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Über die Idee von Immunitätsausweisen.

Gastbeitrag

Genesene Menschen als Ressource?

Jetzt will auch die Bundesregierung Corona-Immunitätsausweise einführen, deren Träger von Beschränkungen befreit werden können. Die Idee birgt viele Risiken. Der Gastbeitrag.

In der Diskussion um mögliche Wege aus der Corona-Krise fällt immer häufiger ein Begriff: „Immunitätszertifikate“ – wahlweise ist auch von „Pässen“ oder „Lizenzen“ die Rede – sollen im Kampf gegen die Pandemie eine zentrale Rolle spielen. Die britische und die italienische Regierung haben verkündet, die Vergabe von Immunitätslizenzen in Erwägung zu ziehen, Bill Gates denkt laut über deren Sinn nach, und ein Konsortium aus 60 Tech-Unternehmen forscht zu digitalen Zertifikaten per Blockchain-Technologie.

Im deutschsprachigen Raum ist es in erster Linie eine kleine Gruppe von Wirtschaftswissenschaftlern, die Immunitätszertifikate in die Debatte eingebracht hat – und was sie vorschlagen, klingt zunächst vielversprechend: Menschen, die mit Corona infiziert waren und nun wieder gesund sind, stellten durch ihre Immunität „die wertvollste Ressource im Kampf gegen Corona“ dar, so die These der Ökonomen Reiner Eichenberger, Rainer Hegselmann und David Stadelmann, die sie etwa in der Neuen Züricher Zeitung, der Wiener Zeitung und auf dem Onlineportal Telepolis vertraten. Es ginge nur noch darum, diese Ressource zu suchen, zu finden und einzusetzen. Ihr Einsatz sei für eine Rückkehr in die Normalität unabdingbar.

Ein „Immunitätszertifikat“ sollte insbesondere dabei helfen, junge Menschen zu identifizieren, die bewusst oder unbewusst eine Covid-19-Infektion überstanden haben, und ihnen als eine Art „Passierschein in die Normalität“ dienen. Damit könnten sie nicht nur wieder wie gewohnt ihrer Arbeit nachgehen, man könne sie auch gezielt einsetzen, etwa in der Alten- und Krankenpflege. Das Schöne an dem Vorschlag? Man bräuchte nicht viel zu tun, denn „diese Ressource wächst über die Zeit mit der steigenden Zahl der Erkrankten.“ Besonders schwer betroffene Staaten wie China, Italien und Spanien hätten bereits viele Immune. Diese könnte man künftig auch in anderen Ländern einsetzen, in denen sie gebraucht würden.

Doch die Debatte um das Immunitätszertifikat führt auf einen gefährlichen Pfad; Einer der beteiligten Autoren, Reiner Eichenberger, rief bereits an anderer Stelle junge Menschen dazu auf, sich absichtlich anstecken zu lassen, um nach ihrer Genesung einsatzbereit zu sein. Abgesehen davon, dass auch bei jungen Menschen schwere Krankheitsverläufe nicht ausgeschlossen sind, sollten wir hellhörig werden, wenn Menschen anhand biologischer Kriterien eine gesellschaftliche Nützlichkeit attestiert, die anderen per Verbriefung abgesprochen wird. Wenn die Körper der Genesenen zur knappen „Ressource“ werden sollen – wie Erdöl oder Eisenvorkommen – , für die eigens ein Allokationsmechanismus entwickelt werden muss.

Zwar gibt es inzwischen auch Virologen, die über Immunitätszertifikate laut nachdenken, aber die Vorschläge der Lebenswissenschaftler sind in der Regel mit Vorsicht formuliert. Erst die Kombination verschiedener Testverfahren könnte es demnach in der Zukunft erlauben, Genesene zu Immunen zu erklären, und ihnen beispielsweise erlauben, zur Arbeit zurück zu kehren. Wer tatsächlich immun gegen Covid-19 ist, ist wissenschaftlich längst nicht abschließend geklärt. Menschen reagieren unterschiedlich auf Viren. Genesene sind für die Lebenswissenschaften keine einheitliche Kategorie.

