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Ein mögliches Erbe unserer Evolution: Schon der Duft von gegrilltem Fleisch lässt das Wasser im Mund zusammenlaufen.

Wer hat's erfunden?

Der grillende, kochende Affe

Bereits unser Vorfahre, der Homo erectus, hat vor 1,9 Millionen Jahren das Feuer gezähmt - behauptet ein US-Wissenschaftler. Von Frank Ufen

Von Frank Ufen

Rohköstler sind ziemlich arm dran - behauptet zumindest der US-Paläoanthropologe Richard Wrangham. Schimpansen beispielsweise ernähren sich in erster Linie von Blättern und Waldfrüchten. Der Nährstoffgehalt dieser Nahrung ist mager, und sie ist dermaßen zäh und schwer verdaulich, dass die Schimpansen jeden Tag sechs Stunden damit beschäftigt sind, sie zu zerkauen. Ganz ähnlich würde es dem Menschen ergehen, wenn die typischen Rohkost-Mahlzeiten der Menschenaffen auch auf seinem Speiseplan stünden. Würde sich der Mensch hingegen fast ausschließlich von rohem Fleisch ernähren, dürfte er fast rund um die Uhr damit beschäftigt sein, an ihm herumzuknabbern.

Tatsächlich brauchen Menschen fürs Kauen bloß noch ein Fünftel bis ein Zehntel der Zeit, die die Menschenaffen dafür aufbringen müssen. Zu verdanken hat das der Homo sapiens einem seiner direkten Vorfahren, dem Homo erectus, der vor 1,9 oder 1,8 Millionen Jahren auf den Plan getreten ist. Der Homo erectus - behauptet Wrangham - hat nämlich damals das Feuer gezähmt und das Kochen erfunden. Diese Erfindung hat weitreichende Auswirkungen auf die Evolution des Homo sapiens gehabt. Denn zum einen erspart sie viel Zeit. Zum anderen ermöglicht sie eine beträchtliche Steigerung der Kalorienzufuhr. "Diese zusätzliche Energie verlieh den ersten Köchen biologische Vorteile. Sie lebten länger und pflanzten sich erfolgreicher fort als vorher. Ihre Gene breiteten sich stärker aus", erläutert Wrangham.

"Es kam zu Veränderungen des Körperbaus, der Physiologie, der Ökologie, der Lebensgeschichte, der Psychologie und der Gesellschaft." Der Mensch, so Wrangham, ist erst zu dem geworden, der er ist, weil er sich auf gegarte Kost spezialisiert hat. Der Mensch ist nichts anderes als der kochende Affe.

Durch das Erhitzen kommt es nämlich zu einer Art Vorverdauung. Das hat wiederum zur Folge, dass die eigentliche Verdauung, bei der sonst ungeheuer viel Energie verbraucht wird, erheblich erleichtert und beschleunigt wird.

Hitze lässt nämlich die in Pflanzenzellen enthaltenen Stärkekörner aufquellen, sie können von den Verdauungsenzymen leichter zerlegt werden. Ähnliche Prozesse werden in Gang gesetzt, wenn Fleisch erhitzt wird. In beiden Fällen kommt es zu einer Verringerung des Stoffwechselaufwands. Das Kochen lässt außerdem Gifte zerfallen, es tötet Krankheitserreger ab, es hat eine konservierende Wirkung, und es macht etliche Nahrungsmittel überhaupt erst genießbar.

Die Ernährungswissenschaftlerin Susanne Klaus vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke stimmt mit Wrangham weitgehend überein. "Es stimmt, dass uns Menschen das Kochen und Garen neue Quellen zur Ernährung erschließt", sagt sie. So würden viele Kohlenhydrat-haltige pflanzliche Nahrungsmittel durch das Erhitzen erst genießbar - man denke an unsere Kartoffel oder Maniok und Yamswurzeln in den Tropen, die roh sogar giftig sind. "Auch ist die Energiedichte in unseren stark prozessierten Lebensmitteln sehr hoch", erläutert Susanne Klaus.

Wrangham vermutet, dass der Homo erectus es geschafft hat, als erster Hominide in andere Klimazonen vorzudringen, weil er sich von Anfang an diese vorteilhaften Eigenschaften des Gekochten zunutze gemacht hat.

