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Es gibt nichts Gutes, außer...

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Auch Erich Kästners "Emil und die Detektive" stehen für Werte.
Auch Erich Kästners "Emil und die Detektive" stehen für Werte. © dpa

Der Wert von Werten muss durch Erfahrung zum Leben erweckt werden. Von Ulrich Herrmann

Von ULRICH HERRMANN

Werte können wertlos oder wertvoll sein. Wem sie nichts bedeuten, dem sind sie nicht das Papier wert, auf dem sie stehen. Der Wert der Werte zeigt sich im Alltag daran, was jemand anstrebt oder hinnimmt, wenn er ihnen folgt.

"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!", formulierte der große Pädagoge Erich Kästner. Aber woher weiß man, was das Gute ist und wie man es tut? Kinder haben von klein auf ein lebendiges Gefühl dafür, wenn ihnen etwas Ungerechtes widerfährt. Ob nun dieses ihr moralisches Gefühl angeboren ist oder nicht - sie haben es offensichtlich. Ähnlich unser Gewissen: In der Regel sagt es uns deutlich, was wir mit ihm vereinbaren können und was nicht.

Ohne diese innere Erfahrung wären moralische Erziehung und moralisches Lernen schwer möglich: durch Vorbilder und eigene Erfahrungen. Sie beginnen mit der Urerfahrung der sorgenden und liebenden Eltern, der Zuwendung in Familie und Nachbarschaft, die einem Kind die Erfahrung von Geborgenheit, von Schutz und Hilfe vermitteln. Durch die Bewahrung seiner körperlichen und seelischen Unversehrtheit erlebt es einen der höchsten Werte des Menschseins: sein Selbstwertgefühl.

Die Familie ist der erste Ort für unverzichtbare Werte-Erfahrungen. Der zweite ist die Kindergruppe, der dritte, wichtigste, die Schule: Dort muss gelernt werden, Gefühle zu reflektieren, an Gefühl soll sich Einsicht anschließen. Dazu reicht es aber nicht aus, die Werte-Kataloge aus den Schulgesetzen im Klassenzimmer an die Wand zu hängen, in denen drinsteht, wie wir uns den späteren Staatsbürger vorstellen.

Mit Unterricht allein ist es sowieso nicht getan: Er kann Begründungen für Werte liefern, aber nicht das Gefühl vom Wert eines Wertes. Wie aber lassen sich Werte als eine erweckte innere, emotionale Kraft erfahrbar machen, damit sie beachtet und befolgt werden? Wie wohl? "Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!" In altersgemischten Schulklassen helfen die Älteren den Jüngeren - das ist die Erfahrung der Solidarität und der Freundschaft. Schülerinnen und Schüler sind Streitschlichter - die befriedigende Erfahrung der ausgleichenden Friedensstiftung. Sie sind Paten von Mitschülern bei drohendem schulischem Misserfolg - die Erfahrung der Uneigennützigkeit und Bewährung. Sie sind Paten von Kindern und Schulen in der Dritten Welt - die Erfahrung der Einen Welt.

Sie sind Begleiter von Alten und Einsamen - die wohltuende Erfahrung der Mitmenschlichkeit. Schüler organisieren Feste und Fahrten - die verbindende Erfahrung der Gemeinschaft. Sie achten auf den schonenden Umgang mit der Umwelt - die unverzichtbare Erfahrung der Mitverantwortung für die Schöpfung. Sie versorgen Tiere - die Erfahrung des pfleglichen Umgangs mit unseren Mitgeschöpfen. Lehrer sind "Entwicklungshelfer" - die Erfahrung des Vorbilds. Sie praktizieren differenzierende individuelle Leistungsbewertung - die Erfahrung der Gerechtigkeit. Sie würdigen jeden Schüler in seinen Stärken und Anstrengungen - die Erfahrung der Wertschätzung. Sie reagieren auf Schwächen mit Ermutigung und vermitteln Erfolgszuversicht - die befreiende Erfahrung, nicht gedemütigt zu werden. Sie machen aus schlechten Noten keinen schlechten Schüler - die Erfahrung des Angenommenseins. Lehrer und Schüler sprechen offen und konstruktiv über ihre gemeinsamen Schwierigkeiten - die Erfahrung der Ehrlichkeit. Aber sie freuen sich auch gemeinsam über ihre Erfolge - die Erfahrung gelingender Zusammenarbeit.

Werte können nur vermittelt werden, indem sie erfahrbar und erfahren werden. Erfahren werden sie im zwischenmenschlichen Alltag als Tugenden und moralische Grundsätze. Wenn nicht, bleibt das Gefühl für den Wert von Werten und damit für unsere Werte-Ordnung auf der Strecke. Zwei deutsche Diktaturen haben uns darüber im 20. Jahrhundert belehrt. Der ehemalige Bundesrichter Böckenförde befand deshalb: "Der freiheitlich, säkulare Staat lebt von Voraussetzungen, die er selber nicht garantieren kann." Diese Voraussetzungen, Werte nämlich, können Lernen und Erfahrung in Familie und Schule zwar nicht garantieren - aber wo sollten sie ohne sie herkommen?

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