+
Geschafft: Die UN-Spitze Christiana Figueres, Ban Ki-Moon und der französische Präsident François Hollande.

Klimagipfel

Glückliche Gesichter in Paris

  • schließen

Wie unser FR-Autor Joachim Wille den historischen Moment beim Klimagipfel erlebte – und den Weg bis dorthin.

Darf man das? Als Journalist? Von Stuhl aufspringen, in die Hände klatschen, die Kollegen umarmen? Eigentlich nicht. Aber es musste sein. Auch im nüchternen Pressezentrum brach Jubel aus, als Gipfelpräsident Laurent Fabius verkündete: Der Paris-Vertrag ist angenommen. Und ums Haar hätte ich den geschichtlichen Moment auch noch verpasst. Nicht mal eine Minute dauerte es, nachdem Fabius das offizielle Abschlussplenum der UN-Klimakonferenz eröffnet hatte. Da war das erste globale Klima-Abkommen auch schon verabschiedet. Gegenstimmen: null. Am 12.12.2015, 21.25 Uhr. Es schien, als könne Fabius es selbst nicht glauben. Nahm den Hammer, mit dem Konferenzen besiegelt werden, nochmal hoch. Und hämmerte im Blitzlicht. Und hämmerte.

Ich weiß es natürlich. Und jeder, der sich nur ein bisschen mit der Materie befasst hat, weiß es: Der Paris-Vertrag ist zwar historisch. Doch er löst das Problem Klimawandel nicht. Er beschreibt das richtige Ziel: die Aufheizung des Planeten zwischen 1,5 und zwei Grad zu stoppen. Aber er ist nur der Anfang der Lösung, und das Problem wird die Welt noch Jahrzehnte, wahrscheinlich sogar die nächsten Jahrhunderte, beschäftigen. Trotzdem ist „Paris“ ein Einschnitt. Auch persönlich.

Seit rund einem Vierteljahrhundert schreibe ich über das Thema Klimawandel. Schon in den 1980er Jahren war in den Grundzügen klar, welches gefährliche Großexperiment die Menschheit mit dem Planeten anstellt. Und die schien das kollektiv zu begreifen, die „Selbstrettung“ zu starten – beim UN-Erdgipfel 1992 in Rio de Janeiro. Doch diese erste Mega-Konferenz nach dem Ende des Kalten Krieges mit 130 Staats-und Regierungschefs, darunter Bush senior, Kohl, Mitterrand und Castro, war ein weltpolitischer Lichtblick. In Rio wurde die Weltklimakonvention verabschiedet. Ziel: einen „gefährlichen menschengemachten Klimawandel“ zu verhindern. „Wir waren so euphorisch“, sagte Klaus Töpfer, der damalige Bundesumweltminister, einer der aktivsten Rio-Verhandler. Die kleine Gruppe der Journalisten, die das damals miterlebte, auch.

Doch dann die Ernüchterung, die Mühen des klimajournalistischen Flachlands, die erst jetzt, in Paris, endeten. Los ging das schon bei der „COP 1“ in Berlin 1995. Es hatte sich eine ganz andere als die Rio-Agenda durchgesetzt. Die Regierungen der Big Player – wie USA, Australien, Kanada über China bis zur Gruppe der Entwicklungsländer – wählten andere politische Prioritäten: Neoliberalismus, Deregulierung, Wachstum um jeden (Umwelt-)Preis. Die 20 Weltklimagipfel, die es vor Paris gab, wurden zum Ausdruck dieser Schizophrenie: Bei den Treffen, ob in Kyoto, Bali oder Poznan – das Gute proklamiert, das Falsche getan. Es entstand das Image der Klimagipfel als rasender Stillstand. Als dann endlich 2009, 17 Jahre nach Rio, das globale Klimaabkommen beschlossen werden sollte, wurde es ein Flop. In Kopenhagen mutierte „Hopenhagen“ in „Nopenhagen“.

Es war ein beklemmendes Gefühl, nach Paris zu fahren, in die Stadt, die zwei Wochen vorher ein terroristisches Blutbad erlebt hatte, im Trauma steckte. Und noch beklemmender, auf dem Weg zur Konferenz an jener Stelle vorbeizukommen, wo einer der Selbstmordattentäter einen Menschen mit sich in den Tod gerissen hat. Doch der Gipfel wurde nicht abgesagt. Zu Recht, weil das die Terroristen bestätigt hätte.

Und zum Glück, weil Paris einen Kontrapunkt zur Welt der Krisen setzt. 195 Länder haben sich trotz ihrer riesigen Differenzen in Kultur, Geschichte, Wirtschaft und Interessen auf ein gemeinsames Ziel einigen können.

Noch nie habe ich so viele glückliche Gesichter von so unterschiedlichen Menschen wie an diesem Abend in Paris gesehen. Das erlebt zu haben, ist schön.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare