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Die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler erlebt Ausgrenzung und Gewalt.

Studie „Children’s Worlds“

Kinder erleben Gewalt und Existenzangst

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Die internationale Studie „Children’s Worlds“ zeigt, was Schülerinnen und Schüler beschäftigt.

Sommerzeit ist Zeugniszeit. Doch diesmal erteilen Kinder und Jugendliche die Noten für die Arbeit der Politik, die Vermittlung in der Schule und das Zusammenleben in der Familie. Dafür hatte die renommierte Erziehungswissenschaftlerin Sabine Andresen, Professorin an der Frankfurter Goethe-Universität, mit ihren Mitarbeitern im Schuljahr 2017/2018 bundesweit 3448 Schülerinnen und Schüler im Rahmen der internationalen Studie „Children’s Worlds“ befragt. Das sind die Hauptergebnisse:

Kinder haben das Gefühl, je älter sie werden, desto weniger können sie in der Schule mitreden. Mehr als ein Drittel der Kinder in Gesamt- und Sekundarschulen (39 Prozent) sowie an Haupt- und Realschulen (35) wurden in den letzten Monaten gehänselt, absichtlich geschlagen oder ausgegrenzt.

An Gymnasien haben 47 Prozent der Jugendlichen kaum Wissen über ihre Rechte. 52 Prozent der Heranwachsenden machen sich Sorgen um die finanzielle Situation ihrer Familien.

Machtfragen

Wer darf entscheiden, wer mitmachen? Eltern erhalten überwiegend gute Noten von ihren Kindern. Nur 5,2 Prozent der Kinder verneinen, dass sie bei Entscheidungen mitbestimmen können, nur 3,4 Prozent finden nicht, dass ihre Eltern ihnen zuhören oder sie ernst nehmen und 3,6 Prozent finden nicht, dass ihnen ihre Eltern genug erlauben. Interessant: Eltern, die alles erlauben, werden in keinem Fall nur positiv eingeschätzt. Kinder und Jugendliche, so die Autoren, formulieren keinen radikalen Machtanspruch, sondern legen Entscheidungen, besonders in Schuldingen, auch in die Hand der Eltern. 11, 4 Prozent können der Aussage „Ich kann in der Schule mitentscheiden“ nicht zustimmen. Und nur 12,7 Prozent der Gymnasiasten können dies voll und ganz unterschreiben.

Gewalt in der Schule

Nur 43,1 Prozent (Gymnasium) und 21,6 Prozent (Grundschule) der Schüler erlebten im letzten Monat keine gewaltsamen Übergriffe. Insgesamt sei der Anteil der Schüler hoch, die sowohl physisch als auch psychisch angegriffen worden seien. Mit 54,1 Prozent erleben Grundschüler besonders häufig mindestens zwei der drei Übergriffsformen, gefolgt von 38,6 Prozent der Befragten in Gesamt- und Sekundarschulen. Mit 35,8 und 34,2 Prozent liegen die Erfahrungen mit physischer und psychischer Gewalt in Haupt- und Realschulen in etwa gleichauf. Schüler an Gymnasien sind mit 28,6 Prozent am seltensten von mindestens zwei der Übergriffsformen betroffen. Auch hier, weisen die Autoren hin, gebe es den Zusammenhang mit den finanziellen Verhältnissen der Familien. Wer sich finanziell nie Sorgen macht, berichtet viel seltener über Gewalterfahrungen.

Die Lehrer

In den Gruppendiskussionen zur Studie ermittelten die Autoren „einen klaren Bedarf“ nach Spielräumen zur Mitwirkung in Schulen. Immerhin: Fast 70 Prozent aller Befragten finden insgesamt, dass ihre Lehrer ihnen zuhören und sie ernst nehmen. Allerdings sinkt mit dem Alter dieser Befund: Bei den Acht- bis Zehnjährigen stimmen dem 51,7 bis 46,5 Prozent zu. Bei den 14-Jährigen sind es nur noch 23,4 Prozent, die der Aussage zu 100 Prozent zustimmen. Beim Vergleich der Schultypen sind es erneut die Gymnasiasten, die mit 25,1 Prozent am seltensten ohne Abstriche zustimmen.

Freizeitverhalten

Das unterscheidet sich kaum noch von Erwachsenen: Soziale Medien spielen die größte Rolle bei Freizeitaktivitäten. Bei den Zehnjährigen rangiert draußen Spielen und Zeit mit der Familie noch höher und auch bei den Elfjährigen ist Zeit mit der Familie noch häufiger belegt als Social-Media-Aktivitäten. Mit zunehmendem Alter der Jugendlichen findet sich die Familienzeit auf Platz zwei wieder. Und Sport? Der Anteil der Befragten, die nie Sport treiben, liegt bei maximal sechs Prozent bei den Elf-, 13- und 14-Jährigen. Je älter, desto weniger häufig wird Sport getrieben. Dafür wird das „Chillen“, also das Ausruhen und „Nichts tun“ immer bedeutsamer.

