wer unsere Zielerwartungen angreift, kann uns mühelos lenken“

Hirnforscher Achim Peters spricht über Unsicherheit und Stress – und was das mit politischen Extremen zu tun hat.

Viele Bereiche scheinen heute unsicherer als früher – vom Beruf über das Private bis hin zur politischen Entwicklung. Wissenschaftler Achim Peters erklärt, was das aus Sicht der Hirnforschung bedeutet und welche Gefahren die Unsicherheit birgt.

Was ist Unsicherheit aus Sicht eines Hirnforschers?
Unsicherheit bezieht sich auf die Frage des Lebens: Welche meiner Möglichkeiten soll ich auswählen, um mein künftiges körperliches seelisches und soziales Wohlbefinden sicherzustellen? Wer diese Frage in einer bedrohlichen Lebenssituation nicht sicher beantworten kann, der hat Stress. Das ist nicht unbedingt negativ. Aus Sicht der Hirnforschung ist Stress ein Unsicherheitsbeseitigungsprogramm, weil das Gehirn in einen Notmodus geht und alle Register zieht, um diese Unsicherheit schnell wieder aufzulösen.

Wann wird dieser Stress gefährlich?
Wenn sich die Unsicherheit nicht auflösen lässt, wird der Stress toxisch. Das ist etwa bei Situationen wie Einsamkeit, Trennung oder Geldsorgen der Fall. Dann sucht das Gehirn fieberhaft nach einer Lösung, aber alle Möglichkeiten führen nicht zum Erfolg. Die Gedanken kreisen, und der Mensch kann nicht schlafen. Das Gehirn braucht dann mehr Energie, das macht auf Dauer krank.

Viele arbeiten heute in prekären Arbeitssituationen, mit befristeten Verträgen, in Firmen und Branchen, die in der Krise stecken. Wie kann sich so eine lange Unsicherheit auswirken?
Der dadurch erzeugte toxische Stress führt zu Herzinfarkten, Depression, Diabetes.

Auch Partnerschaften oder Familien bieten heute oft keine Sicherheit fürs Leben mehr. Leben wir generell in einem Zeitalter der Unsicherheit?
Unsicherheit entsteht, wenn Vertrauen verlorengeht. Das ist in Partnerschaften jetzt vielleicht öfter der Fall.

Liegt das auch daran, dass etwa durch das Online-Dating vermeintlich mehr Möglichkeiten offenstehen, einen noch besseren Partner zu finden?
Wenn die Beziehung schwächelt, kann man sich heute leichter umschauen. Aber ich glaube, es geht nicht nur um die Möglichkeiten. Taucht eine Alternative zum Partner auf, überlegt man sich, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, dass es einem mit dem anderen künftig besser geht. Und wenn die eigene Beziehung intakt ist, schreibt man ihr die größte Erfolgswahrscheinlichkeit zu.

Wie können Erwartungen dazu beitragen, dass wir manipuliert werden?
Unsere Zielerwartungen bestimmen, was wir in Job, Beziehung und Familie wollen, aber auch, was wir als gerecht akzeptieren. Sie sind im Gehirn in unserem präfrontalen Kortex codiert – und das ist die empfindlichste Stelle. Wer unsere Zielerwartungen angreift, der kann uns mühelos lenken. Das können etwa die dunklen Triaden – die haben machiavellistische, narzisstische und psychopathische Züge.

Gibt es diese Persönlichkeiten häufiger als früher, oder wird das häufiger diagnostiziert?
Heute gibt es Tests, mit denen man herausfinden kann, inwieweit jemand Machiavellist, Narziss oder Psychopath ist. Es gibt Forschungen dazu, wie sich diese Menschen in der Arbeit oder in der Liebe verhalten. Aber die sind relativ neu. Wir wissen nicht, wie der Triade-Test bei Napoleon ausgegangen wäre. Aber ich gehe davon aus, dass es diese antisozialen Verhaltensweisen immer schon gegeben hat. Schon bei vielen Tierarten wie Wanderratten oder Kohlmeisen ist es schließlich so, dass sich etwa zehn Prozent antisozial verhalten.

Und die dominieren die anderen?
Ja. Man nennt diese Grundtypen auch Habicht und Taube. Zwei Habichte kämpfen untereinander. Wenn zwei Tauben aufeinandertreffen, kooperieren sie. Und wenn der Habicht auf die Taube trifft, dominiert er sie natürlich.

