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Peter Cushing als Victor Frankenstein in einer Filmversion aus dem Jahr 1957.

Forschung

Gescheiterte Inklusion

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Vor 200 Jahren erschien Mary Shelleys Roman "Frankenstein". Er steht wie kaum ein anderer für Forscherhybris und Veranwortungslosigkeit.

Lernen Sie von mir – wenn schon nicht durch meine Mahnungen, dann doch wenigstens durch mein Beispiel -, wie gefährlich es sein kann, Wissen zu erlangen, und wie viel glücklicher ein Mensch ist, der seine Heimatstadt für die Welt hält, als jemand, der über seine von der Natur gesetzten Grenzen hinaus nach Höherem sucht.“ Der Mann, der diese Worte spricht, scheint durch eigene Erfahrung erkannt zu haben, welche fatalen Folgen es nach sich ziehen kann, wenn Wissenschaftler der Versuchung erliegen, alles zu tun, was möglich – aber nicht gut ist. Victor Frankenstein – um ihn geht es hier – ist mit seinem faustischen Bestreben zum Sinnbild geworden für Forscherhybris und wird auch in modernen Zusammenhängen noch gerne zitiert: wenn es etwa um die Entwicklung immer „intelligenterer“ menschenähnlicher Roboter geht oder darum, was Gentechnik darf. Letzteres ist gerade aktuell eine drängende Frage, da sich mit dem noch jungen Verfahren der Genschere Crispr/Cas das Erbgut gezielt verändern lässt, auch das von uns Menschen.

Diese Figur, die bis heute wie wenige andere in der Literatur für eine entgleiste Wissenschaft steht, ist bereits 200 Jahre alt. 1818 veröffentlichte die 20-jährige Mary Shelley ihren Roman „Frankenstein oder Der moderne Prometheus“, damals noch nicht unter ihrem Namen. Das düstere Werk war bei den Lesern sofort ein großer Erfolg, bereits wenige Jahre später kam eine Neuauflage auf den Markt und 1831 eine überarbeitete Version, die erstmals Shelley als Autorin nannte. Seither erschien das Werk in nahezu 500 verschiedenen Editionen, es wurde mehrfach verfilmt, wobei sich Boris Karloff im Leinwandklassiker von 1931 als die Verkörperung des Monsterw ins kulturelle Gedächtnis einprägte – was dessen ambivalenter Zeichnung in der literarischen Vorlage allerdings nicht gerecht wird. 

Im Buch ist auch Victor Frankenstein nicht Arzt wie im Film, sondern Naturwissenschaftler. Er entdeckt, wie man „lebloser Materie“ Leben schenkt und schafft aus „einem Körper, den der Tod schon sichtbar der Fäulnis geopfert hatte“, ein Wesen. In seiner Fantasie setzt er sich Gott gleich: „Eine neue Spezis würde mich als ihren Schöpfer und Ursprung verehren, viele glückliche und vortreffliche Kreaturen würden mir ihr Dasein verdanken.“ Doch es kommt anders: Als Frankenstein sein Werk vollbracht hat und betrachtet, erfüllen „Abscheu und atemloses Grauen“ sein Herz. Er rennt fluchtartig aus dem Labor – und überlässt die künstliche Lebensform sich selbst. Wegen seines abstoßenden Äußeren erfährt das Wesen in der Welt nur Entsetzen und Ablehnung. Das entfacht das Böse in ihm – und es gibt das erfahrene Leid zurück: Frankensteins Geschöpf mordet.

Zum 200. Geburtstag in diesem Jahr setzen sich am Freitag in der Evangelischen Akademie Frankfurt Wissenschaftler mit „Frankenstein“ auseinander. Im Mittelpunkt stehen Fragen der Medizin, der Psychiatrie, der Ethik und der Philosophie sowie ein Vergleich zwischen Roman und Film; Mitveranstalter ist das Zentrum für Ethik in der Medizin am Agaplesion Markus Krankenhaus Frankfurt. 

Maßgeblich beeinflusst durch den Film von 1931 wird „Frankenstein“ fast ausschließlich als Gruselgeschichte und Warnung vor Größenwahn wahrgenommen. Doch das Buch ist vielschichtiger und tangiert noch andere, bis heute relevante Fragen, sagt Kurt Schmidt, Leiter des Zentrums für Ethik in der Medizin. 

Faszination für die Manipulierbarkeit der Natur

Shelleys Roman entstand in einer Zeit des Umbruchs, insbesondere auch mit Blick auf die Naturwissenschaften – und spiegelt die damit verbundenen Stimmungen und Unsicherheiten deutlich wider. Die vorangegangene Epoche der Aufklärung hatte mit der Betonung der Ratio die Basis geschaffen für einen Wechsel von der Mystik hin zu den modernen Naturwissenschaften; vollzogen und bei der Mehrheit angekommen war dieser zu Beginn des 19. Jahrhunderts indes noch nicht. Man war fasziniert von der Alchemie, jener alten Kunst, die stets ein Ruch der Zauberei umgab – aber auch von der Entdeckung der Elektrizität, so grundlegend neu und schwer begreiflich, das sie ebenfalls an Magie zu grenzen schien. Führende Forscher auf diesem Gebiet waren Luigi Galvani und Alessandro Volta, der als Erfinder der elektrischen Batterie und Begründer der Elektrizitätslehre gilt. Mit Galvani stritt er über dessen These einer „animalischen Elektrizität“: Der italienische Anatom forschte mit Fröschen, denen er elektrische Stöße verpasste, was bei den Tieren zu Muskelkontraktionen führte. 