Zeit mit den Eltern

Die meisten Kinder meinen: Ja. Wobei Kinder alleinerziehender Elternteile etwas niedrigere Zustimmungswerte bei Zuwendung und Fürsorge angeben als Kinder in Paar-Familien.Trotzdem:

Mütter und Väter, auch wenn sie nicht zusammenleben, scheinen sich sehr darum zu bemühen, ihren Kindern Zuwendung und Fürsorge in einem richtigen Maß angedeihen zu lassen, schlussfolgern die Forscher aus ihren Befragungen. Dennoch falle auf, dass Jugendliche mit zunehmendem Alter vermehrt vermissen würden, dass sich in der Familie jemand um sie kümmere. Das ist übrigens auch beim Thema, wie Lehrer sich kümmern, zu beobachten: Je älter die Befragten werden, desto mehr fühlen sie sich vom Lehrpersonal vernachlässigt.

Eigenes Smartphone

Beim Handybesitz gibt es natürlich einen Alterseffekt. Bei den unter Zehnjährigen ist der Anteil der Handybesitzer unterdurchschnittlich. Erstaunlich: 28,4 Prozent der Achtjährigen, 20,3 Prozent der Neunjährigen und immer noch 7,7 Prozent der Zehnjährigen gaben an, kein Handy zu haben, keines zu wollen oder keins zu brauchen. Eine andere Gruppe von Kindern, die kein Handy hat, ist hingegen durchaus der Auffassung, Handy oder Smartphone zu benötigen. Die Forscher interpretieren das positiv: Kinder würden demnach schon differenziert über ihre Bedarfe nachdenken und entscheiden. Insgesamt haben sie festgestellt, dass es kein utopisches Wunschkonzert nach sich zieht, wenn Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene nach ihren Bedarfen gefragt würden. „Da ein Handy Zugang zu Kommunikation und Teilhabe an sozialen Medien bedeutet – einer zentralen Freizeitaktivität – ist dieser Wunsch nachvollziehbar und ernst zu nehmen, auch wenn elterliche Erziehungsvorstellungen dem widersprechen.“

Wunsch nach Sicherheit

Zu Hause ist es am sichersten – das meinen 91,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen. 76,4 Prozent fühlen sich in der Schule und 76 Prozent in der Nachbarschaft sicher. Allerdings geben die Autoren zu bedenken, dass 8,6 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die angeben, dass ihr Zuhause kein sicherer Ort ist, eine große Gruppe ist.

Drei Prozent fühlen sich an keinem der drei angegeben Orte richtig sicher. Eklatante Unterschiede gibt es auch zwischen Schülern der unterschiedlichen Schularten. Grundschüler und Gymnasiasten geben zu 19,1 beziehungsweise 18,2 Prozent an, sich eher nicht sicher zu fühlen – in Gesamtschulen sind es 32,9 und an Hauptschulen 33,4 Prozent der Schüler. Bemerkenswert: Das Sicherheitsgefühl korrespondiert stark mit den finanziellen Ressourcen der jeweiligen Familie: Mit der Armut wächst das Unsicherheitsgefühl.

Kinderrechte

Die meisten Kinder wissen, dass sie Rechte haben. Aber welche? 40 Prozent der Befragten räumen schulartenübergreifend ein, ihre Rechte nicht sicher zu kennen. Gar keine Rechte kannten 17,4 Prozent in Hauptschulen, 13,9 Prozent an Gesamt- und Sekundarschulen, zehn Prozent an Hauptschulen und 4,6 Prozent an Gymnasien. Nicht einmal ein Drittel aller Kinder und Jugendlichen kennen die UN-Kinderrechtskonvention, die in diesem Jahr 30 Jahre alt wird. Die Studienautoren sehen hier dringenden Handlungsbedarf an den Schulen.

Im Haushalt helfen

Lernen, Hausaufgaben machen oder für die Schule zu üben sind die Pflichten eines Schülers. Denen kommen 68,5 Prozent in der Gruppe der Zehnjährigen bis hin zu 51,8 Prozent der 14-Jährigen mehr als dreimal in der Woche nach. Bei den 12- bis 14-Jährigen helfen zwischen zwölf und 15 Prozent der Befragten einmal in der Woche im Haushalt, zwei- bis dreimal fassen rund 36 Prozent mit an und rund 45 Prozent helfen öfter als dreimal pro Woche. Bei der Betreuung von Geschwistern oder anderen Familienmitgliedern werden unter den Zehnjährigen 66,1 Prozent mindestens einmal pro Woche in die Pflicht genommen, bei den 14-Jährigen sind es noch 45,1 Prozent.

Finanzielle Sorgen

Trotz guter Versorgung junger Menschen in Deutschland liegt der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die sich immer (5,6 Prozent), oft (10,7) oder manchmal (35,5) Sorgen um die finanzielle Situation der Familie machen, bei über 50 Prozent. Kinder und Jugendliche, die sich um das Geld in der Familie sorgen, gehören zu denjenigen, die sich unsicherer fühlen und häufiger Ausgrenzungs- und Gewalterfahrungen erleben. Schließlich, erinnern die Erziehungsforscher, seien Kinder und Jugendliche, die sich finanzielle Sorgen machten, bei Unternehmungen mit Freunden deutlich eingeschränkter. 12,7 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die immer in Sorge sind, könnten nie etwas unternehmen, wenn es Geld koste, 33,3 Prozent nur manchmal.

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