Wie sorgen die dunklen Triaden bei anderen für Unsicherheit?
Sie nehmen ihnen etwa Verantwortung ab, um andere unselbständig zu machen. Oder sie blockieren Informationen, die Unsicherheit reduzieren könnten. Wenn etwa eine dunkle Triade eine Firma leitet, setzt sie ganz bewusst auf Intransparenz. Keiner weiß dann, wie, wo und was entschieden wird. Das löst extreme Unsicherheit aus, und so sind die Mitarbeiter dann auch leichter steuerbar.

Aber die Unsicherheit entsteht doch erst, wenn die Manipulation nicht mehr perfekt ist...
Ja. Wenn die Manipulation noch perfekt ist, fühlt sich das Opfer nicht unsicher und glaubt etwa, dass jemand jetzt alles in seinem Interesse regelt.

Profitieren Rechtspopulisten davon?
Absolut. Wenn die Zukunftskonzepte der etablierten Parteien nicht erfolgreich erscheinen, wenden sich die Menschen in ihrer Unsicherheit gern extremen Positionen zu. Bei den rechten Parteien scheint die Sache zunächst einfach, weil es den starken Mann und strenge Regeln gibt. Wer aber auf Dauer seine Autonomie aufgibt, wundert sich irgendwann, dass es ihm schlechter geht. Die Unsicherheit wird dann viel größer.

Sie zitieren Claude Shannon mit der Aussage: „Es braucht Information, um Unsicherheit zu reduzieren.“ Warum wächst in Zeiten der Informationsflut trotzdem die Unsicherheit?
Es gibt heute unglaublich viele Daten. Aber wenn ich mich sicher fühlen will, brauche ich Informationen, die mir helfen, meine Lebensfrage zu beantworten. Und die sind in der Datenflut gar nicht enthalten. Oft werden relevante Informationen auch bewusst vorenthalten. So ist etwa immer wieder zu lesen, dass man zur Vermeidung von Herzinfarkten Avocados essen und Yoga machen muss. Doch die Hauptursache für Herzinfarkte ist Unsicherheit, die durch soziale Ungleichheit entsteht. Vor allem die unteren Schichten bekommen Herzinfarkte. Diese Ungleichheit kann der Einzelne nicht ändern, sondern die Politik müsste es.

Was kann jeder Einzelne denn tun, um die Unsicherheit in Arbeits-, Privatleben und Gesellschaft reduzieren?
Er muss offensiv und fragend, Informationen sammelnd mitten durch die Unsicherheit hindurchgehen, um diese aufzulösen.

Und wie verhält man sich in unsicheren Situationen, die man gerade nicht ändern kann?
Wenn wir uns nicht aufreiben wollen, um unser Ziel zu erreichen, schrauben wir unsere Erwartungen herunter. Dann akzeptieren wir etwa den Zustand, arm, im Job oder in der Beziehung unglücklich zu sein. Diesen Zustand nennt man Habituation, er findet im Gehirn statt. Aber er hat schwerwiegende Nebenwirkungen. Denn so akzeptieren wir Zustände, die wir früher nie akzeptiert hätten. Das macht die Menschen passiv. Dann sind sie so, wie die dunklen Triaden sie am liebsten hätten.

Und wenn jemand seine Energie auf einen anderen Bereich lenkt, sich etwa in einer unlösbaren Arbeitssituation auf die Freizeit konzentriert?
Dann verändert er ebenfalls seine Zielerwartungen, denn im ursprünglichen Bereich Arbeit wird er passiv. Es bleibt eine Habituation und damit eine zweitrangige Lösung.

Was ist also ist die beste?
Dass man die Unsicherheit nach kurzer Zeit auflöst. Und wenn das nicht geht: Der toxische Stress ist schädlich, aber er eröffnet immerhin die Möglichkeit des Auswegs, weil das Gehirn weiter nach einer Lösung sucht. So ist wenigstens noch Veränderung möglich.

Interview: Pia Rolfs

Zur Person

Achim Peters, geboren 1957, ist Hirnforscher, Endokrinologe und Diabetologe. Er leitet die Forschergruppe „Selfish Brain“ an der Uni Lübeck. 2011 erschien sein Bestseller „Das egoistische Gehirn“. Sein neues Buch „Unsicherheit: Das Gefühl unserer Zeit“ ist im Herbst im Verlag C. Bertelsmann erschienen (432 Seiten, 20 Euro).

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