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Digitaler Unterricht boomt – auch an der Gutenbergschule in Darmstadt-Eberstadt.
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Digitaler Unterricht boomt – auch an der Gutenbergschule in Darmstadt-Eberstadt.

Homeschooling

„Gutes Lernen dockt an die Lebensrealität an“

  • Peter Hanack
    vonPeter Hanack
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Im Zuge Digitalisierung muss das Lernen selbst revolutioniert werden, fordern im FR-Interview die Fernuni-Rektorin Ada Pellert und der Netzlehrer Bob Blume.

Homeschooling, Lernen auf Distanz, hat in Folge der Corona-Pandemie enorm an Bedeutung gewonnen. Dabei ist deutlich geworden, dass Deutschland darauf überhaupt nicht vorbereitet war. Nun wird eilig nachgerüstet. Doch der Boom soll nicht allein technische Neuerungen bringen, sondern auch das Lernen selbst revolutionieren, fordern die Unterzeichner:innen des Hagener Manifests. Wir haben mit zwei von Ihnen gesprochen.

Ada Pellert ist Rektorin der Fern-Universität in Hagen. Zuvor war sie als Professorin für Organisationsentwicklung und Bildungsmanagement tätig. Sie gehört dem Digitalrat der Bundesregierung an.

Frau Pellert, Herr Blume, was heißt New Learning?

Bob Blume: Es bedeutet, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, auf das Lernen selbst. Die Frage ist, wie wir im 21. Jahrhundert den Lernprozess gestalten, unabhängig von einer Notsituation, in die Corona die Bildungseinrichtungen nun gebracht hat.

Ada Pellert: Es geht nicht zuvorderst um die Technik, die digitale Ausstattung. Es geht auch nicht um die Inhalte, sondern wirklich darum, wie das Lernen selbst aussieht. Dazu gehört vieles, was schon viele Jahrhunderte lang gut funktioniert, aber auch Neues, bei dem wir jetzt die Chance haben, es umzusetzen, weil Corona dazu einen Anstoß gibt. Das Lernen muss zum Lernenden kommen, und das macht die Technik heute sehr gut möglich.

Bob Blume ist Pädagoge, Autor, Blogger und Netzvideo-Produzent. Er unterrichtet am Windeck-Gymnasium in Bühl (Baden-Württemberg) Englisch, Deutsch und Geschichte und ist dort Oberstudienrat mit dem Schwerpunkt Medienentwicklungsplan und Fortbildung. Als „Netzlehrer“ schreibt Blume regelmäßig in seinem Online-Blog zu Themen der digitalen Bildung, dem Referendariat und der Unterrichtsgestaltung.

Was muss sich ändern, was soll bleiben?

Pellert: Gutes Lernen heißt, dass es mich emotional berührt, es muss an meine Erfahrungen andocken, sonst kann ich es nicht verknüpfen. Daran hat sich nichts geändert. Hinzu kommt, dass wir uns in einer ganz anderen gesellschaftlichen Umgebung bewegen.

Blume: Das Lernen, wie es zumeist in der Schule stattfindet, koppelt sich von der Lebenswirklichkeit vieler Menschen ab. In der Schule ist der Lehrer das einzige Medium, der Überträger einer bestehenden Wahrheit. New Learning heißt aber, anschlussfähig an eine Gesellschaft zu werden, wie sie jeder von uns schon erlebt. Schülerinnen und Schüler erfahren zum Teil einen solchen Lernprozess schon, aber eben außerhalb der Schule. Mir fällt da ein Junge ein, der ganz großartig designen kann, in der Schule aber spielt das nirgends eine Rolle, er bekommt dazu kein Feedback, kann sich nicht vernetzen, die Klassenräume sind ja normalerweise zu. Die Rückmeldungen zu seiner Fähigkeit holt er sich stattdessen über Twitter ein. Auch so funktioniert Lernen. Schule muss dieses Lernen mit Medien einbeziehen.

