Ausstellung

Die Hände der Fischverkäuferin

  • vonIngeborg Ruthe
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Scharfer Hyperrealismus: Norbert Wagenbrett im Museum der Bildenden Künste in Leipzig.

Jetzt ist die Zeit offenbar reif. Im 30. Jahr der Wiedervereinigung bekommt Norbert Wagenbrett eine erste Schau im Kunstmuseum seiner Heimatstadt Leipzig. Seine einstigen Lehrer an der Hochschule für Grafik und Buchkunst und viele Maler-Kollegen der Generation des heute 66-Jährigen hatten da längst ihren Auftritt.

Endlich ist damit auch Gelegenheit, einen Irrtum auszuräumen: Wagenbrett ist kein Fotorealist, wie gern behauptet wird. Er steht stattdessen in der betont neusachlichen und sozialkritischen Tradition der sogenannten Veristen der zwanziger Jahre namens Otto Dix, Christian Schad, Max Beckmann. Als in der 10. (und letzten) Zentralen Kunstausstellung der DDR 1987/88 seine „Fischverkäuferin“ hing, gab es Schlangen vor dem Bild, viel Identifikation, viel Diskussion – und jede Menge Irritation. Die von der Salzlake verätzten Hände der jungen Frau hatte der junge Maler damals derart drastisch dargestellt, dass empfindsame Schöngeister den Anblick nicht aushielten.

Wie sehr die derbe Arbeit im sozialistischen Fischhandel einem so jungen Menschen zusetzt, eine solche Vivisektion, das wollten auch Kunstfunktionäre der allmächtigen Partei nicht sehen. Wieder einmal hieß es: „So sehen doch unsere Werktätigen nicht aus!“ Das Bild aber blieb hängen. Norbert Wagenbrett war Meisterschüler des DDR-Künstlerfürsten und grandiosen Arbeiter-Malers Willi Sitte und stand unter dessen Schutz.

Die schwer erträgliche Prägnanz der Menschenbilder, die Überzeichnungen und das ins Hyperreale Getriebene – was auch aus der Pop-Art kommt – waren und sind bis heute Wagenbretts Markenzeichen. Er sagt, er sei ein Menschensucher. „Ich gehe zu den Menschen, suche ihre Träume und finde ihre Ängste.“ Er nennt seine Arbeiten lieber „Bildnisse“ als „Porträts“. Letztere stehen für etwas Repräsentatives. Er will vielmehr „Inneres nach außen“ kehren, nennt seine Ausstellung parabelhaft „Vor den Masken“. Das Gesicht unter der Maske, meint er, kenne niemand. „Wenn das Wesen durch die Maske dringt und wie ein wärmendes Licht aus dem Inneren erscheint, wird Unendlichkeit in der Wirklichkeit sichtbar.“

Das Bildnis eines Paares vor einer Zimmerwand mit Masken entstand 2019. Wagenbretts Malstil war und bleibt unverwechselbar, konturlinienbetont und mit einem glatten, kräftig deckenden Farbauftrag. Sonderbar, dass er nach wie vor alle Figuren als „Kniestück“, wie es in der Malereigeschichte heißt, anlegt, ein von Malern eher selten gewähltes Format.

Die perspektivischen Gesetze werden zugunsten der Bedeutungsperspektive unmerklich aufgeweicht. Hände, Nasen, Augen, Münder, die vermeintlich den Charakter einer Person widerspiegeln, werden überbetont. Und nie befinden sich die Gestalten vor leerem Bildgrund, sondern immer in einer Landschaft oder einem überdeutlich erkennbaren Interieur, wie bei dem lolitahaften Mädchen mit dem roten bauchfreien Top vor dem Aquarium. Stets bedingen sich Modell und umgebender Raum gegenseitig, das schafft einen tiefergehenden sozialen Kontext, Psychologisierung zwischen Zeitlosigkeit und Zeitgeist.

Museum der Bildenden Künste,Leipzig: bis 16. August. www.mdbk.de

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