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„Glück ändert seine Farbe im Laufe des Lebens“

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Von: Pamela Dörhöfer

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Am zufriedensten sollen Menschen im „dritten Lebensalter“ zwischen etwa 65 und 85 Jahren sein.
Am zufriedensten sollen Menschen im „dritten Lebensalter“ zwischen etwa 65 und 85 Jahren sein. © Getty Images

Der Mediziner Tobias Esch erklärt, warum ältere Menschen meist zufriedener sind als jüngere und welche Rolle das Gehirn dabei spielt.

Ältere Menschen sind in der Regel glücklicher und zufriedener als junge Erwachsene und Menschen in mittleren Jahren, sagt der Mediziner Tobias Esch. Der Leiter des Instituts für Integrative Gesundheitsversorgung und Gesundheitsförderung an der Universität Witten/Herdecke hat dazu im Fachmagazin „Biology“ ein Grundsatzpapier veröffentlicht. Es liefert eine Erklärung für das „Zufriedenheitsparadox“ und fasst gleichzeitig die Ergebnisse seiner langjährigen Forschungsarbeit zum Belohnungssystem des Gehirns zusammen.

Herr Esch, wie kann es sein, dass ältere Menschen zufriedener sind als jüngere, obwohl sie oft gesundheitliche Beschwerden haben und vieles nicht mehr so machen können wie früher? Das widerspricht dem gängigen Bild, das viele vom Alter haben.

Genau deshalb nennen wir es das Zufriedenheitsparadox. Wenn wir von Glück sprechen, unterscheiden wir drei Zustände. Der eine ist das, was man den Glücksmoment, die Euphorie, den Thrill nennt – das ekstatische Gefühl auch der Vorfreude, das aber, wie jeder Mensch weiß, vergänglich ist. Der zweite Zustand ist das im Gegensatz dazu nicht lustbetonte Erleichterungsglück, das sich einstellt, wenn Unglück eine Pause einlegt. Der dritte lässt sich mit Glücksseligkeit oder Zufriedenheit umschreiben, ein Zustand, in dem ich weder Vorfreude empfinde noch von etwas Unangenehmem wegkommen will, sondern das Gefühl habe, jetzt passt alles. Diese dritte Art des Glücks trifft auf viele ältere Menschen zu, sie sind zufriedener als andere Altersgruppen. Und, ja, man kann sich fragen, wie das möglich sein soll angesichts zunehmender Gebrechen, die vieles beschwerlicher machen. Der entscheidende Punkt ist hier wohl, dass sich der Mensch im höheren Alter von diesen Dingen mehr und mehr emanzipiert, etwa von der Idee, dass für Glück ein gesunder Körper und Dinge, die von außen kommen, entscheidend sind. Ältere finden so zu einer inneren Freude und Zufriedenheit.

Warum hält sich dann hartnäckig die Vorstellung, dass Ältersein Mühsal bedeutet und es Älteren tendenziell eher schlecht geht?

Das Klischee vom einsamen und dadurch verbitterten alten Menschen stimmt so nicht. Daten zeigen sogar, dass 30-Jährige fast doppelt so häufig unter Depressionen leiden wie 60- bis 70-Jährige. Allerdings hat der zufriedene ältere Mensch meist nicht das Bedürfnis, der ganzen Welt da draußen zu zeigen, dass es ihm gut geht. Diejenigen, die wir hören und wahrnehmen, sind die unzufriedenen. Aber wenn man ältere Menschen direkt fragt, bekommt man überproportional oft die Antwort: Mir geht es gut.

Diese Selbsteinschätzung hat ihren Erkenntnissen zufolge viel damit zu tun, dass sich im Laufe des Lebens ändert, was als Glück empfunden wird.

Das Glück ändert seine „Farbe“ im Laufe des Lebens. Für Jugendliche und junge Erwachsene ist Glück geprägt durch Vorfreude, Lust und Ekstase. In der mittleren Lebensphase kommt es oft zu Belastungen durch Konflikte am Arbeitsplatz und in der Familie, zu Stress und Überforderung bis hin zum Burnout, zu finanziellen Problemen und ersten ernsthaften Erkrankungen. Verschwinden diese Belastungen vorübergehend, wird diese Erleichterung als Glück empfunden. Glückseligkeit im Alter dagegen ist das Gefühl, am richtigen Ort zur richtigen Zeit zu sein, in sich selbst zu ruhen. Über die Lebenszeit verläuft diese Bewegung von Vorfreude über Stressvermeidung bis hin zum Ankommen wie eine U-Kurve.

Sie schreiben, dass Glück kein kognitives Konstrukt sei, sondern ein Gefühl, das auf der physiologischen Aktivität der Belohnungs- und Motivationssysteme des Gehirns beruhe. Können Sie erklären, wie das mit ihrem Drei-Stufen-Modell zusammenhängt?

Wir haben gesehen, dass unterschiedliche Areale im Gehirn und unterschiedliche Botenstoffe für die drei Glückszustände verantwortlich sind und dass diese auch biochemisch auseinander hervorgehen. So wird das Vorfreude-Glück vor allem durch die Ausschüttung von Dopamin im hirneigenen Belohnungssystem charakterisiert, wohingegen die selbstregulierte Modulation von Stresshormonen – wie Cortisol und Adrenalin – dort eine innere Erleichterung signalisiert. Und schließlich werden als „Abbauprodukt“ dieser beiden Zustände und der beteiligten Botenstoffe endogene Opiate freigesetzt: Glückseligkeit. Auch Oxytozin als Hormon der Verbundenheit ist hieran beteiligt und wird ebenfalls – außer im Rahmen der frühen Mutter-Kind-Bindung – vor allem im Alter vermehrt ausgeschüttet.

