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Auch der gewaltige Kabelsalat gehört zu den typischen Arbeitsbedingungen auf der ISS.

Raumfahrt

Die Gewissheit verlassen

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Vom Nutzen der bemannten Raumfahrt.

Die bemannte Raumfahrt ist natürlich Wahnsinn. Aber genau das ist der Reiz. Die Sache ist erst echt, wenn einer von uns dabei ist. Mit einem Raumschiff und einer noch so raffinierten Datensammelanlage – und sei es der tollste Hochleistungscomputer – können wir uns nicht identifizieren. Darum aber geht es.

Wenn wir die Bilder sehen, wie Alexander Gerst strahlt, dann strahlen wir mit. Das Glück, auf der Erde zu sein, empfinden wir mit ihm. Dabei haben wir sie niemals verlassen. Wir werden in Momenten wie diesen aus unserer kleinlichen Miesepetrigkeit herausgerissen. Zu den Sternen. Oder auch von ihnen zurück nach Hause. In Augenblicken wie diesen wird die Erde zu unserer Heimat. Wir erinnern uns des blauen Planeten und daran, wie wir ihn zuerst sahen und seine Schönheit entdeckten.

Wer ist dieses Wir? Nicht jeder Leser, nicht jede Leserin dieser Zeilen. Aber es ist auch nicht die einsame Marotte eines alten Mannes, der als Kind begeistert die Berichte der Entdeckungsreisenden las und auf dem Boden vor dem Fernseher lag, als es 1957 Bilder vom Sputnik gab und der von Gagarin (1961) bis Armstrong (1969) völlig begeistert verfolgte, was in der Raumfahrt geschah.

Danach legte er eine Pause ein. Er fand, dass wir auf der Erde genug zu tun hatten. Es schien ihm ein Verbrechen, das Geld im Weltraum zu verpulvern. Als dann im Januar 1986 die Raumfähre Challenger wenige Sekunden nach dem Start zerbrach und sieben Astronauten starben, fühlte er sich bestätigt. Wozu Menschenleben riskieren? Wozu diesen Kitzel? War das nicht eine gigantomanischer Jahrmarktssensation? Eine zynische Veranstaltung für Männer, die Buben geblieben waren?

Diese Fragen verlassen einen nicht. Aber jetzt ist die Faszination wieder größer. Das Fremde erkunden. Sich aussetzen. Sich ausliefern? Den Mut zu haben, sich aufzugeben und doch seinen Verstand dabei zu behalten. Kolumbus folgte einer Idee. Einer falschen auch noch. Hätte er gewusst, wie groß die Erde ist, wie weit der Seeweg nach Indien also sein würde, er hätte die Reise nicht angetreten.

Die Gewissheit zu verlassen und das gemachte Bett – ein Traum der Jugend. „Von einem der auszog, das Fürchten zu lernen“ heißt ein Märchen der Brüder Grimm. Die Klugen und Gescheiten kennen die Gefahren oder ahnen sie doch. Die Jungen und Dummen dagegen gruseln sich nicht. Sie gehen hinaus in die Welt. Sie können uns von ihr erzählen, sie werden nicht angerührt vom Schrecken. Bis er irgendwann auch sie einmal einholt. An ganz und gar unvorhergesehenen Orten. Wir wissen längst, dass wir angewiesen sind darauf, dass Klug- und Dummheit ein Bündnis eingehen in jedem von uns. Wir brauchen die Angstfreiheit wie wir die Angst brauchen.

Wenn wir die Bilder von Alexander Gerst sehen, dann schöpfen wir aus ihnen eine Portion Angstfreiheit ab, das Gefühl, dass nicht immer alles schief geht, das schief gehen kann. Man denkt heute viel darüber nach, was ein geglücktes Leben ist. Meist wird uns dafür ein Mittelweg empfohlen, ein kluges Abwägen der Möglichkeiten. Aber zum Glück gehört, dass es nicht berechnet werden kann, dass es einem widerfährt. Die Wissenschaftler werden uns erklären, so genau wie Alexander Gersts Ausflug ins Weltall berechnet worden war, bilanziere niemand, auch das größte Unternehmen nicht, seine Einnahmen und Ausgaben.

Aber genau das ist es ja: Trotzdem kann immer auch alles schief gehen. Die Astronauten hätten verglühen können oder würden im Weltall herumfliegen, ein Stück mehr Schrott, an dem es dort auch nicht mehr mangelt.

Früher nannte man einen Helden, wer Außergewöhnliches leistete. Wir leben jetzt, so sagen es uns kluge Soziologen, im postheroischen Zeitalter. Aber wir nähren doch immer noch die Sehnsucht nach dem Sprung hinaus aus unserem Leben in ein anderes. Alexander Gerst zeigt uns, dass das möglich ist. Sogar im Sitzen, fügen Spötter hinzu. Dem Glück, hinauszukommen folgt das Glück wieder – pünktlich zu Weihnachten – nach Hause zu kommen.

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