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Mehr als die Hälfte der Pflegebedürftigen in Deutschland wird von Angehörigen versorgt.

Pflege

Die heillose Überforderung pflegender Angehöriger

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In Deutschland pflegen mehr als eine Million Menschen einen Angehörigen. Zwei aktuelle Studien belegen deren prekäre Situation.

Sich als selbst schon alter Mensch um die an Demenz erkrankte Ehefrau kümmern zu müssen. Als Tochter oder Sohn plötzlich die Pflege für Vater oder Mutter zu übernehmen, obwohl man voll berufstätig ist: In Deutschland befinden sich mehr als eine Million Menschen in dieser schwierigen Lage. Laut statistischem Bundesamt werden 76 Prozent der 3,4 Millionen Pflegebedürftigen zu Hause versorgt, 1,76 von ihnen ausschließlich von Angehörigen. Die meisten dieser Frauen und Männer hatten vorher keinerlei Erfahrung in der Pflege und fühlen sich entsprechend überfordert. In welchem Ausmaß sie das sind und mit welchen gesundheitlichen Risiken das für sie und das pflegebedürftige Familienmitglied einhergeht, belegen zwei aktuelle Studien.

Pflegende erleiden häufig einen Burn-Out

An der Untersuchung „Was pflegende Angehörige brauchen“ der Universität Witten/Herdecke nahmen im Zeitraum zwischen November 2018 und März 2019 mehr als 1400 Frauen und Männer teil; es war einer der bisher umfangreichsten Befragungen zu dieser Thematik im deutschen Sprachraum. Zwei Drittel der Befragten gaben an, durch die Pflege insgesamt stark belastet zu sein, etwa die Hälfte leidet körperlich – und mehr als 70 Prozent fühlen sich emotional stark bis sehr stark belastet.

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Wie schwer das alles auf der Seele liegt, verdeutlichten die Reaktionen einiger Studienteilnehmer. Sie füllten nicht nur die Fragebögen aus, „sondern haben uns auch angerufen und erzählt, wie allein gelassen sie sich mit Ihren Sorgen und Anliegen fühlen“, erzählt Studienleiterin Sabine Bohnet-Joschko, Professorin an der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften der Uni Witten-Herdecke.

Nun bieten ja diverse Institutionen durchaus Beratungen und Hilfe für pflegende Angehörige an, zur Pflege an sich, zu finanziellen Fragen oder dazu, was man für sich selbst tun kann, um nicht irgendwann zusammenzubrechen und einen Burn-Out zu erleiden. Doch die Studie ergab, dass viele diese Angebote gar nicht kennen. „Hier sehen wir Handlungsbedarf“, sagt Sabine Bohnet-Joschko.

64 Prozent der Befragten stemmen die Versorgung des Pflegebedürftigen alleine

Im nächsten Schritt wollen die Wissenschaftler nun die pflegenden Angehörigen in unterschiedliche Gruppen einteilen, um auf dieser Basis gezielt eine bedarfsgerechte Unterstützung zu entwickeln und Handlungsempfehlungen insbesondere für Kommunen und Kreise zu erarbeiten. Das Projekt wird vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales des Landes Nordrhein-Westfalen und den Pflegekassen gefördert. Die Ergebnisse sollen Mitte Dezember vorgestellt werden.

Die zweite Studie richtete ihren Fokus auf die Gabe von Medikamenten, die Angehörige oft sogar dann übernehmen, wenn ein professioneller Dienst für die Pflege in Anspruch genommen wird. An dieser deutschlandweiten Online-Befragung des „Zentrums für Qualität in der Pflege“ nahmen mehr als 1000 Frauen und Männer teil.

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Es stellte sich heraus, dass 76 Prozent regelmäßig an der Medikation beteiligt sind – egal, ob professionelle Pflegekräfte eingebunden sind oder nicht. Insgesamt stemmen 64 Prozent der Befragten die Versorgung des Pflegebedürftigen alleine. Sie holen also auch die Rezepte ab, besorgen die Medikamente, legen ihren Angehörigen die Tabletten zurecht, erinnern an die Einnahme oder helfen dabei. Heikles Terrain. Mehr als 90 Prozent der Pflegebedürftigen müssen täglich Medikamente schlucken, viele von ihnen fünf oder mehr verschiedene Präparate, die miteinander in Wechselwirkung treten können und nicht gleichzeitig eingenommen werden dürfen. 

Die Medikation ist ein besonderer Risikobereich in der Pflege

Das berge die Gefahr von Fehlern, heißt es in der Studie – zumal mit Ärzten, Apothekern, Angehörigen, dem Pflegebedürftigen und eventuell auch Pflegekräften verschiedene Akteure beteiligt seien. Es drohten Missverständnisse und Irrtümer. Deshalb wird die Medikation als besonderer Risikobereich in der Pflege eingeschätzt. „Es ist nicht trivial, Verantwortung für die richtige Medikamenteneinnahme zu tragen, zum Beispiel für Zeitpunkt und Dosis“, erklärt Ralf Suhr, Vorstandsvorsitzender des Zentrums für Qualität in der Pflege. „Schwierig wird es insbesondere, wenn die pflegebedürftige Person vielleicht schlecht greifen oder schlucken kann, die Medikamente immer wieder vergisst oder nicht einnehmen möchte.“ Dadurch drohe „anhaltender Stress“, der sich auch auf die Gesundheit der Angehörigen negativ auswirken könne.

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Diese sind sich der Verantwortung und der potenziellen Gefahren durchaus bewusst. Auf die Frage nach „sicherheitsrelevanten Problemen im Medikationsprozess“ berichteten 77 Prozent von mindestens einem solchen Vorfall im letzten halben Jahr. Gut ein Drittel erklärte, das sei gelegentlich oder sogar oft vorgekommen. Am häufigsten passierte es demnach, dass ein benötigtes Medikament aufgebraucht war (51 Prozent gaben das an), ein Mittel zum falschen Zeitpunkt angewandt wurde (36 Prozent) und dass der Pflegebedürfige die Einnahme ablehnte (33 Prozent). Ein Drittel der Angehörigen plagte zuweilen auch Zweifel, selbst alles richtig gemacht zu haben.

Die Erkenntnisse sollten nach Auffassung des Zentrums für Qualität in der Pflege Konsequenzen für Ausbildung, Forschung und die Angebote im Gesundheitswesen haben – um Pflegebedürftige und ihre Angehörigen künftig besser zu schützen.

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