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Mit Handgepäck ins Unbekannte

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Findet Edinburgh klasse: Malica Schmidt
Findet Edinburgh klasse: Malica Schmidt © Privat

Warum studiert man ausgerechnet in Schottland, im Reich der Schottenröcke, Dudelsäcke und Baumstammwerfer? Malica Schmidt erzählt von ihren positiven Erfahrungen im Auslandsstudium.

Von Malica Schmidt

Ich war noch nie vorher in Schottland. Das Land stand auf meiner Liste der gewünschten Reiseziele ungefähr auf Platz 387 – hinter Kreuzfahrten und Urlaub an der Ostsee. Warum studiere ich nun ausgerechnet dort, im Reich der Schottenröcke, Dudelsäcke und Baumstammwerfer?

Nach meinem Bachelor in Architektur in Weimar arbeitete ich ein halbes Jahr als Praktikantin in einem New Yorker Architektenbüro. Und dann war mir klar: Meinen Master mache ich im Ausland. Meine Wunschunis waren London, München, Darmstadt. Pro forma habe ich mich aber noch bei anderen beworben, darunter an der University of Edinburgh – ich wollte einfach ausprobieren, was möglich ist.

Mein Bachelor-Zeugnis war schnell übersetzt, ein Sprachtest erfolgreich bestanden und mein Portfolio auf Englisch geschrieben. Nach den Zusagen reduzierte ich meine Auswahl auf Darmstadt und Edinburgh, die Städte, die ich kurzfristig auch besuchte. Darmstadt war schön, Edinburgh der Wahnsinn. Ich flog im August hin, während des Fringe Festival und des International Film Festivals mit über zwei Millionen Besuchern. Überall in der Stadt sind dann Straßenkünstler, Schauspieler und Musiker unterwegs – und ja, natürlich wird auch Dudelsack gespielt. Ich war begeistert.

Meine Familie allerdings zuerst nicht: „Ist es dort nicht kalt und nass? Schaffst Du ein englisches Studium überhaupt und wird das auch in Deutschland anerkannt?“ Dazu noch die Kosten, gaben sie zu Bedenken. Ein Jahr Studium in Schottland kostet für Europäer normalerweise 5000 Pfund im Jahr, etwa 7000 Euro. Doch da hatte ich Glück: Auf mich kamen „nur“ rund 1800 Pfund zu. Denn der Master ist für Architekten neben dem Bachelor und zwei Jahren Berufserfahrung zwingend, um in die Architektenkammer aufgenommen zu werden. Auch die Anerkennung in Deutschland ist kein Problem – und meine Eltern gaben sich geschlagen.

Daunendecke am Schreibtisch

Keine zwei Wochen später flog ich mit meinem Handkoffer ab Bremen für 22 Euro ins Unbekannte. Die ersten Wochen übernachtete ich in einem Hostel, weil die Wohnungssuche schwieriger war als gedacht. Als sich dort jedoch Bettwanzen eingeschlichen hatten, musste ich sofort handeln und fand dann doch eine nette WG mit zwei Nordengländern und einem Spanier mitten in der Altstadt. Die Wohnung war schön, aber zugig und im Winter bitterkalt, zumal die Heizung nur stundenweise lief. Deshalb hockte ich oft mit Daunenbettdecke am Schreibtisch. Inzwischen sind wir alle zusammen umgezogen.

Von der knappen halben Million Einwohner Edinburghs sind etwa ein fünftel Studierende, die an drei verschiedenen Universitäten studieren. Eine davon ist die University of Edinburgh, gegründet 1583, sie gilt sie als eine der Top 20 Universitäten der Welt. Arthur Conan Doyle, Autor von Sherlock Holmes, Charles Darwin, Forscher der Evolutionsbiologie und Alexander Graham Bell, Erfinder des Telefons, studierten hier – und jetzt ich.

Der Anspruch dort ist hoch, das merkte ich schnell, als die Uni losging. Grundrisspläne, Ansichten, Schnitte, Perspektiven und Modelle kannte ich bereits aus meinem Bachelorstudium. Neu waren für mich Designbücher – sogenannte Booklets – und die Ausstellung unserer Arbeiten am Ende des Semesters. Mit eigenen Visitenkarten erhoffen sich dabei die Studenten, dass angesehene Architekturbüros auf einen aufmerksam werden. Das bedeutet in den Wochen vor dem Abgabetermin viel Druck und wenig Schlaf. So standen für mich an besonders stressigen Tagen morgens, mittags und abends nur Haferflocken mit Obst auf dem Speiseplan. Das geht schnell und ist dazu noch billig – denn Verpflegungs- und Mietkosten sind höher als in Deutschland.

Studenten auf Besenstilen

Und trotzdem kam der Spaß nicht zu kurz. In der Freizeit bestieg ich mit Kommilitonen den Stadtberg „Arthur’s seat“, probierte in versteckten Bars Whiskey oder erwanderte den knapp 20 Kilometer langen „Water of Leith Walkway“. Auch das Freizeit-Angebot an der Uni ist groß: Es gibt dort 270 Societies und 64 Sport Clubs. Whiskey trinken, zusammen kochen, sich sozial engagieren, stricken, Fußball, Basketball und so ungewöhnliche Sportarten wie Fallschirmspringen und Bogenschießen – alles ist möglich.

Wer etwas völlig Neues ausprobieren möchte, versucht sich am Besensport Quidditch. Den erfand Joanne K. Rowling, als sie im Edinburgher Café „The Elephant House“ den ersten Harry-Potter-Band schrieb. Studentenmannschaften jagen dabei auf Besenstielen dem goldenen „snitch“ hinterher. Ich allerdings habe meine Leidenschaft für Bodenturnen und Salsa enteckt. Außerdem war es für mich als Nicht-Schottin ein Muss, das traditionelle Ceilidh auszuprobieren. Ceilidh bedeutet „zusammenkommen“ und ist ein schottischer Volkstanz, bei dem jeder sich bei dem anderen einhakt und miteinander tanzt. Das schafft Gemeinsamkeit und macht Spaß. Auch schottische Gerichte schmecken, so finde ich jetzt, gar nicht so schlimm, wie sie sich anhören, etwa „Haggis, neeps and tatties“, Schafmagen mit Kohlrübe und Kartoffeln, oder Steakpie, eine mit Steak gefüllte Teigtasche, oder Cranachan, ein Himbeeren-Dessert mit Scotch.

„She´s so friendly“

Ans Englisch sprechen und schreiben gewöhnte ich mich schnell – und den schottischen Akzent fand ich irgendwie lustig. Schottisches Englisch klingt wie Englisch mit rollendem R und wenn die Schotten „she’s so friendly“ sagen, ist es auch herzlich gemeint. Das Wort „wee“ allerdings war neu für mich, es ist Dialekt und bedeutet so viel wie klein, man hört es an jeder Straßenecke. Inzwischen sage auch ich „a wee bit“, ein kleines bisschen, ohne Nachzudenken.

Jetzt, ein Jahr nach Beginn meines Studiums in Schottland, bin ich um viele Erfahrungen reicher und habe mir vorgenommen, meine verbleibende Zeit lockerer anzugehen. Ich bin sicherer geworden und merke, dass mein internationales Profil ankommt: Bei den Bewerbungen für ein Praktikum in den Semesterferien standen mir viele Türen offen. Und was meine Reiseliste betrifft: Das Schottland, das ich kennengelernt habe, steht auf einem der ganz vorderen Plätze.

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