Pellert: Der Blick muss auf den Lernenden gehen. Die Lehrenden müssen sich für jeden Inhalt eine Form überlegen, die für dessen Vermittlung die beste ist. Präsenz ist gerade für junge Leute wichtig, damit sie sich gegenseitig kennenlernen können. Aber ich muss mich nicht treffen, nur damit einer lexikalisches Wissen weitergibt. Die pädagogische Verantwortung liegt vor allem darin, den Lernprozess so zu gestalten, dass er für den Lernenden funktioniert. Am Ende geht es wohl um eine Mischung aus Präsenz und Distanzlernen.

Blume: Es geht in der Tat nicht um Notfallunterricht, sondern um eine grundlegende Modernisierung. Präsenz ist wichtig, wenn dort Hilfestellungen zum Lernen gegeben werden. Digitalisierung bietet da die Möglichkeit der Erweiterung, wir können das beste aus beiden Welten nutzen. Mit dem flipped classroom beispielsweise kann man bestimmte Lernprozesse nach Hause verlagern, das wird teilweise auch schon gemacht. Individualisierung, die immer wichtiger wird, ist sehr komplex und kaum umsetzbar, wenn man in der klassischen Lehrsituation im Klassenraum verhaftet bleibt.

Das Manifest

Das Hagener Manifest zum New Learning wurde Anfang Oktober veröffentlicht. Inzwischen hat es mehr als 900 Unterstützer:innen. Es fordert in zwölf Thesen, angesichts der digitalen Transformation ein grundlegend neues Verständnis vom Lernen zu entwickeln. Der Text ist im Netz zu finden unter fernuni-hagen.de, dort kann man das Manifest auch unterzeichnen.

Die Fern-Universität in Hagen ist mit rund 75 000 Studierenden die größte ihrer Art in Deutschland. 80 Prozent der Studis sind berufstätig.

Pellert: Manches geht nur in Präsenz, das gilt von Grundschülern bis zu Berufstätigen. Aber diese kostbare Zeit muss ich freiräumen von allem, was ich auch anderweitig lernen kann, vor allem dem vielen lexikalischen Wissen, von dem man die Schule entrümpeln sollte. Damit kann man Zeit schaffen um gemeinsam, im Klassenraum zu reflektieren, was macht Facebook mit uns?

Schülerinnen und Schüler müssen also nicht immer in der Schule sein, um zu lernen. Auch nicht nach Corona. Brauchen wir aber den Digitalisierungsschub durch diese Pandemie, damit das auch umgesetzt wird?

Blume: Dieser Schub ist nötig. Viel mehr Leute wissen, worüber man bei Digitalisierung spricht. Die Gefahr aber besteht, das auf das Technische zu reduzieren als neutralen Überträger. Wir müssen immer auch die Technik selbst betrachten. Doch der Lernprozess selbst muss gar nicht immer mit Technik zu tun haben, das Miteinander, die kostbare Zeit, wie Frau Pellert sie nennt, kann gerade auch ohne den Einsatz von Technik sehr gut genutzt werden. Lehrer müssen sich aber davon verabschieden, der einzige zu sein, der sagt, was jetzt wie gemacht wird.

Pellert: Gutes Lernen dockt an die Lebensrealität an, und Kinder und Jugendliche bewegen sich permanent in einer digitalen Welt. Wenn ich sie dort erreiche, dann kann das das Feuer des Lernen-Wollens anfachen. Lernen kann partizipativer, vernetzter und inklusiver werden.

Blume: Die Partizipation ist sehr wichtig. Und Kinder und Jugendliche müssen die Beurteilungsfähigkeit über die Medien erlangen, die sie nutzen. Denn Ahnungslosigkeit kann schnell zur Überforderung führen, zum Glauben an Fake News, an das Ignorieren wissenschaftlicher Fakten.

Interview: Peter Hanack

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