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Patienten mit COPD müssen sich oft Sauerstoff zuführen. Viele isolieren sich und vereinsamen.

Internistenkongress

Der Griff zur Tablette allein reicht nicht

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Auch viele Mediziner unterschätzen die positive Wirkung von Sport bei chronischen Erkankungen.

Dass Schonung nicht bei allen Krankheiten angezeigt ist, sondern im Gegenteil körperliche Aktivität wesentlich zur Genesung beitragen kann, weiß man in der Medizin eigentlich seit langem. Sporttherapien prägen das Programm an den Reha-Kliniken, und auch sonst gibt es viele Angebote für Patienten, die beispielsweise einen Herzinfarkt oder ein Krebsleiden überstanden haben.

Gleichwohl werde auch von Ärzten immer noch unterschätzt, welche Bedeutung körperlicher Aktivität und der Steigerung der Leistungsfähigkeit insbesondere bei chronischen Krankheiten zukäme, sagt Claus Vogelmeier, Direktor an der Klinik für innere Medizin des Universitätsklinikums Marburg und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Innere Medizin (DGIM).

Beim 125. Internistenkongress in Wiesbaden soll es unter anderem auch um dieses Thema gehen. Vom 4. bis 7. Mai werden im Rheinmain-Congress-Center Spezialisten Forschungsergebnisse zu dem Themen Herzgesundheit, Onkologie, Infektiologie, Pneumologie und Diabetologie vorstellen.

Mehr Lebensqualität

Die moderne Medizin sei immer noch zu stark dominiert von Therapien, die auf pharmazeutischen Mitteln und Apparaten basierten, kritisiert Vogelmeier. Und das, obwohl zahlreiche Studien belegt hätten, dass körperliche Aktivität eine entscheidende Rolle im Hinblick auf das Überleben spiele. Der Internist denkt dabei vor allem auch an chronische Erkrankungen, die mit Luftnot einhergehen – wie etwa Herzinsuffizienz, Asthma und COPD. Letztere ist die Abkürzung für eine chronisch-obstruktive Bronchitis, eine schwere, fortschreitende Lungenerkrankung, die mit einer Verengung der Atemwege, aber auch mit Veränderungen in der Muskelstruktur verbunden ist – und dadurch zu einem starken Leistungsabfall führt. Körperliche Untätigkeit verschlimmert das Krankheitsbild. Hauptursache einer COPD ist das Rauchen.

„Wir müssen diese Patienten aktivieren. Denn davon hängt ihr Überleben in starkem Maße ab“, sagt Vogelmeier. Sport und klassische Medizin sollten indes nicht zusammenhanglos nebeneinander oder in gegenseitiger Konkurrenz stehen. „Beide müssen ein Tandem bilden“, veranschaulicht es der Internist. Das klingt einfach – wird aber nach Ansicht Vogelmeiers bislang nicht ausreichend auf diese Weise betrachtet. Das habe mehrere Gründe, sagt der Marburger Mediziner: Zwar gebe es in Deutschland viele Reha-Kliniken, aber nicht alle seien von guter Qualität. Außerdem bräuchte es mehr „dezentrale Einrichtungen“ nahe am Wohnort der Patienten.

Patiententag

Nicht nur Mediziner können beim Internistenkongress Neues erfahren. Begleitend findet am Samstag, 4. Mai, ein Patiententag im Rathaus Wiesbaden am Schlossplatz statt. Auf dem Programm stehen zwischen 10 und 17 Uhr Vorträge aus den verschiedenen Gebieten der inneren Medizin. Themen sind unter anderem das Verhalten bei Notfällen, Neuigkeiten aus der Herzmedizin, was man über Demenz wissen sollte, das Leben mit Asthma und COPD, Magen-Darm-Erkrankungen bei Kindern und älteren Menschen, rheumatologische Erkrankungen und Schilddrüsenerkrankungen.

Auch ein Theaterstück wird zu sehen sein: Das Ensemble des Galli Theaters Wiesbaden zeigt am Samstag um 14 Uhr im Stadtverordnetensitzungssaal seine Inszenierung: „Hast du heute schon vergessen?“, bei dem es um das Thema Demenz geht. Weitere Infos.

Doch das Thema Lungensport sei insgesamt noch eine „relativ zarte Pflanze“. Dabei ließen sich durch Bewegung gerade bei diesen Patienten „frappierende Erfolge“ erzielen, sagt Vogelmeier. Mit speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenem Sport könnten sie nicht nur ihren körperlichen Zustand verbessern, sondern auch Lebensqualität zurückgewinnen, erklärt der Marburger Mediziner, der selbst eine Studie mit rund 2000 COPD-Patienten leitet. Weil diesen alles schnell zu anstrengend werde, isolierten sich Lungenkranke oft. „Viele vereinsamen und werden depressiv“, sagt Vogelmeier. Häufig seien die Patienten in einem „Teufelskreis“ gefangen: „Aufgrund ihrer organischen Erkrankung leiden sie unter Luftnot. Deshalb vermeiden sie alles, was diese Symptome hervorruft. Doch gerade dieses Vermeidungsverhalten führt dann zu einer Verschlimmerung.“ Gleichzeitig schade die Inaktivität auch der Muskulatur. Die Folge von alldem: Eine Abwärtsspirale setze sich in Gang.

Es reiche allerdings nicht allein aus, die entsprechende Infrastruktur mit gut erreichbaren und passenden Sportangeboten zu schaffen. Auch die Patienten selbst, die aufgrund ihrer Erkrankung meist ein passives Leben führten, müssten dazu motiviert werden, etwas zu ändern.

Vogelmeier geht davon aus, dass das mit der künftigen Generation von Patienten leichter sein wird. Die heute Jüngeren seien es eher gewohnt, ihren Körper zu beobachten. Viele nutzten Apps auf dem Smartphone für ihre Fitness oder tragbare Systeme, sogenannte Wearables, um Körperfunktionen oder Aktivität aufzuzeichnen (das Thema Digitalisierung wird ebenfalls ein großer Schwerpunkt des Internistenkongresses in Wiesbaden sein.)

Aber auch die behandelnden Ärztinnen und Ärzte nimmt Claus Vogelmeier in die Pflicht: Sie dürften nicht nur auf die Gabe von Medikamenten, auf Apparate und Eingriffe setzen, sondern müssten ein „ganzheitliches Denken“ dahingehend entwickeln, dass diese klassischen Mittel alleine nicht ausreichen.

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