So sehr fesselten diese Experimente die Menschen, dass es in Europa zeitweise zu einem Engpass an Fröschen kam, weil viele diese Versuche zuhause wiederholen wollten, erzählt Schmidt und sagt, die Bedeutung der Kontroverse zwischen Galvani und Volta für „Frankenstein“ könne „nicht genug betont werden“; auch Mary Shelley habe im Kreis ihrer Freunde darüber diskutiert. Wie viele ihrer Zeitgenossen war die junge Frau vom Gedanken der Manipulierbarkeit der Natur fasziniert. Noch in der Tradition des Schauerromans und gleichzeitig das Genre der Science Fiction vorausgreifend, spinnt sie den Wissensstand ihrer Zeit ins Fantastische weiter – deutet für den Moment der „Belebung“ der Kreatur die Elektrizität als entscheidende Kraft aber nur an.
Auch die Medizin befand sich Anfang des 19. Jahrhunderts im Wandel. Die Schulmedizin, wie wir sie heute kennen, gab es noch nicht. Wunddesinfektionen und Narkosen kannte man nicht, Operationen waren eine schmutzige, für Patienten extrem qualvolle und oft tödliche Angelegenheit. Doch der Wissensdurst war gewaltig. Anatomen wollten hineinsehen in den Körper und begreifen, wie er funktioniert – und dafür brauchten sie Leichen. Allerdings durften in England nur hingerichtete Mörder legal seziert werden. Viel zu wenig für den großen Bedarf und eine „Marktlücke“, die zwielichtigen Gestalten blühende Geschäfte bescherte, zumal dieses Vergehen nur milde bestraft wurde. Ein solches Ausmaß nahm der Leichenraub an, dass 1832 das englische Anatomiegesetz erlassen wurde, das ihn unter Strafe stellte; es gilt bis heute. 
Insofern ist es nicht ungewöhnlich für die Zeit, dass Frankenstein mit Leichenteilen arbeitete.

Den entscheidend neuen Schritt unternimmt der Wissenschaftler, indem er aus dem Toten Lebendiges schaffen will. Der außer Kontrolle geratene Forscherdrang, das Verlangen, Gott zu spielen, ist ein zentrales Motiv, gleichwohl sieht Schmidt den „eigentlichen Sündenfall“ Frankensteins an einer anderen Stelle: als der Wissenschaftler entsetzt von der Hässlichkeit seiner Schöpfung das Weite sucht. „Er steht nicht zu seiner Verantwortung für das, was er geschaffen hat“, erläutert der Theologe und stellt die Frage: „Kann ein Lebewesen ein Fehlschlag sein?“. Dieses Verhalten sei kritischer zu bewerten als der eigentliche „Schöpfungsakt“ Frankensteins.

Erst durch Zurückweisung wird die Kreatur im Roman zum Unhold. „Als es in die Welt gesetzt wird, ist das Geschöpf unschuldig, wie die anderen mit ihm umgehen, also äußere Einflüsse machen es zum Verbrecher“, sagt Schmidt. Eine Thematik, die an Rousseaus 1762 erschienenen pädagogischen Roman „Emile“ erinnert und an die seit der Aufklärung gestellte Frage nach der „Natur“ des Menschen und der Rolle der Umwelt bei der Charakterbildung. Eine aktuelle Diskussion der biomedizinischen Ethik sieht Kurt Schmidt zudem berührt durch die Tatsache, dass Frankensteins Geschöpf keinen Namen trägt „und auch nie direkt der Gattung Mensch zugerechnet wird“. Es gehe darum, „wem wir den sogenannten Personen-Status zuerkennen und die damit verbundenen Rechte und Pflichten“.

 Anders als in der berühmten Verkörperung durch Boris Karloff ist Shelleys Geschöpf kein schwerfälliges, knurrendes Monster, sondern eignet sich selbst das Sprechen an und bildet sich durch Lektüre fort. Doch als es zunehmend verzweifelt mit Menschen Kontakt aufnehmen möchte, endet jeder Versuch in der Katastrophe. Für Medizinethiker Schmidt berührt auch dieser Aspekt ein aktuelles Thema: „Frankensteins Geschöpf ist für mich das Beispiel einer gescheiterten Inklusion. Es ist ein leidvoller Bericht über erfahrene Intoleranz und Rassismus, die letztlich in Gewalt und hasserfüllte Rache umschlägt.“ Das Wesen rechtfertigt damit seine Missetaten, Mary Shelley indes tut es nicht. Durch das erfahrene Leid und die Schuld, die Frankenstein auf sich geladen hat, wird sein Geschöpf nicht freigesprochen.

Und so ist die Situation am Ende für Victor Frankenstein und seine Kreatur gleichermaßen hoffnungslos, ein Ausweg wird nicht aufgezeigt. Der Wissenschaftler und die von ihm geschaffene Lebensform sterben. Jeder für sich, allein, im – damals noch – ewigen Eis der Arktis. 

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