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Wenn Corona und Grippe zusammentreffen

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Von: Pamela Dörhöfer

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Influenzaviren haben wie Sars-CoV-2 RNA als Erbgut, stammen aber aus einer anderen Familie. Getty
Influenzaviren haben wie Sars-CoV-2 RNA als Erbgut, stammen aber aus einer anderen Familie. Getty © Getty

Eine gleichzeitige Infektion mit dem Grippevirus könnte das Coronavirus Sars-CoV-2 hemmen, wie eine Studie mit Hamstern zeigt.

Frankfurt – Man möchte es sich eigentlich lieber nicht vorstellen: eine gleichzeitige Infektion mit dem Coronavirus Sars-CoV-2 und dem Influenzavirus. Was passiert dann? Addieren sich die Symptome, erkrankt man doppelt so schwer? Eine kürzlich im Fachmagazin „Journal of Virology“ veröffentlichte Studie eines Forschungsteams der Amerikanischen Gesellschaft für Mikrobiologie legt nahe, dass diese Gefahr eher gering ist: Demnach befeuert eine Infektion mit Influenza A eine gleichzeitige mit Corona nicht, könnte sie unter Umständen sogar hemmen – vorausgesetzt allerdings, dass man sich zuerst mit der Grippe angesteckt hat und der Erreger somit bereits „vor Ort“ ist.

In diesem Fall soll das Influenza-A-Virus die Vermehrung von Sars-CoV-2 in der Lunge beeinträchtigen – und zwar mehr als eine Woche lang, nachdem man sich mit Influenza infiziert hat. Diese Studie steht damit im Gegensatz zu einer Arbeit der Universität Edinburgh (Schottland), die Anfang des Jahres im Fachmagazin „The Lancet“ veröffentlicht wurde. Diese kam zu dem Ergebnis, dass Koinfektionen von Grippe und Corona zu leicht erhöhten Sterblichkeitsraten führen.

Neue Studie: Grippe-Infektion könnte Coronavirus ausbremsen

Die Praxis lieferte bislang wenig Anhaltspunkte, um einschätzen zu können, wer Recht hat. Denn in den vergangenen beiden Wintern kam es nur sehr selten zu gleichzeitigen Infektionen (oder sie wurden nicht bemerkt), da die Grippewelle nahezu ausgefallen war. Ein möglicher Grund könnte sein, dass die Influenza durch die Pandemie-Maßnahmen stärker zurückgedrängt wurde als Corona selbst.

Berichte aus Australien, wo gerade Winter ist, deuten jedoch darauf hin, dass es damit vorbei sein könnte. Wurden dort im gesamten vergangenen Jahr – bei extrem strengen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie – nur etwa 600 Influenzafälle gemeldet, so waren es 2022 bis Ende Mai bereits knapp 40.000. Auf dem Portal „Pharma Fakten“ (einer Initiative deutscher Arzneimittelhersteller) ist gar von 150.000 Erkrankungen seit Beginn der Grippesaison die Rede. Allerdings bewegen sich in Australien derzeit auch die Coronainfektionen auf hohem Niveau, im Juli lag die Zahl der täglichen Neuinfektionen bisher bei durchschnittlich 40.000 (Quelle worldometers.info).

Studie zu Corona und Grippe basiert auf Versuchen mit Goldhamstern

Wenn es stimmt, was die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den USA herausgefunden haben, so dürfte sich die gleichzeitige Grippewelle zumindest nicht ungünstig auf die Schwere der Covid-Erkrankungen auswirken. Einschränkend ist allerdings anzumerken, dass die Erkenntnisse des US-Forschungsteams auf früheren Varianten von Sars-CoV-2 beruhen und zudem nicht aus Beobachtungen an Menschen stammen, sondern aus Versuchen mit kultivierten Zellen und Goldhamstern. Den Nagern wurden gleichzeitig Influenza- und Coronaviren verabreicht und die Tiere anschließend regelmäßig untersucht. Außerdem testeten die Forschenden, was passiert, wenn sie die Hamster zunächst mit einem Erreger und drei Tage später mit dem anderen infizierten. Es zeigte sich, dass bei Hamstern mit einer Doppelinfektion die Titer von Sars-CoV-2 in der Lunge teils niedriger waren als bei den Tieren, die nur mit dem Coronavirus angesteckt worden waren. Umgekehrt hemmten Coronaviren Grippeviren nicht.

