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Geist auf Abwegen

Im Jahre 1919 wurde Madame M. in die große Pariser Irrenanstalt Maison-Blanche gebracht und kam in die Obhut des Psychiaters Joseph Capgras. Sie behauptete, ihr Mann und ihre Tochter seien verschwunden. An ihre Stelle seien jetzt Doppelgänger getreten.

Von FRANK UFEN

Im Jahre 1919 wurde Madame M. in die große Pariser Irrenanstalt Maison-Blanche gebracht und kam in die Obhut des Psychiaters Joseph Capgras. Sie behauptete, ihr Mann und ihre Tochter seien verschwunden. An ihre Stelle seien jetzt Doppelgänger getreten.

Capgras-Patienten glauben, dass Mitglieder ihrer Familie durch Roboter oder Aliens ersetzt worden seien. Manche Patienten geben Vermisstenanzeigen auf und tragen Trauerkleidung - obwohl die vermeintlich Verschwundenen mit ihnen zusammen leben. Andere Patienten sind von der Vorstellung besessen, selbst einen Doppelgänger zu haben.

Dieses Syndrom gibt bis heute Rätsel auf. Capgras selbst hatte einen Abwehrmechanismus als Ursache der Erkrankung vermutet. Danach würden auf diese Weise die inzestuösen Gefühle der Patientin für ihren Vater ihrem Bewusstsein verborgen. Später machte man für das Syndrom einen gestörten Informationsaustausch zwischen den beiden Gehirnhälften verantwortlich.

Und schließlich gibt es noch eine weitere Theorie, die Parallelen zu sehen glaubt zu der von Oliver Sacks in seinem Buch "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte" beschriebenen Prosopagnosie, also der Unfähigkeit, Gesichter zu erkennen. Ob Alzheimer, Tourette oder Asperger - die Neurologie der Gegenwart kennt eine ganze Reihe von Syndromen, die nach Wissenschaftlern benannt sind, die bei ihrer Diagnose eine Pionierrolle gespielt haben.

Der niederländische Psychologie-Historiker Douwe Draaisma befasst sich in seinem neuen Buch eingehend mit insgesamt einem Dutzend solcher Krankheiten und arbeitet die einzelnen Etappen der Geschichte ihrer Erforschung präzise heraus. Was Draaisma dabei zutage fördert, ist eine ungeheure Menge an ebenso merkwürdigen wie aufschlussreichen Details. Darüber hinaus macht er mit gängigen, aber irrtümlichen Auffassungen kurzen Prozess. So werden Krankheiten in aller Regel nicht auf die Namen derjenigen getauft, die sie entdeckt und als erste ausführlich beschrieben haben.

Vielmehr ist es meistens so, dass derartige Eponyme ziemlich willkürlich durchgesetzt werden - und zwar von denjenigen Wissenschaftlern, die dafür über genügend Macht und Prestige und über ein ausgedehntes Beziehungsnetzwerk verfügen. Douwe Draaismas Analysen zeigen nach allen Regeln der Kunst auf, wie sehr es sich lohnt, sich intensiv damit zu beschäftigen. Eines der originellsten, erhellendsten und unterhaltsamsten Bücher der letzten Zeit.

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