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Ein Herzinfarkt ist immer ein lebensbedrohliches Ereignis.

Klimawandel

Herztod durch Hitze

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Der Klimawandel erhöht bei vorbelasteten Menschen das Risiko eines Herzinfarkts.

Den Ratschlag, bei Kälte starke körperliche Anstrengung zu vermeiden, werden viele Herzpatienten vermutlich schon gehört haben. Denn sehr niedrige Temperaturen können bei gesundheitlich vorbelasteten Menschen im schlimmsten Fall einen Infarkt auslösen. Kardiologen raten ihnen deshalb vom Schneeschippen oder Joggen bei Minusgraden ab. Doch auch hohe Temperaturen erhöhen die Gefahr eines Herzinfarkts.

Und das Risiko dafür ist in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, wie Wissenschaftler des Helmholtz-Zentrums und der Ludwig-Maximilians-Universität München, des Augsburger Universitätsklinikums und des Krankenhauses Nördlingen festgestellt haben. Ihre Studie wurde von der Deutschen Stiftung für Herzforschung gefördert. Herz-Kreislauf-Erkrankungen sind trotz aller medizinischen Fortschritte weltweit weiterhin mit Abstand die Todesursache Nummer Eins. Laut aktuellem Deutschen Herzbericht gehen in Deutschland 37,2 Prozent aller Todesfälle auf ihr Konto (zum Vergleich: Krebs 25,3 Prozent). Nachdem in den vergangenen Jahrzehnten die Sterberate nach einem erlittenen Herzinfarkt stetig gesunken war, stagniert sie seit einiger Zeit.

Herzinfarkt: Nicht nur Gene, Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, Rauchen und mangelnde Bewegung sind Risikofaktoren

Mehrere Faktoren können eine Rolle spielen, wenn jemand einen Herzinfarkt erleidet: Dazu gehören eine genetische Disposition, Bluthochdruck, Übergewicht, Diabetes, hohe Blutfettwerte, mangelnde Bewegung und das Rauchen – und eben auch äußere Einflüsse wie das Wetter.

Wissenschaftler gehen bereits seit längerem davon aus, dass starke Temperaturausschläge nach unten und oben einen Infarkt begünstigen können. Den bayerischen Forschern ging es nun darum zu überprüfen, ob und wie sich das Risiko im Laufe der Jahre verändert hat. Dafür nutzten sie Daten des Augsburger Herzinfarktregisters. Einbezogen wurden mehr als 27 000 Herzinfarktfälle zwischen 1987 und 2014. Das Durchschnittsalter der Patienten lag bei 63 Jahren, 73 Prozent waren Männer, 13 000 von ihnen starben als Folge des schweren Ereignisses.

Die Wissenschaftler glichen die Fälle mit den meteorologischen Daten des jeweiligen Tages, an dem es zum Herzinfarkt kam, und der vorgegangenen Tage ab. Mögliche andere Einflussfaktoren wie Wochentage oder den sozioökonomischen Status der Betroffenen rechneten sie heraus. Die wichtigste Erkenntnis: „Über den Zeitraum von 28 Jahren konnten wir ein in den letzten Jahren erhöhtes, hitzeinduziertes Herzinfarktrisiko feststellen“, sagt Kai Chen, Wissenschaftler am Institut für Epidemiologie am Helmholtz-Zentrum München und Erstautor der Studie.

Risiko für Herzinfarkt stärker gewachsen

Außerdem verglichen die Wissenschaftler die Ergebnisse aus dem Zeitraum 1987 bis 2000 mit dem der Jahre zwischen 2001 und 2014. Sie stellten fest, dass in der jüngeren Vergangenheit das Risiko für einen Infarkt stärker gewachsen ist als im vorangegangenen Untersuchungszeitraum.

Die Forscher vermuten, dass die Klimaerwärmung an dieser Entwicklung wesentlich beteiligt ist, denn auch die Durchschnittstemperaturen sind seit der Jahrtausendwende gestiegen. Eine weitere Rolle könnte nach Ansicht der Wissenschaftler spielen, dass Diabetes und erhöhte Blutfettwerte bei der Bevölkerung häufiger vorkommen als früher. Denn sie sind nicht nur ohnehin Risikofaktoren für einen Herzinfarkt, sondern machen Menschen auch noch anfälliger für die negativen Folgen von Hitze.

„Unsere Studie legt nahe, dass hohe Temperaturen als Auslöser für einen Herzinfarkt häufiger mitgedacht werden sollten – insbesondere mit Blick auf den Klimawandel“, sagt Studienleiterin Alexandra Schneider vom Helmholtz-Zentrum München. Sie und ihre Team hatten bereits 2014 herausgefunden, dass extreme Temperaturen zu mehr Todesfällen durch Herzinsuffizienz und Schlaganfall führen.

Hitzesommer könnten Herz-Kreislauf-Erkrankungen zunehmen lassen

Angesichts der Klimaprognosen für die Zukunft sind das keine guten Aussichten. Die Wissenschaftlerin fürchtet denn auch, dass Herz-Kreislauf-Erkrankungen weiter zunehmen werden, sollten sich heiße Sommer wie der des vergangenen Jahres häufiger wiederholen.

Wenn es allgemein wärmer wird, müsste dann nicht gleichzeitig die Zahl der Herzinfarkte durch große Kälte sinken? Tatsächlich deuteten die Auswertungen der Münchner Forscher an, dass zwischen 2001 und 2014 weniger Menschen einen Infarkt erlitten, der mit sehr niedrigen Außentemperaturen in Zusammenhang zu bringen war, als das noch zwischen 1987 und 2000 der Fall war. Allerdings sei das Risiko nicht „signifikant“ gesunken, sagt Alexandra Schneider.

Welche Mechanismen genau zu den Todesfällen durch große Hitze führen, ist nicht bis ins Detail geklärt. Bekannt ist, dass sich die Außentemperatur unter anderen auf den Blutdruck, die Blutgerinnung und die Zähflüssigkeit des Blutes auswirken kann. Starke Kälte führt dazu, dass sich die Herzkranzgefäße verengen und der Herzmuskel mit weniger Blut versorgt wird, wodurch er weniger Sauerstoff erhält. Auch andere Gefäße verengen sich, der Blutdruck steigt, das Herz muss gegen einen größeren Widerstand anpumpen – ist es vorgeschädigt, kann das zur Überforderung und letztlich zum Infarkt führen.

Müssen wir mit einer starken Zunahme der Herztoten rechnen, wenn der Klimawandel weiter fortschreitet? Die bayerischen Wissenschaftler vermuten es. Ein Team um Alexandra Schneider arbeitet derzeit an Hochrechnungen, um zu beziffern, wie sich die Sterblichkeit durch Infarkt künftig entwickeln könnte. Die Forscher gehen dabei von verschiedenen Modellen aus: In einem wird das Ziel des Pariser Klimaabkommens von 2015, die Erderwärmung auf 1,5 Grad gegenüber den vorindustriellen Werten zu beschränken, eingehalten. Im anderen Szenario wird dieses Ziel verfehlt.

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