Die gebremste Vervielfältigung von Sars-CoV-2 durch eine Infektion mit Influenza korrelierte mit höheren Interferon-Spiegeln bei den Hamstern. Interferone sind Teil der nicht spezifischen angeborenen Immunantwort. Als eine Art Frühwarnsystem werden diese Botenstoffe gebildet, wenn eine Zelle von einem Virus befallen ist, um andere Zellen in Abwehrbereitschaft zu versetzen. Wie schnell diese Interferon-Antwort kommt und wie gut sie ausfällt, spielt eine wichtige Rolle dabei, ob eine Infektion mit Corona mild oder schwer verläuft.

Corona und Grippe führt bei Hamstern nicht zu einer schwereren Erkrankung

„Diese Daten deuten auf das Vorhandensein von Faktoren hin, die dem Influenza-A-Virus innewohnen oder durch dieses induziert werden, die das Wachstum von Sars-CoV-2 einschränken können“, schreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Es habe sich gezeigt, dass eine Koinfektion bei Hamstern nicht zu einer schwereren Erkrankung führe. Unklar bleibe allerdings, ob dieser Effekt auch zu milderen Verläufen führe. „Diese Studie könnte als Beispiel dafür verwendet werden, wie eine Immunantwort auf etwas, das nicht damit zu tun hat, Schutz vor Sars-CoV-2 bieten kann“, wird der Mikrobiologe Benjamin R. tenOever von der New York University Langone Health, einer der Autoren, in einem Artikel von „Science Daily“ zitiert. Bereits vor einigen Monaten hatten Forschende aus Katar festgestellt, dass auch eine Grippe-Impfung zu fast 90 Prozent vor schweren Covid-Verläufen schützt.

Der Virologe Ortwin Adams vom Universitätsklinikum Düsseldorf, der nicht an der Studie beteiligt war, sieht es als plausibel an, dass Sars-CoV-2 bei einer Infektion mit dem Influenzavirus gebremst wird. Als Grund führt er auf, dass der Grippeerreger in den infizierten Zellen eine starke Interferon-Antwort erzeuge – so wie es auch bei den Hamstern beobachtet wurde. Der ebenfalls nicht an der Studie beteiligte Virologe Stephan Becker von der Philipps-Universität Marburg, erklärt sich diesen Effekt so, dass die Grippe den Organismus der Hamster „quasi in einen antiviralen Status“ versetze, „bei dem nach der Infektion Interferon-stimulierende Gene hochreguliert werden“. Diese „naive Immunantwort“ hemme „offenbar Sars-CoV-2 stärker als es bei Influenza der Fall ist“.

Studie zu Corona und Grippe: Jede Infektion könnte alleine zu Komplikationen führen

Beide Virologen betonen allerdings, dass man von den Beobachtungen bei Hamstern nicht automatisch darauf schließen kann, dass es sich bei Menschen genauso verhält und eine Koinfektion mit Influenza keinen Risikofaktor für einen schweren Covid-Verlauf darstellt. Für solche grundlegenden Aussagen benötige man Studien an Menschen.

Zudem weist Ortwin Adams darauf hin, dass beide Infektionen für sich bei Risikogruppen „zu schwerwiegenden Komplikationen und Tod“ führen können. Von daher solle man sich vor Ansteckung schützen und „nicht darauf setzen, dass sich die beiden Viren gegenseitig neutralisieren“. (Pamela Dörhöfer)

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