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Brände in Sibirien, aufgenommen vom Sentinel-2-Satelliten der europäischen Weltraumorganisation Esa am 25. Juli dieses Jahres.
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Brände in Sibirien, aufgenommen vom Sentinel-2-Satelliten der europäischen Weltraumorganisation Esa am 25. Juli dieses Jahres.

Klimawandel

1,5 Grad besänftigen das Wetter nicht

  • VonJörg Staude
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Der Weltklimabericht enthält zum ersten Mal ein Kapitel über extreme Ereignisse.

Die Welt scheint zu brennen. In Kalifornien grassiert das sogenannte Dixie-Feuer, der zweitgrößte Waldbrand in der Geschichte des US-Bundesstaats. Bisher legte das Feuer eine Fläche größer als Los Angeles in Asche. Dagegen nehmen sich die ebenso verheerenden Brände im Mittelmeerraum nahezu als lokale Ereignisse aus. Am schlimmsten wüten die Brände allerdings in Sibirien. Ihre riesigen Rauchwolken haben sich inzwischen Tausende Kilometer nach Norden bewegt und den Nordpol erreicht, wie Satellitenbilder zeigen. Durch die weltweiten Feuer wurde schon jetzt mehr Kohlendioxid in die Atmosphäre ausgestoßen als in der Brand-Rekordsaison 2020, sagen Beobachter. Die Emissionen lägen sogar doppelt so hoch wie im Schnitt der Jahre 2003 bis 2020.

Angesichts des am Montag veröffentlichten neuen Weltklimaberichts sind das keine guten Nachrichten. Ist der Zustand des Weltklimas möglicherweise noch schlimmer, als er im ohnehin wenig hoffnungsvollen Bericht gezeichnet wird? Tatsächlich arbeiten die für den Bericht verwendeten Klimamodelle mit historischen Emissionsdaten, die im Zeitraum von 1850 bis 2014 erhoben wurden, erklärt Klimawissenschaftlerin Veronika Eyring vom Institut für Physik der Atmosphäre am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt.

Mit diesen Daten, die auch Emissionen aus Waldbränden umfassen, sind dann, vereinfacht gesagt, die Klimamodelle „gefüttert“ worden. Zwar enthalte die Datenbasis nicht die aktuellen Brände, so Eyring, „wir können aber Aussagen treffen aufgrund dessen, was die Simulationen uns aus der Vergangenheit dazu sagen“. Wie auch andere am Weltklimabericht Beteiligte lässt Veronika Eyring keinen Zweifel daran, dass der sechste Weltklimabericht eine neue Qualität verkörpert. Datengrundlagen und Klimamodelle seien ebenso verbessert geworden wie die Methoden, diese zu analysieren, so die Forscherin. „Wir haben insgesamt ein genaueres Bild des Klimawandels und können ihn besser verstehen und vorhersagen, als das je zuvor möglich war.“

Erstmals konnte Eyring zufolge auch gezeigt werden, dass durch menschliche Aktivitäten extreme Wetterereignisse wie Hitzewellen und Starkregen häufiger und intensiver werden. Diesem Zusammenhang räumt der Bericht erstmals ein eigenes Kapitel ein: In Kapitel 11 geht es um „Wetter- und Klimaextremereignisse in einem sich ändernden Klima“.

Möglich wurde die Erweiterung auch wegen der Fortschritte in der sogenannten Attributionsforschung. Der neue Forschungszweig befasst sich mit der Frage, welchen Anteil der Klimawandel am Zustandekommen konkreter Extremereignisse hat. „Durch den Klimawandel sind Extremereignisse in allen Regionen der Welt bereits häufiger und heftiger geworden. Das können wir jetzt sehr gut belegen“, sagt Friederike Otto, Direktorin des Environmental Change Institute an der Universität Oxford und eine der Leitautorinnen von Kapitel 11.

Was die Wetterextreme betrifft, macht Otto der Menschheit allerdings wenig Hoffnung. Auch in einem 1,5-Grad-Szenario – wenn es also gelingt, das strengere Klimaziel des Paris-Abkommens einzuhalten – wird sich ihrer Prognose nach die Wahrscheinlichkeit speziell von Hitzewellen deutlich erhöhen. Auch das Auftreten von verknüpften Extremen werde wahrscheinlicher, wenn es etwa gleichzeitig zu Hitze und Trockenheit kommt.

Die Ursache für die stärkere Zunahme von Extremen liegt für Otto darin, dass die Menschheit immer mehr Treibhausgase emittiert und damit die Erwärmung beschleunigt. „Wenn die Emissionen zurückgehen, auch das zeigt der Bericht, werden die Veränderungen sich verlangsamen“, betont sie.

Allerdings werde das nicht von heute auf morgen geschehen. Selbst wenn die Emissionen nun Jahr für Jahr drastisch sinken sollten, werde sich das bei der CO2-Konzentration in der Atmosphäre erst nach fünf bis zehn Jahren bemerkbar machen, bei der globalen Durchschnittstemperatur sogar erst nach 20 Jahren.

Von den fünf plausiblen Emissionsszenarien, die der Weltklimabericht von der Zukunft zeichnet, bleibt übrigens nur bei zwei Szenarien die Erderwärmung unter zwei Grad. Das 1,5-Grad-Limit kann demnach nur noch eingehalten werden, wenn zur Mitte des Jahrhunderts, also in knapp 30 Jahren, die CO2-Emissionen weltweit bei null liegen.

Bei einem späteren Erreichen der Nullmarke – um das Jahr 2070 herum – ist es laut dem Bericht zwar auch noch möglich, unter zwei Grad Erwärmung zu bleiben. Aber dann müssten laut dem entsprechenden Szenario jährlich bis zu zehn Milliarden Tonnen CO2 der Atmosphäre entzogen werden – wie, ist noch weitgehend unklar.

Die einzige Chance, das Pariser Klimaziel noch zu erreichen, liegt für den Klimaforscher Jochem Marotzke vom Max-Planck-Institut für Meteorologie darin, schnell und nachhaltig die Emissionen herunterzufahren. „Das muss noch in diesem Jahrzehnt passieren.“ Und selbst dann bestehe noch eine „erhebliche Wahrscheinlichkeit“, über die 1,5 Grad hinauszugehen, warnt Marotzke.

Offenbar muss die Menschheit ab jetzt mit einer doppelten Unsicherheit leben: Selbst strenge Klimamaßnahmen können nicht mehr garantieren, dass die 1,5 Grad noch eingehalten werden können – und umso unsicherer ist auch, inwieweit sich davon die Extremwetter-Entwicklung in nächster Zeit besänftigen lässt.

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