+
Wie gefährlich das Unkrautvernichtungsmittel Glyphosat ist, ist hoch umstritten.

Landwirtschaft

Glyphosat im Faktencheck

  • schließen

Für das Herbizid werben Agrarkonzerne und Bauernverband gern mit dem Klimaschutz. Wirklich belegt ist der positve Effekt nicht.

Schlecht für die Artenvielfalt und möglicherweise auch krebserregend: Glyphosat ist hoch umstritten. Dass der deutsche Landwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU) dem Pflanzengift durch sein Votum im EU-Ministerrat offenbar eigenmächtig fünf weitere Zulassungsjahre beschert hat, entzweit die Bundesregierung.

Der Deutsche Bauernverband hingegen lobt die Zulassung als „überfällig und folgerichtig“. Kein Wunder: Glyphosat ist der am häufigsten eingesetzte Wirkstoff in Herbiziden, auch in Deutschland. Dem Umweltbundesamt zufolge wird auf rund 40 Prozent der Felder mindestens einmal jährlich Glyphosat gespritzt, beim Raps sogar 90 Prozent.

Der Agrarkonzern Monsanto, der Glyphosat als erster für ein kommerzielles Herbizid genutzt hat, wirbt mit einem schlagenden Vorteil des Gifts: Es helfe bei der klimafreundlichen Landwirtschaft. Auch der Bauernverband beruft sich darauf. Das Agrarwesen hat Klimaschutz-Lösungen bitter nötig. In Deutschland sind die Treibhausgas-Emissionen des Sektors in den vergangenen Jahren sogar wieder gestiegen.

Eine Umverteilung im Boden

Monsanto erklärt den angeblichen Klimaschutzeffekt des Glyphosats damit, dass man durch dessen Einsatz gegen Unkräuter gar nicht mehr oder zumindest weniger pflügen muss. Hinter dem Argument steckt eine einfache Überlegung. Böden sind CO2-Speicher, weil sie totes Pflanzenmaterial enthalten – den sogenannten Humus, der zu 60 Prozent aus Kohlenstoffverbindungen besteht. Mikroorganismen im Boden ernähren sich von der organischen Substanz, dadurch kann wieder CO2 freiwerden.“ Wenn der Boden ständig aufgebrochen wird, wird die organische Substanz für die Mikroorganismen besser zugänglich“, sagt Hans-Jörg Vogel vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung in Halle. „Die Studienlage dazu ist allerdings keineswegs eindeutig.“

Auch das Thünen-Institut für Agrarklimaschutz erforscht, welche Art der Bodenbearbeitung besser fürs Klima ist. Nach der Einschätzung des Agrarwissenschaftlers Heinz Flessa macht es dabei kaum einen Unterschied, ob gepflügt wird oder nicht. Schließlich kommt es für die CO2-Bilanz in erster Linie darauf an, wie viel Humus insgesamt im Boden gespeichert wird – wo, ist zunächst erst einmal unerheblich.

Durch das regelmäßige Pflügen findet lediglich eine Umverteilung im Boden statt. Während dann auf Höhe des Pfluges der Humusgehalt fast gleichmäßig ist, reichert sich Humus bei der so genannten konservierenden Bodenbearbeitung ohne Pflügen verstärkt in den obersten 10 bis 15 Zentimetern des Bodens an.

Kein eindeutiges Für oder Wider

Anders sieht es aus, wenn der Humus tiefer im Boden vergraben wird, wie es etwa früher beim so genannten Tiefpflügen der Fall war. Heute pflügt man die Erde etwa bis in 30 Zentimeter Tiefe, noch bis in die Siebzigerjahre hinein setzte man aber teilweise Pflüge ein, die die Erde mindestens 60 Zentimeter tief umgruben. „Unsere Untersuchungen haben gezeigt, dass der Unterboden ein höheres Potenzial hat, Kohlenstoff langfristig zu speichern“, sagt Flessa.

Hier findet also nicht nur eine Umverteilung statt. Das Tiefpflug-Verfahren wurde allerdings schon früher nur bei besonders schwierigen Böden eingesetzt – und ist mittlerweile völlig aus der Mode gekommen. Es begünstigt Erosionen noch mehr als das heute normale Pflügen und ist sehr aufwendig.

Aus Klimagründen gibt es kein eindeutiges Für oder Wider bei der heute üblichen Bodenbearbeitung. Das gilt auch, wenn man indirekte Effekte einrechnet: „Die Bodenbearbeitung mit dem Pflug erfordert eine höhere Zugkraft und damit einen höheren Dieseleinsatz, was natürlich Treibhausgasemissionen verursacht, die man sich ohne das Pflügen spart – dafür erfordert die pfluglose Bearbeitung eine intensivere chemische Unkrautregulierung, wofür meist das Totalherbizid Glyphosat verwendet wird“, sagt Flessa.

Außerdem steige das Risiko von Pilzbefall der Nutzpflanzen durch die an der Erdoberfläche verbleibenden Erntereste. Die höheren Aufwendungen für den chemischen Pflanzenschutz seien wiederum mit Treibhausgasemissionen verbunden. „Insgesamt ist die CO2-Bilanz damit sehr ähnlich.“

Einen leicht positiven Effekt könnte es fürs Klima haben, wenn der Boden überhaupt gar nicht mechanisch bearbeitet wird. Das kommt in Deutschland so gut wie nicht vor: Hierzulande bedeutet pfluglos meist, dass stattdessen ein so genannter Grubber eingesetzt wird. Das Gerät durchzieht die Erde statt sie zu wenden. Auch der Grubber muss von einem Traktor bewegt werden, wenn auch unter geringerem Energieaufwand, und ein Totalherbizid wird trotzdem gebraucht.

In anderen Ländern vernichten manche Bauern mittlerweile ihr Unkraut nur noch mit Herbiziden und sparen sich den Dieselantrieb zum Pflügen damit komplett – manche Studien attestieren hier eine etwas bessere CO2-Bilanz gegenüber normalem Pflügen.

Auch hier gibt es ein möglicherweise großes Aber: „Tendenziell begünstigt der Verzicht auf das Pflügen die Bildung von Lachgas in Böden, die zu Sauerstoffmangel neigen“, sagt Flessa. Das zählt auch zu den Treibhausgasen, ist allerdings rund 300-mal klimawirksamer als Kohlendioxid – das könnte die Klimabilanz des pfluglosen Ackerbaus an manchen Standorten deutlich verschlechtern. Hierzu gebe es bisher allerdings nur erste Ergebnisse, meint Flessa. „Wir müssen das weiter untersuchen.“

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare