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Inzwischen schließt für die meisten Christen die Evolution den Glauben an Gott als Schöpfer nicht aus. Jetzt geht es um die sich bei Darwin noch nicht stellende Frage, ob oder wie weit religiöser Glaube ein Produkt der Evolution ist.

Religion

Ist Glaube ein Produkt der Evolution?

Spiritualität und Frömmigkeit treten beim Homo sapiens und beim Neandertaler vermutlich erst mit Anwachsen des Stirnhirns auf, vermutet Religionswissenschaftler Michael Blume von der Universität Heidelberg.

Hamburg. Das Thema Evolution hat Konjunktur. Anlass ist der 200. Geburtstag des britischen Naturforschers Charles Darwin in diesem Jahr. Sein vor 150 Jahren veröffentlichtes Buch "Über die Entstehung der Arten" ist der fundamentale Beitrag zur inzwischen weitgehend anerkannten Evolutionstheorie.

In der Diskussion über deren Bedeutung ist auch die Religion ein Thema. Nicht mehr wie zu Lebzeiten Darwins als Widerspruch zum biblischen Bericht über die Erschaffung von Himmel, Erde und Leben in sechs Tagen. Inzwischen schließt für die meisten Christen die Evolution den Glauben an Gott als Schöpfer nicht aus. Jetzt geht es um die sich bei Darwin noch nicht stellende Frage, ob oder wie weit religiöser Glaube ein Produkt der Evolution ist.

Das Magazin für Psychologie und Hirnforschung "Gehirn & Geist" (Heidelberg) hat der Frage gleich mehrere Beiträge gewidmet. Einer der Autoren, der Religionswissenschaftler Michael Blume (Universität Heidelberg) gewann bei seinen Studien zum Thema die Auffassung, dass Spiritualität und Frömmigkeit segensreiche Produkte der Evolution sind, religiöses Verhalten trat beim Homo sapiens und beim Neandertaler vermutlich im Zuge des Anwachsens des präfrontalen Kortex (Stirnhirn) auf. Diese Hirnregion steht in Zusammenhang mit biographischen Erinnerungen, Vorausplanung, Abwägung und Impulskontrolle.

Reflektion fördert offenbar Frage nach der Sinnhaftigkeit

"Die Fähigkeit, sein eigenes Leben zu reflektieren, wirft offenbar die Frage nach dessen Sinnhaftigkeit auf", schreibt Blume dazu.Ansonsten zufällig erscheinende Schicksalsschläge können in Bezug auf übernatürliche Akteure sinnvoll gedeutet werden. Und unter Menschen, die sich durch religiöses Verhalten gegenseitig ihren Glauben an übernatürliche Beobachter signalisieren, gibt es mehr Vertrauen und Kooperation.

Sichtbare Bestätigung eines Wandels ist, dass Menschen in der mittleren Altsteinzeit, vor mindestens 120.000 Jahren, ihre Toten in rituellem Rahmen zu bestatten begannen. Archäologische Funde lassen vermuten, dass Zahl und Komplexität der Grablegungen schnell zunahmen.

Evolutionsbiologische Erklärungen des Phänomens Glauben haben insbesondere dann Kritik hervorgerufen, wenn sie diesen auf einen Nutzwert zu reduzieren scheinen. In dem Sinne, dass er wichtige emotionale und soziale Bedürfnisse befriedigt und in der Frühzeit des Homo sapiens einen Überlebensvorteil bot. In der von Jesuiten herausgegebenen Zeitschrift "Stimmen der Zeit" (München) hieß es in einem Kommentar, die Biologie befinde, "Religion sei lebensdienlich.

Wir sind also nur der Überlebensdynamik der Evolution gefolgt, wenn wir an ihr festgehalten haben. Doch dieses einschränkende "nur" ist genau das Problem." Nämlich, dass manche Evolutionsbiologen jede Art von religiösem Glauben für eine Erfindung mit Überlebenswert halten, aber ohne objektiven Erkenntniswert.

Auch erotische Verliebtheit hat biologischen Nutzwert

Der Theologe Gerd Theißen (Heidelberg) argumentierte zum Thema, dass auch die erotische Verliebtheit einen biologischen Nutzwert hat, auch Eros zur Erhaltung unsrer Art beiträgt. In Bezug auf die Religion schrieb er dazu, sie sei "ein Eros zum Sein, in der uns etwas von der Tiefe der Wirklichkeit aufgeht, die wir sonst nicht wahrnehmen".Michael Blume befindet in "Gehirn & Geist", die Wissenschaft könne nicht entscheiden, "ob sich hinter der Evolution der Religionen nur eine clevere Strategie der Natur oder am Ende doch eine höhere Wahrheit verbirgt."

Spätestens hier beginne nun einmal der Glaube.Das Magazin brachte auch zwei Wissenschaftler mit gegensätzlichen Auffassungen zu einem Gespräch zusammen. Franz Wuketits, Professor für Philosophie und Wissenschaftstheorie an der Universität Wien, sagte auf die Frage, warum so viele Menschen an Gott glauben: "Da statistischen Daten zufolge über 80 Prozent der Menschen in gewissem Sinn religiös sind, muss das Konzept evolutionär von Nutzen sein."

Nach seiner Auffassung halten offenbar viele eine mögliche Sinnlosigkeit der Welt nicht aus. "Deshalb neigt der Mensch dazu, jenseits des Erfahrbaren Antworten zu suchen. Das hat viel mit dem Todesbewusstsein zu tun. Die Angst, irgendwann nicht mehr auf der Welt zu sein, ist der entscheidende Motor für metaphysische Hirngespinste." Sein Gesprächspartner Richard Schröder, Professor für Theologie und Philosophie an der Humboldt-Universität in Berlin, glaubt indessen nicht, dass wir in einem sinnlosen Universum leben.

Was Evolutionstheoretiker angeht, so hält er schon ihren Ansatz für reduktionistisch - nämlich stets zu fragen "Wo kommt etwas her, und was nützt es?" "Es ist ein Denken in der Zweck-Mittel-Relation.So lässt sich weder Menschenwürde noch Gott verstehen. Was wir unter Gott verstehen, ist nie Mittel zum Zweck." Die Frage nach dem Gebrauchszweck passt nicht auf Gott, urteilt Schröder. (dpa)

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