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Die Schwarze Mamba zählt zu den giftigsten Schlangen der Welt.

Giftschlangen

WHO will Todeszahlen durch Schlangenbisse verringern

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Jedes Jahr sterben 138 000 Menschen an Schlangenbissen. Die Weltgesundheitsorganisation will die Zahl halbieren.

Es trifft den Kleinbauern auf dem Feld, das Kind, das barfuß auf dem Weg zur Schule ist, den Hirten in der Savanne, den Jäger im Busch, die Bewohner von Dörfern ohne ausgebaute Straßen: Vor allem in Afrika, Südamerika und Südostasien ist das Risiko einer gefährlichen Begegnung mit einer giftigen Schlange nicht unerheblich. Dabei gilt: Je ärmer die Bevölkerung in einem Land ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch von einer Schlange gebissen wird. Diesen Zusammenhang haben Wissenschaftler der Liverpool School of Tropical Medicine und Hygiene bereits vor einigen Jahren herausgefunden.

Laut aktuellen Zahlen der Weltgesundheitsorganisation WHO werden weltweit jeden Tag nahezu 7400 Menschen von giftigen Schlangen gebissen – insgesamt 2,7 Millionen im Jahr. Für die Opfer gehen diese schmerzhaften Begegnungen oft nicht gut aus. Viele haben ein Leben lang mit den Folgen des Bisses zu tun – etwa, weil sie dadurch erblindet sind, ihnen ein Arm oder ein Bein amputiert werden musste oder sie an einer posttraumatischen Belastungsstörung leiden. Und viele sterben auch an einem solchen Biss. Laut WHO gehen weltweit jedes Jahr 138 000 Todesfälle auf das Konto von Giftschlangen, 400 000 Menschen behalten bleibende Schäden zurück.

Die WHO hat jetzt eine Strategie erarbeitet, um die Todeszahlen bis zum Jahr 2030 zu halbieren. Sie soll auf der Weltgesundheitsversammlung vom 20. bis 28 Mai in Genf verabschiedet werden. Rund 82 Millionen Dollar (73 Millionen Euro) sind den Berechnungen der Organisation zufolge dafür nötig.

„Ein falscher Tritt kann tödlich sein“, heißt es bei der WHO. Sie will die Menschen in gefährdeten Gebieten jetzt besser aufklären. So könnte das Tragen von Schuhen manchen Biss verhindern. Weil sich die Opfer vielerorts an traditionelle Heiler wenden, sollen diese geschult werden und die Patienten bei alarmierenden Symptomen in Kliniken schicken. In Dörfern sollen Ersthelfer ausgebildet und Erste-Hilfe-Medikamente zur Verfügung stehen.

Insgesamt gibt es auf der Erde rund 3600 verschiedene Schlangenarten. Etwa 600 von ihnen sind giftig. Potenziell tödlich für den Menschen ist der Biss von etwa 50 Schlangenarten. Die Reptilien nutzen das Gift, um ihre Beute zu erlegen oder auch, um sich selbst zu verteidigen.

Bei einem „Defensiv-Biss“ greifen die Tiere nur auf einen geringen Teil ihres Giftspeichers zurück, manche beißen auch zu, ohne Gift zu injizieren. Einem „Offensiv-Biss“ hingegen fügt die Schlange eine beträchtlich höhere Dosis ihres toxischen Cocktails zu, um die Beute schnell außer Gefecht zu setzen.

Die Schlangen produzieren das Gift in ihrer Ohrspeicheldrüse und injizieren es über speziell ausgestattete Zähne. Die Inhaltsstoffe sind verschiedene langkettige Proteine und kurze Peptide, komplexe Gemische, deren Zusammensetzung bei den verschiedenen Arten stark variiert. Was die Bestandteile im Einzelnen genau anrichten, ist bislang noch nicht vollständig erforscht. Bekannt ist, dass es verschiedene Wirkmechanismen gibt: Neurotoxische Gifte greifen das zentrale Nervensystem an, sie können zu Halluzinationen, Blindheit und Lähmungen führen, die das Opfer bewegungsunfähig machen und auch die Atmung zum Stillstand bringen können. Hämotoxische Stoffe schädigen die Blutzellen und Gefäße, stören die Blutgerinnung, was schwere innere Blutungen zur Folge hat. Myotoxische Substanzen schädigen die Muskulatur. Und dann gibt es auch noch Gifte, die direkt auf das Herz zielen. Bei manchen Schlangengiften dominiert eine Wirkweise, bei anderen kommen mehrere Mechanismen zum Tragen.

Zu den giftigsten Schlangen der Welt zählen Taipane, die Gewöhnliche Braunschlange, die Königskobra, die Klapperschlange, die Schwarze Mamba und die zur Familie der Vipern gehörende Sandrasselotter, auf deren Konto nach Expertenschätzungen rund ein Viertel der von Schlangenbissen verursachten Todesfälle bei Menschen geht.

Besonders viele gefährliche Giftschlangen leben in Australien und Neuguinea, in Südostasien, in Indien und Sri Lanka, in Afrika südlich des Äquators und im tropischen Südamerika. Aber auch in Deutschland gibt es giftige Schlangen, die Kreuzotter und die Aspisviper, die allerdings weit weniger gefährlich sind. Beim Biss einer Kreuzotter kann es zu Schwellungen, Rötungen, Übelkeit und Erbrechen kommen,, manchmal auch zu Atemnot, Blutungen und leichten Krampfanfällen. Das Gift der Aspisviper wirkt aggressiver, es kann auch Herzrasen und Lähmungen hervorrufen. Tödlich sind beide Gifte für Menschen jedoch nicht.

Experten raten beim Biss einer Giftschlange vom oft empfohlenen Abbinden und Aussaugen ab. Durch das Abbinden staue sich das Blut in einer bestimmten Körperregion. Beim Aussagen wiederum könne nie genug Gift aus dem Gewebe gezogen werden. Stattdessen sollte das Opfer Bewegung vermeiden und so schnell wie möglich ins Krankenhaus gebracht werden. Setze Herzschlag oder Atmung aus, sollte man es mit Wiederbelebungsmaßnahmen versuchen.

Gerade in armen Ländern kommt Hilfe jedoch oft zu spät. Oft dauert es Stunden, bis ein Opfer in einem Krankenhaus ankommt, weil das Gelände unwegsam ist oder kein Fahrzeug für den Transport zur Verfügung steht. Außerdem sind Gegengifte in armen Ländern häufig Mangelware, also ausgerechnet dort, wo sie am meisten benötigt werden.

Weil sie nur kurzfristig angewandt werden und die Menschen in den am stärksten betroffenen Gegenden arm sind, versprechen Antiseren für Pharmafirmen keine großen Gewinne. Die WHO will nun auch verstärkt die Entwicklung neuer Gegenmittel fördern. Die Toxine sind aber auch selbst für die Medizin interessant, um daraus Wirkstoffe zur Behandlung verschiedenster Krankheiten abzuleiten. mit dpa

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