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"Will nicht zuhören!"
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"Will nicht zuhören!"

Gastbeitrag

Gehorsam macht dumm

Kinder brauchen natürliche Autorität: Gehorsamspädagogik auf Biegen und Brechen macht dumm. Von Wolfgang Bergmann

Von WOLFGANG BERGMANN

Kleine Tyrannen überall, kleine Monster sind sie, unsere Kinder, in Abwandlung eines berühmten Sartre-Wortes: "Die Hölle, das sind die Familien mit Kindern." Ein einziges Katastrophenszenario hat der Kinder- und Jugendpsychiater Michael Winterhoff in seinem Buch "Warum unsere Kinder Tyrannen werden" gezeichnet, vergleichbar den Familien, die die Super-Nanny vor die Kamera zerrt.

Ein wohliges Voyeur-Gefühl stellt sich beim Leser ein und dazu die Gewissheit: Na, so schlimm sieht's bei uns ja doch nicht aus! Reicht solche Unterhaltungsliteratur mit boulevardesken Zügen in der Sparte der Eltern-Ratgeber tatsächlich für einen Mega-Erfolg? Offenbar ja. Denn außer umständlich beschriebenen Katastrophen hat Winterhoff nichts zu bieten: Keinen nennenswerten Rat, keine Analyse.

Wüsste Winterhoff mehr von den Gesetzen der kindlichen Seele, käme er vielleicht zu sinnvollen Vorschlägen, wie den Kleinen und den Eltern zu helfen sei. Stattdessen riet er in einem Interview allen Ernstes, dass die kindlichen Nerven trainiert werden sollten, und zwar mit rigider Konsequenz und monotoner Gleichförmigkeit - die Parallele zur militärischen Grundausbildung fällt auf.

Mama müsse ihre Forderungen Abend für Abend wiederholen, wie eine "kaputte Schallplatte". Moderne Kinder hätten ohnehin in großer Zahl "auditive Wahrnehmungsverarbeitungsstörungen", kurz: Sie hören nicht zu.

Weil Winterhoff eine Katastrophe nach der anderen ausmalt, bleibt ihm keine Zeit für Hinweise, woher solch familiäres Desaster rührt, und wie man es in Krisensituationen beschwichtigen kann. Hier ein unverschämter Neunjähriger, dort ein pubertierender Rüpel, eine zickige junge Dame, und dann weiß er auch nicht weiter.

Sein Rat lautet stets: Grenzen, Konsequenz, Kontrollieren. Wer sich je mit schwierigen Familien befasst hat, weiß, dass solche Empfehlungen sie endgültig entgleiten lassen können.

Winterhoff hat nicht verstanden, dass Kinder einen Wunsch nach ermutigendem Gehorsam haben. Nicht nach einem, der sie duckt und klein macht. Kinder wollen Autorität, aber eine richtige, keine aufgeblasene. Väter mit hochrotem Kopf, die sich "mal richtig durchsetzen", sind für Kinder nur albern. Sie wollen aber Respekt vor ihren Eltern haben. Ein Blick in die Entwicklungspsychologie verrät, warum das so ist.

Knapp skizziert: Kinder lernen eigentlich schon vor der Geburt. Mamas Stimme, der Rhythmus ihrer Bewegungen, Mamas Ärger und Freude - alles durchströmt das reifende Wesen in seinem vorgeburtlichen Eins-Sein mit der Mutter. Das sind die ersten Erfahrungen, sie bleiben im Unbewussten verankert.

Nach der Geburt lernen Kinder dann als allererstes sich selbst kennen: über den feinfühligen Austausch mit der Mutter, später kommen der Vater und andere Betreuungspersonen dazu. Im Spiegel ihrer Reaktionen zeichnen sich erste Konturen von Kommunikationsfähigkeit ein.

Aber was ist mit dem Trotz? Kinder wollen kontrollieren, alles soll sich ihrem Willen fügen. Haben Eltern erst einmal verstanden, dass sie es nicht mit einem Machtkampf zu tun haben, sondern mit einem Kampf um Anerkennung, dann ahnen sie zumindest, wie existenziell solche Trotzanfälle sind. Sie verstehen, dass sie mit brachialer Gehorsamserzwingung nichts erreichen, nur eine Beschädigung des kindlichen Vertrauens.

Vertrauen ist aber Grundlage dafür, dass ein Kind sich mutig der Welt zuwendet und ihre Eigenart begreift. Anders gesagt: Gehorsamspädagogik auf Biegen und Brechen macht dumm.

Vater und Mutter und wenige auserwählte Erwachsene sind tief verankert in dem sich entwickelnden "Kern" des kindlichen Selbst. Deshalb wollen Kinder gehorchen, sie wollen horchen, was diese bedeutungsvollen Personen zu sagen und vorzumachen haben.

In ihrem Spiegel entfalten sie ein Bewusstsein ihrer Selbst. Wer diesen Spiegel verdunkelt, erzeugt Wut und seelische Leere, Unruhe und ein Gefühl davon, in dieser Welt nicht zuhause zu sein. Das sind die Konsequenzen der Gehorsams-These von Winterhoff.

Übrigens: Monster stelle ich mir anders vor. Manche Kinder gehen einem auf die Nerven, aber wenn man sie etwas freundlicher und nachsichtiger anschaut, sich beglücken lässt von ihrer Lust am Leben, ihren offenen Gesichtern - dann sieht man meist ganz andere Kinder als die Winterhoff'schen Tyrannen. Selbstbewusster sind sie, oft geistig beweglicher als Kinder früherer Generationen.

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