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„Gerechte Sprache“

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Im Alltag dann doch ständig präsent: Latein, hier am Hauptportal der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder).
Im Alltag dann doch ständig präsent: Latein, hier am Hauptportal der Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder). © dpa/dpaweb

Experte Stefan Kipf über den Nutzen von Latein, den Wandel des Unterrichts und die Auswirkungen modernen Lateinunterricht bei Schülern nichtdeutscher Herkunft.

Experte Stefan Kipf über den Nutzen von Latein, den Wandel des Unterrichts und die Auswirkungen modernen Lateinunterricht bei Schülern nichtdeutscher Herkunft.

Herr Professor Kipf, ist es heute nicht wichtiger, eine PC-Tastatur zu bedienen als Latein zu lernen?

Es ist beides wichtig. Man sollte nicht versuchen, solche Dinge gegeneinander auszuspielen. Dass man sich heutzutage im Sinne einer Kulturtechnik mit dem PC auskennen muss, ist völlig klar. Nur hat das erst mal nichts mit Bildung zu tun.

Aber das Zehnfingersystem lernt man nicht in der Schule, obwohl es nützlich wäre. Stattdessen paukt man dort lateinische Vokabeln. Ist das sinnvoll?

Mein mittlerer Sohn lernt das Zehnfingersystem gerade in der Schule, allerdings angeboten durch eine außerschulische Einrichtung. Ich selbst hatte damals in der Grundschule einen Schreibmaschinenkurs, das war sehr modern. Aber die Frage der Bildung sollte ja über solche praktischen Fragen hinausgehen. Latein ist für mich ein wichtiger Teil der Allgemeinbildung. Die Sprache liefert ein sprachliches und kulturelles Orientierungswissen, das man nicht so leicht über Bord werfen sollte. Dazu besteht ja auch kein Anlass. Die Sprache ist an den Schulen stark nachgefragt, gerade jüngeren Kindern bereitet das Fach offenbar große Freude.

Sind es wirklich die Kinder, die sich für Latein entscheiden, oder nicht doch eher deren Eltern?

Die Kinder haben heute mehr Einfluss als man denkt. Es ist nicht mehr so diktatorisch, wie es früher mal war. Natürlich spielt es auch eine Rolle, dass die Lateinlehrer ihr Fach offensiver bewerben. Probestunden geben Kindern einen guten Einblick. Wissenschaftliche Untersuchungen zu der Frage, warum ein Kind Latein wählt, gibt es allerdings nicht.

Sind es vor allem die bildungsbürgerlichen Schichten, die sich für Latein entscheiden?

Ja, das Bildungsbürgerliche ist ein wichtiger Punkt. Andererseits sind die Schüler-Gruppen an den Gymnasien längst nicht mehr so homogen wie früher. Latein als drittstärkste Fremdsprache wird auch von jenen Schüler gewählt, die nicht zu den bildungsnahen Schichten gehören. Die Lehrer müssen sich also auf Schüler einstellen, die nicht wissen, wer Odysseus war oder dass Latein eine Sprache war, die die Römer gesprochen haben. Das ist fürs Fach nicht ganz einfach, weil man Dinge neu durchdenken muss, aber es ist auch eine große Chance.

Welche Chance meinen Sie?

An der Ernst-Abbe-Oberschule in Berlin-Neukölln beispielsweise haben wir vor zwei Jahren 150 Schüler befragt, die meisten davon mit Migrationshintergrund, wie sie zum Fach Latein stehen. Die Zustimmung war überwältigend. 75 Prozent sagten, sie würden es wieder wählen. 91 Prozent der Migrantenkinder hatten außerdem das Gefühl, ihr Deutsch habe sich durch den Lateinunterricht verbessert. Das ist kein Beweis, aber ein starkes Indiz dafür, dass das Fach wichtig ist für die Förderung des Zweitsprachenerwerbs.

Ist Latein eine „gerechte“ Sprache, weil ja alle Schüler bei Null anfangen?

Ja, denn Latein ist niemandes Muttersprache. Man kann nicht mal eben ins Ausland fahren und sich mittels Sprachurlaub einen Sprachvorteil verschaffen. Keiner kann im Kindergarten anfangen, Frühlatein ab zwei Jahren zu lernen. Das Fach mit einem elitären Anspruch stellt sich dann plötzlich als ziemlich egalitär dar. Viele Schüler mit Migrationshintergrund sagen auch: Durch Latein haben wir gelernt, dazu zu gehören. Und das verschafft diesen Kindern und Jugendlichen ein starkes Selbstbewusstsein.

Hat sich der Lateinunterricht in den letzten Jahren gewandelt?

Das Lateinbuch sah früher so aus: grau, unfreundlich, gespickt mit viel Text und mit Einzelsätzen, die inhaltlich nichts miteinander zu tun hatten. Gleichmäßig waren dann noch ein paar Marmorköpfe im Buch verteilt, die von Schülern entsprechend verziert wurden.

Und heute?

Heute sind die Lehrbücher kindgerechter und methodisch abwechslungsreicher gestaltet. Im Vordergrund stehen die Übersetzung eines sinnvollen lateinischen Textes und dessen Interpretation. Leichter ist es für die Schüler deshalb aber nicht geworden. Die Stundenzahl hat sich deutlich verringert, dafür haben Grammatikreflexion und sachkundlicher Bereich deutlich zugenommen.

Wie sieht der Latein-Unterricht der Zukunft aus?

Wir müssen uns von einem einseitigen klassizistischen Lehrplan verabschieden und mehr mittel- und neulateinische Texte einbeziehen. Deren Zahl ist riesenhaft, und sie sind sehr interessant. Allerdings ist eine ganz ungute Rückwärtsbewegung in Gang gekommen: häufig stehen nur noch sehr wenige klassische Autoren im Mittelpunkt, und für alles andere bleibt aufgrund der Schulzeitverkürzung keine Zeit mehr.

Interview: Birgitta vom Lehn

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