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Medizin

Gewebetransplantate: Eine gespendete Hornhaut kann die Sehkraft retten

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Bei der öffentlichen Debatte steht meist die Organspende im Mittelpunkt. Doch auch Gewebe kann transplantiert werden.

  • Eine verletzte Hornhaut kann durch Transplantation gerettet werden
  • Die erste erfolgreiche Hornhauttransplantation gelang 1905
  • Bei Augenhornhäuten bestehen Engpässe

Endlich wieder richtig sehen können – für Menschen mit schweren Erkrankungen oder Verletzungen der Hornhaut lässt sich das manchmal nur noch mit einer Transplantation verwirklichen. Jedes Jahr erhalten in Deutschland im Schnitt rund 7000 Patienten durch das Übertragen einer gesamten Hornhaut oder einzelner Schichten ihre Sehkraft zurück.

Ermöglicht wird das durch die postmortale Gewebespende von Menschen, die zu Lebzeiten einer Entnahme zugestimmt haben oder deren Angehörige sich später dazu entscheiden, weil sie davon ausgehen, es wäre im Sinne des Verstorbenen gewesen. Diese Vorgaben sind bei einer Gewebespende die gleichen wie bei einer Organspende – doch es gibt auch wesentliche Unterschiede: Für eine postmortale Gewebespende gilt nicht das Kriterium des irreversiblen Hirnfunktionsausfalls (auch bekannt als Hirntod), sondern das des Herz-Kreislauf-Todes. Anders als bei der Entnahme eines Organs besteht kein so großer Zeitdruck, erklärt Martin Börgel, Geschäftsführer der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation (DGFG). Denn Gewebe ist nicht so abhängig von der Durchblutung wie etwa einHerz oder eine Niere und muss deshalb nicht sofort transplantiert werden. Das wäre auch gar nicht möglich, denn gespendetes Gewebe muss für die spätere Verpflanzung besonders bearbeitet werden. Bei einer Hornhaut zum Beispiel bleiben 72 Stunden Zeit, bis sie aufbereitet sein muss. In einer speziellen Flüssigkeit kann sie dann bis zu 34 Tage lang gelagert werden; bei Herzklappen und Knochen ist das sogar bis zu fünf Jahre lang möglich. Außerdem spielen die Gesundheit und das Alter des Spenders eine viel geringere Rolle als bei der Transplantation eines Organs, sagt Börgel. Auch ein sehr alter Mensch oder unter Umständen sogar ein Krebspatient könnten nach ihrem Tod Gewebe spenden.

Auch Lebendspenden sind möglich

Neben der Hornhaut des Auges können auch Herzklappen, Knochen, Knorpel, Herzklappen, Blutgefäße und Haut sowie (selten) Inselzellen aus der Bauchspeicheldrüse gespendet werden. Bei Herzklappen, Knochenmaterial und Knorpel sind auch Lebendspenden möglich. So können bei einer Herztransplantation die Herzklappen des sonst kranken Herzens noch intakt sein. Knochenmaterial kann unter anderem aus Hüftköpfen generiert werden, die einem künstlichen Gelenk gewichen sind. Eine Sonderstellung bei den Gewebespenden nimmt die Amnionmembran – die innere, dünne Eihaut der Plazenta – ein, die bei einer Kaiserschnittgeburt mit Einwilligung der Mutter gewonnen werden kann. Aufgrund ihrer besonderen, antientzündlichen und wundheilungsfördernden Eigenschaften wird sie als schützender Verband bei Verletzungen des Auges, der Mundhöhle oder bei Verbrennungen aufgelegt. Sie verhindert Narbenbildung und wird vom Immunsystem kaum abgestoßen.

Eine Hornhauttransplantation ist Routine

Koordiniert und vermittelt werden Gewebespenden in Deutschland zum Großteil von der Deutschen Gesellschaft für Gewebetransplantation, einem 2007 gegründeten gemeinnützigen Unternehmen mit Sitz in Hannover, das aus der DSO-G, einer Tochter der Deutschen Stiftung Organtransplantation, hervorgegangen ist. Gesellschafter sind die Medizinische Hochschule Hannover, das Universitätsklinikum Leipzig, das Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, die Universitätsmedizin Rostock und das Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg. Die DGFG betreibt drei eigene Gewebebanken in Hannover, Kiel und Rostock und arbeitet bundesweit mit anderen Gewebebanken etwa an Universitätskliniken zusammen. Gewebebanken sind meist auf bestimmte Gewebe spezialisiert, diese werden dort mikrobiologisch kontrolliert, aufbereitet und gelagert. Derzeit ist die Deutsche Gesellschaft für Gewebetransplantation Gastgeber der noch bis morgen dauernden Jahrestagung der European Eye Bank Association (EEBA) im Kongresszentrum Schloss Herrenhausen in Hannover.

