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Christian Plaß-Dülmer ist Leiter des Observatoriums auf dem Hohen Peißenberg und mit Stationen auf der ganzen Welt vernetzt.

Wetterwarte

Dem Himmel so nah

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Das Meteorologische Observatorium Hoher Peißenberg ist die älteste Bergwetterwarte der Welt. Mit moderner Technik wird heute in Oberbayern gearbeitet – allerdings nicht nur.

Wenn es Abend wird auf dem Hohen Peißenberg, können unerfahrene Besucher der Wallfahrtskirche Mariä Himmelfahrt schon mal religiös werden. Dann geschieht es, dass draußen vor der Kapelle im Pfaffenwinkel allmählich ein grüner Strahl erscheint, der aus der Erde in den Himmel fährt. Es muss sich freilich nicht zwingend um eine Marienerscheinung handeln. Weitaus plausibler ist, dass das benachbarte Meteorologische Observatorium einen Laserstrahl losgeschickt hat, um Ozon zu messen – in zehn bis fünfzig Kilometern Höhe.

Wettertechniker Ulrich Richter misst den Niederschlag mit einer 130 Jahre alten Methode.

Mancher Kirchgänger habe da schon sein grünes Wunder erlebt, erzählen die Leute vom Observatorium. Die Technik, sagt Christian Plaß-Dülmer, der Leiter der Station, weise den Weg in die Zukunft: „Wir wollen die Wolkenbildung besser beschreiben, und der Deutsche Wetterdienst will sehr viel bessere Vorhersagen für regenerative Energiequellen machen.“ Sonne, Wind, die Hoffnungsträger im Klimawandel: Wann stehen sie wo und wie stark zur Verfügung? „Die Wettervorhersage ist eine Wahrscheinlichkeitsaussage“, beschreibt der 58-jährige Physiker. Sie solle so wahrscheinlich wie nur möglich werden. Darum geht’s. Wenn es Morgen wird auf dem Hohen Peißenberg, geht Ulrich Richter zum sogenannten Hellmann-Pott, nimmt eine Kanne heraus und füllt den Inhalt in ein Rohr mit Millimeter-Skala. Fertig ist die Niederschlagsmessung. Richter, 46, Wettertechniker, müsste das nicht machen. Es gibt inzwischen drei automatisierte Verfahren, die die Regen-, Schnee- oder Graupelmenge verlässlich anzeigen. Die Vorrichtung, die der preußische Meteorologe Gustav Hellmann vor mehr als 130 Jahren entwickelte, ist aber immer noch ein ebenso einfacher wie verlässlicher Helfer. Und Richter kann die schneebedeckten Alpengipfel sehen, während er das Wasser umfüllt. Ein Buchfink zwitschert, eine Amsel singt. Es gibt schlimmere Arbeitsplätze. Präzise fünf Zentimeter über dem Boden ist ein Thermometer montiert. Nebenan, in Kopfhöhe, eine kleine hölzerne Klimahütte, auch „Englische Hütte“ genannt, mit einem Hygrometer (misst Temperatur und Luftfeuchte) sowie einem Hüttenpsychrometer (hat nichts mit der Seele zu tun, sondern ebenfalls mit Feuchte).

All diese Geräte gehören zum sogenannten Klimatermin, zu dem echte Menschen mit den Messstellen verabredet sind, und zwar drei Mal täglich: um 7, 14 und 21 Uhr. Das schafft eine Vergleichbarkeit der Werte, denn Hohenpeißenberg ist mit Stationen auf der ganzen Welt vernetzt, von Spitzbergen bis zum Südpol, von Trinidad bis Ostasien. Und so bleibt das auch im Zeitalter der zunehmenden Digitalisierung. Gerüchte über eine angebliche Schließung der Bergstation fegt Christian Plaß-Dülmer vom Tisch wie eine Sturmböe den Bierdeckel. „Wir haben die bemannte Wetterbeobachtung im 30-Minuten-Takt eingestellt, aber für unsere mehr als 50 Leute gibt es viel zu tun in der langfristigen Beobachtung der Atmosphäre.“ Ziel ist es, die kurzfristige Wetterprognose mit den langfristigen Vorhersagen so zu verzahnen, dass ein nahtloser Service entsteht.

Als es losging auf dem Hohen Peißenberg, 1781, waren es Geistliche und Gelehrte, die zunächst von einem Kirchgiebel aus den Wind und die Temperatur maßen. Später übernahm die Wissenschaft. „Wir haben großen Respekt vor dem Mut und der Begeisterung jener Leute“, sagt Plaß-Dülmer, „und wir stehen in der Pflicht, das weiterzuführen.“ Das Observatorium befähige die Forscher, Daten zu sammeln über den Zustand der Atmosphäre, den Einfluss des Menschen darauf – und die Auswirkungen des Wandels auf den Menschen.

Zum 18. Mal in Folge sei der April zu warm gewesen, sagt Ulrich Richter, doch der Januar so schneereich wie noch nie. Am bayerischen Bodensee-Ufer könne es 0,5 Grad kalt sein – und zur gleichen Zeit 21 Grad warm in Berchtesgaden, so passiert vor wenigen Wochen. Richter glüht für seinen Beruf. „Dass ich einen Tag nicht nach dem Wetter sehe, das gibt’s nicht“, sagt er. „Schon als Kind habe ich täglich das Wetter aufgeschrieben. Ich muss immer in den Himmel gucken.“

„Es ist von hier oben schön zu sehen, wenn Sturm aufkommt“, sagt Plaß-Dülmer. „Die Wolkenwalze, gleich ist sie hier, und dann rappelt’s. Das sind Gewalten, die wir Menschen noch nicht so stark beeinflusst haben.“

Ob er sich auch mal übers Wetter ärgert? Klar, sagt der Observatoriumschef. „Besonders wenn es regnet, und ich bin mit dem Rad unterwegs.“ Das kommt öfter vor, dass der 58-Jährige zum 977 Meter hoch gelegenen Arbeitsplatz radelt. Allerdings weitaus lieber, wenn die Sonne scheint auf dem Hohen Peißenberg.

Die Wetterstation

Seit 1781 erforscht das Meteorologische Observatorium Hohenpeißenberg im Landkreis Weilheim-Schongau Wetter und Atmosphäre, älter ist keine Bergwetterstation der Welt. Die Instrumente von einst stehen heute in einer Vitrine; moderne Messgeräte, Apparate und Computer haben die Arbeit übernommen. Es geht darum, wie die Chemie die Atmosphäre verändert, um Klimagase, Sahara-Staub und Wolkenbildung.

Die heutigen Prognosen für fünf Tage gelten als genauso verlässlich wie vor 50 Jahren die Vorhersagen für einen Tag.

Knapp 100 Führungen im Jahr veranstalten die Forscher durchs Observatorium; mit Anmeldung, denn die Nachfrage ist groß. Ohne Anmeldung zu besuchen sind der Wetter- und Klima-Lehrpfad und ein Info-Pavillon. Alle fünf Jahre gibt es einen Tag der offenen Tür, das nächste Mal 2021 zum 240-jährigen Bestehen.

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