1. Startseite
  2. Wissen

Gestrichene Klarheit

Erstellt:

Von: Verena Kern

Kommentare

Das Warten auf den dritten Teil des IPCC-Berichts war lang, Auch weil wichtige Fakten kurz vor Schluss noch aus der Empfehlung für die Politik verschwinden mussten. Die Kolumne „Öko-Logisch“.

Das kennt man sonst nur von Klimakonferenzen. Ganz am Schluss, wenn eigentlich schon alles ausverhandelt ist, dauert es doch oft sehr viel länger als geplant, bis ein gemeinsames Abschlussdokument steht.

Jetzt gab es auch beim dritten Teil des neuen IPCC-Berichts eine mehr als zweitägige Verspätung. Noch nie dauerten die Verhandlungen über die „Zusammenfassung für Entscheidungsträger“ eines Weltklimaberichts so lange. Dass sich die Abschlussdiskussion diesmal über 40 Stunden hingezogen hat, sagt viel darüber aus, wie ernst die Lage ist.

Eigentlich haben die Regierungen bei den Berichten nichts zu sagen. Diese werden von Tausenden Forscherinnen und Forschern zusammengestellt, um den aktuellen Erkenntnisstand der Klimawissenschaft darzulegen. Anders sieht es bei der sogenannten Summary for Policymakers aus, die gezielt für Politiker:innen formuliert ist und die langen Berichte auf rund 60 Seiten zusammenfasst. Hier können die Regierungen Einfluss nehmen, denn die Kurzfassung muss von ihnen Satz für Satz verabschiedet werden.

Der Vorteil ist, dass die Länder so die wissenschaftlichen Aussagen der Berichte offiziell anerkennen. Das ist wichtig. Aber es gibt auch einen schwerwiegenden Nachteil. Ausgerechnet bei dem Dokument können die Regierungen mitreden, das sich explizit an sie richtet. Sie haben somit die Wahl, was sie zur Kenntnis nehmen wollen und was nicht.

„Institutionelle Trägheit“

Vergleicht man die verabschiedete Zusammenfassung mit dem Ursprungsdokument, das letzten August geleakt wurde, sieht man: Klare Formulierungen wurden gestrichen, etwa dass „institutionelle Trägheit“ zu dem Risiko führt, „dass künftige Treibhausgasemissionen festgeschrieben werden, die kostspielig oder schwer zu reduzieren sein könnten“. Oder dass „Eigeninteressen“ und die Konzentration auf einen schrittweisen statt systemischen Ansatz die ehrgeizige Transformation einschränken. Verschwunden ist auch die klare Benennung, wer für die Klimakrise die größte Verantwortung trägt – nämlich die reichsten zehn Prozent der Menschheit. Sie verursachen 36 bis 45 Prozent aller weltweiten Treibhausgasemissionen, während die ärmsten zehn Prozent nur für drei bis fünf Prozent der Emissionen verantwortlich sind. Für die „realistischen Reaktionsstrategien“ auf die Klimakrise, die der IPCC eigentlich benennen soll, sind das keine guten Voraussetzungen.

Auch interessant

Kommentare