Aber das ist bei weitem noch nicht alles. Das Gehirn ist das Organ, das weitaus am meisten Energie frisst. Die Gehirne der Säugetiere schlucken durchschnittlich acht bis zehn Prozent, die der Primaten durchschnittlich 13 Prozent der aufgenommenen Nahrungsenergie. Das menschliche Gehirn hingegen ist derart groß und komplex, dass für seinen Betrieb 20 Prozent der insgesamt verbrauchten Energie benötigt werden. Ein solch gigantisches und extravagantes Gehirn kann ein Organismus jedoch nur unterhalten, wenn an anderer Stelle Energie eingespart wird. Nach Wrangham konnte es sich der Homo erectus leisten, sein Gehirn wachsen zu lassen, weil er es sich angewöhnt hatte, stärkehaltige Knollen und andere pflanzliche und tierische Nahrung zu erhitzen. Dadurch wurde seinen Verdauungsorganen jede Menge Arbeit abgenommen, und sie begannen zu schrumpfen.

Es ist nicht eine einzige Gesellschaft bekannt, in der nicht regelmäßig gekocht worden wäre. Selbst die als Rohfleischesser verschrienen Inuit haben in Wahrheit jeden Abend eine warme Mahlzeit zu sich genommen. Doch seit wann es die Praxis des Kochens und der kontrollierten Feuerverwendung gibt, ist nach wie vor nicht geklärt.

Verkohlte Holzstücke, Feuersteine und Samen, auf die man im nördlichen Israel gestoßen ist und die als die frühesten eindeutigen Belege für die Beherrschung des Feuers gelten, sind etwa 790000 Jahre alt. Damit sind diese Funde immer noch eine Million Jahre zu jung für Wranghams Theorie. In verschiedenen Teilen Afrikas hat man allerdings verrußte Steinwerkzeuge, verbrannte Lehmbrocken, angekohlte Tierknochen und verfärbte Erdflecken entdeckt. Diese Funde sind bis zu 1,5 Millionen Jahre alt. Doch ihre Interpretation ist umstritten.

Einige Spezialisten argwöhnen, dass man es mit Spuren zu tun habe, die von Buschbränden herrühren. Doch Wrangham lässt sich davon nicht beirren. In seinen Augen gibt es Indizien genug, die für seine Theorie sprechen.

An der Anatomie des Homo erectus lässt sich ablesen, dass er ein schlechter Kletterer gewesen sein muss. Weil er ein schlechter Kletterer war, schlussfolgert Wrangham, wird er nicht mehr auf Bäumen, sondern auf dem Boden geschlafen haben. Das ist jedoch für Primaten derart riskant, dass nur ausgewachsene männliche Gorillas es wagen. Also, erklärt Wrangham, muss schon der Homo erectus im Stande gewesen sein, sich nachts mit Feuer die Raubtiere vom Leib zu halten.

Im Gegensatz zu den anderen Primaten hat der Mensch einen äußerst empfindlichen Magen, und gegen etliche Giftstoffe in ungekochter Nahrung ist er schlecht gewappnet. Und sobald er rohes Fleisch vertilgt, läuft er Gefahr, sich eine Infektion zuzuziehen. Wrangham sieht hierin eine weitere Bestätigung seiner Theorie.

Unterstützung bekommt er von dem Frankfurter Paläoanthropologen Friedemann Schrenk, dem führenden deutschen Hominiden-Forscher. "Vor allem die Tatsache, dass das Gehirn sehr viel Energie benötigt, wird schon lange diskutiert", berichtet er. "Der entscheidende Vorteil beim Kochen pflanzlicher Nahrung ist, dass die Energiegewinnung viel besser wird." Für Friedemann Schrenk ist Wranghams Theorie durchaus diskussionswürdig: "Denn dann begänne das Kochen nicht erst mit Homo erectus, sondern schon früher und wäre eine der Triebfedern in der Evolution der Menschen."

Buchtipp: Richard Wrangham: Feuer fangen. Wie uns das Kochen zum Menschen machte - eine neue Theorie der menschlichen Evolution. DVA, München 2009, 22,95 Euro.

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