+
Der Meeresspiegel ist so stark gestiegen, dass es im Inselstaat Tuvalu keine Frischwasserquellen mehr gibt.

Globale Ungleichheit

Der Klimawandel macht Reiche noch reicher

  • schließen

Eine Studie belegt, dass die armen Länder stärker abgehängt werden - und das, obwohl sie selbst kaum zur globalen Erwärmung beitragen.

Die weltweite Erwärmung hat die wirtschaftliche Ungleichheit zwischen Industrieländern und armen Ländern des globalen Südens seit den 1960er Jahren erheblich verschärft. Die Kluft zwischen den reichsten und den ärmsten Ländern ist heute etwa um ein Viertel größer, als sie es ohne Klimawandel wäre, heißt es in einer Studie der US-amerikanischen Stanford University, die in dem Fachblatt PNAS veröffentlicht wurde.

Danach hat sich zwar die globale Ungleichheit insgesamt verringert, aber ohne Klimawandel hätten die armen Länder schneller aufgeholt. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die meisten der ärmsten Länder der Erde wesentlich ärmer sind, als sie es ohne die globale Erwärmung gewesen wären“, sagte der Klimawissenschaftler Noah Diffenbaugh, einer der beiden Hauptautoren der Studie. „Gleichzeitig ist die Mehrheit der reichen Länder reicher, als sie es gewesen wäre.“

Zum Beispiel Norwegen. Zwischen 1961 und 2010 war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) hier um 34 Prozent höher, als es ohne steigende Temperaturen gewesen wäre. Weil das nordeuropäische Land aber zugleich Öl und Gas im großen Stil fördert, hat Norwegen seine wirtschaftliche Entwicklung beschleunigt. Höhere Temperaturen wiederum verstärkten diesen Trend.

Sind die Temperaturen weder zu hoch noch zu niedrig, ist die Landwirtschaft produktiver und die Menschen gesünder. „Das bedeutet, dass in kalten Ländern ein wenig Erwärmung helfen kann“, sagt der Stanford-Ökonom Marshall Burke, der ebenfalls an der Studie beteiligt war. Auch die meisten anderen Industriestaaten profitierten. Kanadas Wirtschaftsleistung war beispielsweise um 32 Prozent erhöht. Großbritannien wurde um fast zehn Prozent reicher und Frankreich um fünf Prozent.

Während die Staaten mit hohem CO2-Ausstoß vom globalen Anstieg der Durchschnittstemperaturen profitieren, sind die Leidtragenden die armen Länder. Sie haben nur minimal zum CO2-Ausstoß beigetragen und werden auch noch durch die Auswirkungen des Klimawandels zurückgeworfen. So war Indiens Wirtschaftskraft um fast ein Drittel schwächer, die Brasiliens um ein Viertel.

Indien, Tuvalu oder Äthiopien leiden schon jetzt 

„Der Klimawandel ist ein Armutstreiber und verhindert wirtschaftliche Entwicklung“, sagt auch Sabine Minninger, Referentin für Klimapolitik beim evangelischen Hilfswerk „Brot für die Welt“. Das sei weltweit spürbar, auch im pazifischen Inselstaat Tuvalu. „Der Meeresspiegel ist derart gestiegen, dass es in Tuvalu keine Frischwasserquellen mehr gibt“, so die Entwicklungs-Expertin. Verschobene Gezeiten führten zu völlig unvorhersehbaren Springfluten, auf die sich die Menschen nicht mehr einstellen könnten.

In Äthiopien wiederum hätten ausbleibende Regenfälle immer schlimmere Folgen. „Die höhere Anzahl der Dürren und die längeren Trockenphasen führen dazu, dass die Phasen der Rehabilitierung immer kürzer werden“, sagt Minninger.

In Ländern der gemäßigten Zonen wie China und den USA konnte die Studie keine deutlichen Effekte nachweisen. „Aber die zunehmende Erwärmung wird sie in Zukunft immer weiter vom Temperaturoptimum entfernen“, sagt Studienautor Burke voraus. Soll heißen: Auch wenn die Industrieländer bislang maßgeblich vom Klimawandel profitiert haben, werden langfristig steigende Temperaturen auch dort das Wirtschaftswachstum abschwächen und die Schäden und Verluste durch Extremwetterereignisse werden zunehmen.

Für die Studie haben die Autoren für 165 Länder die Klimadaten und das Bruttoinlandsprodukt von 1961 bis 2010 ausgewertet. Dabei zeigte sich, dass sich das Wirtschaftswachstum in den Industriestaaten in wärmeren Jahren beschleunigte, während es sich in den ärmeren Ländern verlangsamt hat. Ihre Abschätzungen kombinierten die Forscher mit Daten verschiedener Klimamodelle. So konnten sie errechnen, wie hoch in etwa die Wirtschaftsleistung eines jeden Landes ohne Klimawandel gewesen wäre.

Die Studienergebnisse sind hochpolitisch, weil sie erstmals einen Überblick erlauben, wie stark jedes Land – abhängig von seinem bisherigen Treibhausgasausstoß – wirtschaftlich vom Klimawandel betroffen ist. Auf den internationalen Klimakonferenzen geht es immer wieder darum, welche Länder ihre Emissionen schnell senken sollen und wer für die klimawandelbedingten Schäden und Verluste bezahlen soll. Die besonders betroffenen Länder fordern, dass die Industriestaaten mit ihrer historischen Verantwortung für die Erderwärmung nicht nur für die Anpassungsmaßnahmen, sondern auch für diese Schäden aufkommen.

Sachstand:

Der Weltklimarat IPCC wies in seinem vierten Sachstandsbericht darauf hin, dass arme Menschen kaum Möglichkeiten haben, sich an veränderte klimatische Bedingungen anzupassen, und in hohem Maße abhängig von einer gesicherten Versorgung mit Wasser und Lebensmitteln sind. Steigende Temperaturen und die damit einhergehenden Begleiterscheinungen wie Dürren oder Überflutungen werden arme Menschen deshalb besonders stark beeinträchtigen. Vor allem die Länder Afrikas sowie die kleinen Inselstaaten gelten als besonders verwundbar. (FR)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare