Kopenhagen - Stadt am Limit

Gipfel belastet Klimabilanz

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In Sri Lanka stirbt die Teeernte, am Kilimandscharo schmilzt der Schnee - und der Klimagipfel in Kopenhagen pustet zusätzliche 40.000 Tonnen CO2 in die Atmosphäre. Wie ein Ziegelwerk in Bangladesch den Ausgleich schaffen soll, erklärt Hannes Gamillscheg

Kopenhagen. Auf dem Kongens Nytorv, im Herzen der Stadt, sehen die Kopenhagener, warum sie das alles auf sich nehmen: den Trubel, die Verkehrsbehinderungen, das Großaufgebot der Polizei. 100 Bilder zeigen ihnen, um wie viel es beim größten Gipfel geht, den es je in Europa gab. Da ist das Nawaea Eliyah Distrikt in Sri Lanka, in dem die Hitze die Teeerne ruiniert. Da sind die von Orkanen geplagten Inseln vor Mittelamerika. Da ist der Schnee am Kilimandscharo, der 2020 verschwunden sein wird. Da ist das Delta des Ganges, der permanent die Kornkammer Bangladeschs überflutet. Aktivisten trommeln bei ihren Mahnwachen dazu den Verantwortlichen ins Gewissen.

Mehr als 100 Regierungschefs haben sich angesagt; 15.000 Delegierte, 5000 Journalisten und Zehntausende Interessenvertreter reisen an. Schätzungsweise acht Millionen Blätter Papier werden bedruckt werden, 15 Tonnen Kartoffeln verzehrt, 1200 Kilometer Kabel verlegt, bis zu 80000 Handygespräche gleichzeitig vermittelt.

Auf 40.500 Tonnen schätzen die Veranstalter die zusätzliche CO2-Belastung. Sie wollen das auffangen, indem sie ein Ziegelwerk in Bangladesch mit Energiespartechnik ausrüsten. Der Weihnachtsbaum auf dem Rathausplatz wird mit Strom beleuchtet, den Radler erstrampeln. Über ihnen schwebt ein 20 Meter hoher Globus, Symbol für "Hopenhagen", in dem man Wünsche für den Klimagipfel aus allen Erdteilen sammelt.

Kopenhagen selbst will mit gutem Beispiel vorangehen. Bis 2025 will die Stadt CO2-neutral sein, als erste Metropole der Welt. Jetzt schon radeln fast vier von zehn Einwohnern zur Arbeit. Kombinierte Kraft-Wärme-Werke, beheizt mit Biomasse und Abfall, versorgen Wohnsiedlungen umweltfreundlich mit Energie.

Doch immer noch wird zu viel Strom aus Kohlekraftwerken gewonnen, immer noch sind die Straßen mit zu vielen Autos verstopft. Das soll besser werden: mehr Windräder, mehr Metro, mehr Elektroautos. Windenergie, die fast 20 Prozent des dänischen Strombedarfs deckt, bleibt in der Nacht oft ungenutzt. Würden die Kopenhagener damit die Batterien ihrer Autos aufladen, wäre dies gut für die CO2-Bilanz.

Auch die für die Gipfelprominenz gemieteten Limousinen fahren mit Strom, Biodiesel oder Wasserstoff. Doch für sehr viele Teilnehmer gilt: Fahrrad oder Metro, mit dem Auto kommt man nicht zum Bella Center. Auch weil die Stadt aus allen Nähten platzt. Wer noch ein Hotelzimmer sucht, muss gar nach Schweden ausweichen, viele Studenten vermieten ihre Buden an Delegierte.

Auch für Randalierer hat Kopenhagen vorgesorgt: mit 346 Drahtkäfigen, je zwölf Quadratmeter groß, in denen bis zu zehn Festgenommene 24 Stunden lang interniert werden können. "Unter dem Mindeststandard für Menschenrechte", kritisiert Amnesty International. Polizeisprecher Per Larsen sagt dazu nur: "Wer sich ordentlich benimmt, kommt nicht hierher. Ich hoffe, die Käfige bleiben leer." Auch Dänemarks ersten Wasserwerfer will er am liebsten nicht einsetzen, wenn am 12. Dezember rund 100000 Demonstranten zum Bella Center ziehen.

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