Während erstmals im Jahr 1954 erfolgreich ein Organ – eine Niere – einem anderen Menschen eingesetzt wurde, reicht die Geschichte der Gewebetransplantation viel weiter zurück. Vermutlich haben bereits altindische Heiler vor 2500 Jahren Haut von einer Körperstelle an eine andere verletzte Stelle verpflanzt.

Die erste erfolgreiche Hornhauttransplantation gelang 1905, heute ist der Eingriff verfeinert und gängige Praxis. Erforderlich kann ein Austausch der Hornhaut werden, wenn sie durch bestimmte Erkrankungen, Verletzungen oder pathologische Alterungsprozesse nicht mehr intakt ist. Das nur rund einen halben Millimeter dicke Gewebe liegt vor der Iris und der Pupille, ist Träger des Tränenfilms und lässt das Licht ins Auge fallen, so dass es die Netzhaut am hinteren Ende erreichen kann.

Gespendete Hornhäute müssen im Labor aufbereitet werden, bevor man sie transplantieren kann.

Funktioniert die Hornhaut nicht mehr richtig, sehen die Betroffenen trüb, wie durch ein Milchglas, was die Lebensqualität erheblich einschränken und das Arbeiten unter Umständen unmöglich machen kann. Dieser Prozess kann schleichend verlaufen, eine Verschlechterung des Sehvermögens kann sich aber auch plötzlich einstellen. Ursachen können eine Infektion (selten auch durch mangelnde Hygiene bei der Handhabung von Kontaktlinsen), eine Erkrankung, eine altersbedingte Degeneration der Hornhaut oder eine Verletzung zum Beispiel durch Feuerwerkskörper sein. Auch eine ungewöhnlich starke Wölbung der Hornhaut kann eine Transplantation notwendig machen. Thomas Kern, Spezialist für Linsen- und Netzhautchirurgie am Ocura Augenzentrum Köln, betont, dass ein solcher Eingriff aber immer die „Ultima Ratio“ ist.

Während früher stets die gesamte Hornhaut übertragen und kompliziert eingenäht wurde, können heute auch nur Teile verpflanzt werden. Möglich ist dieses sogenannte lamelläre Verfahren bei Erkrankungen des Endothels, der hintersten Schicht der Augenhornhaut, erklärt Thomas Kern. „Die Lamelle des Spenders wird dann nicht mit Nähten, sondern mit einer Luftblase fixiert. Diese hält das Transplantat an Ort und Stelle, bis es angewachsen ist.“

Das Risiko einer Abstoßung ist bei beiden Verfahren – anders als bei einer Organtransplantation – gering, weil die Hornhaut nicht durchblutet und dadurch vom Immunsystem nur selten abgestoßen wird.

Eine Hornhaut altert nicht

Sehr viele Menschen wären potenzielle Spender: „Eine Hornhaut altert nicht. Spenden kann deshalb auch jemand, der bei seinem Tod sehr alt gewesen ist. Ebenso ist eine Sehschwäche kein Hindernis und oftmals auch eine Krebserkrankung nicht“, sagt DGFG-Geschäftsführer Martin Börgel. Die meisten Hornhautspender seien 70 bis 80 Jahre alt gewesen. Ein Ausschlusskriterium können in selten Fällen starke Vernarbungen oder frühere Laserkorrekturen zur Behebung einer Fehlsichtigkeit sein. Der Grund: Bei diesen Eingriffen wird Hornhautgewebe abgetragen, um die Brechkraft des Auges zu verändern. Ebenfalls nicht für eine Transplantation geeignet sind Hornhäute, die mit Bakterien, Viren oder Pilzen verunreinigt sind. Um das auszuschließen, wird das Gewebe vor der Lagerung genau unter dem Mikroskop untersucht. Auch das Blut des Spenders wird getestet.

Bei einer Gewebespende werden die Hornhäute mitsamt den Augäpfeln nach dem Tod entnommen und anschließend mit einer Prothese aus Glas in der Augenfarbe des Verstorbenen ersetzt, erläutert Martin Börgel. Niemand müsse deshalb fürchten, dass sein Angehöriger nach der Entnahme entstellt aussehe.

Grundsätzlich sei die Versorgung mit Gewebe in Deutschland gewährleistet, sagt der DGFG-Geschäftsführer. „Die Zahl der Spender hat enorm zugenommen und die Situation sich deshalb sehr gebessert. Ende der 1990er Jahre hatten wir noch lange Wartezeiten von zwölf bis 18 Monaten, heute sind es nur noch ein bis drei Monate.“

Gleichwohl gebe es insbesondere bei Augenhornhäuten sowie noch stärker bei Herzklappen und Blutgefäßen lokale Engpässe, die sich derzeit meist über das Netzwerk der verschiedenen Gewebebanken in Deutschland, aber auch über internationale Kooperation mit anderen EU-Mitgliedsstaaten und den USA überbrücken ließen. Die Versorgung mit diesen Geweben müsse in Deutschland deshalb verbessert werden, sagt Börgel. „Wir hoffen, in drei bis fünf Jahren den gesamten Bedarf decken zu können.“

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