Sie beschreiben die biologischen Vorgänge, die hinter den verschiedenen Glückszuständen stehen. Welchen Einfluss aber nehmen äußere Faktoren?

Das ist ein spannendes Thema. Dahinter steht auch die Frage, inwieweit Glück kulturell geprägt ist. Erstaunlicherweise finden wir diese U-Kurve beim Glücksempfinden praktisch in allen Ländern der Welt, auch in ärmeren und unabhängig davon, ob Krieg herrscht. Wir denken, dass es sich um ein universelles Prinzip handelt, auch wenn wir nicht davon ausgehen, dass es völlig losgelöst von kulturellen Faktoren ist. Aber es scheint ein ganz altes biologisches Prinzip zu sein, die entsprechenden Botenstoffe finden sich bereits bei einfacheren Lebewesen wie Muscheln und Schnecken.

Welche Rolle spielen individuelle Faktoren wie der Lebensstil?

Davon kennen wir einige. Bewegung gehört dazu, der Verzicht auf Rauchen und ganz allgemein das Gesundheitsverhalten. Eine sehr wichtige Rolle spielt der soziale Faktor. So hat etwa die seit fast 80 Jahren laufende Harvard Study of Adult Development gezeigt, dass viele besonders glückliche Menschen bis ins hohe Alter in eine soziale Gemeinschaft eingebunden sind. Das Gefühl, in einem Wir aufgehoben zu sein, hat großen Einfluss auf die Lebenszufriedenheit. Dazu gehört auch, etwas von sich selbst zu geben, eine Art Vermächtnis zu haben. Eng damit verknüpft sind zudem das Gefühl, eine irgendwie geartete Sinnhaftigkeit im Leben empfinden zu können, der Glaube, dass etwas existiert, das größer ist als man selbst. Als letzter Faktor spielt schließlich noch die Fähigkeit eine Rolle, Dinge, die nicht mehr da sind, innerlich loslassen zu können, sei es beim Thema Gesundheit oder Partnerschaft. Das kann man durchaus trainieren. Allerdings: Diese Faktoren nehmen zwar Einfluss, sie scheinen aber nicht in der Lage zu sein, das beschriebene Grundprinzip aufzuheben.

Wie wichtig ist Geld dabei?

Es spielt solange eine Rolle, wie jemand finanzielle Sorgen hat. Wenn Menschen eine Grundsicherung haben, wird die Bedeutung von Geld immer geringer.

Gibt es Unterschiede zwischen den Geschlechtern?

Ja, das ist ganz interessant: Bei Männern geht die U-Kurve steiler nach unten und dann steiler wieder nach oben. Ihr Tiefpunkt ist tiefer als bei Frauen, allerdings überholen die Männer sie im Alter von 63 Jahren bei der Lebenszufriedenheit. Für das Alter ab etwa 75 lassen sich keine zuverlässigen Aussagen mehr treffen, weil Männer im Schnitt etwa fünf Jahre früher sterben als Frauen.

Wenn Sie von älteren Menschen sprechen, welche Altersgruppe meinen Sie konkret? Die Spanne ist ja riesig, oft werden bereits 60-Jährige als „Ältere“ bezeichnet, einige Menschen werden aber auch 100.

Die Wissenschaft spricht heute von vier Lebensaltern: der Jugend, die mit 20 bis 25 Jahren endet, dem Erwachsenenalter von 25 bis früher 59, heute eher 65, dann dem mit der Berentung beginnenden dritten Lebensalter, das bis etwa 80 oder 85 dauert und schließlich dem danach folgenden vierten Lebensalter. Im dritten Lebensalter sind die Menschen am zufriedensten. Im vierten nehmen in relativ kurzer Zeit Krankheiten stark zu, die dann letztlich zum Tod führen. Der Beginn ist nicht starr und hat sich in den vergangenen Jahrzehnten immer weiter nach hinten verschoben. In dieser letzten Lebensphase sinkt die Lebenszufriedenheit in der Regel wieder. Aber es gibt auch vermehrt Studien, in der die Hochbetagten, die Hundertjährigen, auch noch einmal eine Sonderstellung einnehmen. So haben die Heidelberger Hundertjährigen-Studie und weitere Havard-Studien gezeigt, dass gerade bei den über 100-Jährigen fast 80 Prozent noch sagen: Das mit meinem Leben passt so – sie haben eine basale Grundzufriedenheit, trotz aller Einschränkungen.

Wie wirken sich Pflegebedürftigkeit und Demenz aus?

Das ist schwer zu erfassen, weil es dazu noch keine ausreichenden Daten gibt. Wir vermuten, dass es bei Pflegebedürftigkeit, Bettlägerigkeit und chronischen Schmerzen schwer ist, den Zustand der Zufriedenheit hochzuhalten. Aber selbst das muss nicht so sein. Erstaunlicherweise scheint der Verlust geistiger Fähigkeiten in Bezug auf Zufriedenheit nicht so stark durchzuschlagen. Es könnte damit zusammenhängen, dass Glück und Zufriedenheit primär kein kognitiver Prozess sind, nichts, was einer rationalen Bewertung unterliegt.

Interview: Pamela Dörhöfer

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