Doch die Ökonomen Eichenberger, Hegselmann und Stadelmann halten sich mit dieser Komplexität nicht länger auf. Für sie gilt: „Diejenigen sind immun, die infiziert wurden“.

Die Schnittstelle von Wirtschaft und Körpern ist ein heikler Knoten. Wem gehört die Immunität, die mein Körper für mich erarbeitet hat? Wer darf darüber entscheiden, wie und wo sie „eingesetzt“ werden darf? Biologische Selektion und Arbeitskraftmobilisierung bilden keine einfache Kontinuität. Zielt der Vorschlag der Ökonomen darauf ab, einen neuen Markt zu schaffen, der sich durch eine noch intensivere Nutzung der Ressource „Humankapital“ auszeichnet?

Humankapital – populär gemacht hat den Begriff in den 1960er- und 1970er-Jahren der Ökonom Gary Becker. Die Arbeitskraft, so seine These, sei ein „Kapital“ wie alles andere auch. Becker war ein Vertreter der marktradikalen Chicagoer Schule und Vertreter eines „ökonomischen Imperialismus“, der davon ausging, ökonomische Modelle auf alle Lebensbereiche anwenden zu können.

In dieser Tradition stehen auch die Zertifikatsökonomen. Besonders schalten sie sich immer wieder in die öffentliche Debatte ein – mit marktwirtschaftlichen Lösungsvorschlägen für gesellschaftliche Probleme. Rainer Eichelmann, einer der bekanntesten Ökonomen der Schweiz, etwa vertritt erklärtermaßen die Ansicht, Politik sei „nichts anderes als ein Markt für politische und staatliche Dienstleistungen“, was Ökonomen zu „Spezialisten für Politik- und Staatsversagen und dessen Heilung“ mache.

Sie vertreten einen epidemiologischen Marktfundamentalismus, in dem die Verantwortung für das Fortbestehen des gesellschaftlichen Systems in die Hände von Individuen gelegt wird, deren ökonomischer Wert nun per Zertifikat verbrieft wird.

Das ist beinahe ironisch, war es doch ebenjenes Mantra von „mehr Markt“, das die Gesundheitssysteme in vielen Staaten die Kapazitäten gekostet hat, die jetzt in der Krise so massiv nachgefragt werden. Die Gefahr besteht, dass die Sehnsucht nach Normalität zu einer Verschiebung der Debatte führt: Weg von der Kritik an Privatisierungen und Sparwahn, weg von den Arbeitsbedingungen und der Sicherheit des bestehenden Pflegepersonals hin zur Frage: Wie lassen wir genesene Chinesen und Italiener schnellstmöglich für uns arbeiten?

Dass es notwendig ist, darüber nachzudenken, wie in einem auf Wachstum angewiesenen System den Menschen die Rückkehr zur Arbeit und damit zur Existenzsicherung ermöglicht werden kann, steht außer Frage. Aber die Debatte um Immunität als Ressource zeigt – ähnlich wie die Vorgänge um die Heinsberg-Studie –, wie wichtig es ist, als Öffentlichkeit kritisch zu hinterfragen: Wer spricht – und mit welchem Interesse? Welche Wissenschaft erobert Deutungshoheit, setzt ihre Sprache und Ansätze durch?

Da sich gerade eine unheilige Diskursallianz zwischen neuen rechten Positionen und den Argumenten des epidemiologischen Marktfundamentalismus entwickelt – ein Blick auf die Lockdown-Proteste in den USA genügt –, ist es umso wichtiger, sich genau mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

Zu den Autoren: 

Uli Beisel  ist Wissenschafts- und Technikforscherin und Professorin an der Universität Bayreuth. 

Joel Glasman  ist Historiker und Professor an der Universität Bayreuth. 

Stefan Ouma  ist Wirtschaftsgeograph und Professor an der Universität Bayreuth

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