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Die Geburtsstunde der Soziologie

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Mit einem Festakt ist in Frankfurt die Gründung des ersten Lehrstuhls vor 100 Jahren gefeiert worden.

Happy Birthday! So beschließt Birgitta Wolff, die Präsidentin der Frankfurter Goethe-Uni, ihre Würdigung der Frankfurter Soziologie, die auf eine stolze, 100-jährige Tradition zurückblickt. Auch Frankfurts Kulturdezernentin Ina Hartwig (SPD) gratuliert mit einem enthusiastischen „Weiter so!“, während Hessens Wissenschaftsministerin Angela Dorn (Grüne) den Blick nach vorn richtet und die Gesellschaft auch in den nächsten 100 Jahren durch den kritischen Spiegel der Soziologie betrachtet wissen will.

Mit einem Festakt sowie einem Festvortrag der US-amerikanischen Soziologin Saskia Sassen ist am Dienstag auf dem Campus Westend an die Geburtsstunde der Soziologie in Frankfurt, der mit ihr verbundenen bedeutenden Namen und gesellschaftspolitischen Forschungslinien erinnert worden. Ihren Anfang nahm diese Tradition mit der Gründung des bundesweit ersten Lehrstuhls für Soziologie und theoretische Sozialökonomie am 1. April 1919, auf den Franz Oppenheimer berufen wurde. Daraus ging – zusammen mit dem 1923 gegründeten Institut für Sozialforschung – später die Frankfurter Schule hervor, zu deren prominentesten Vertretern Theodor W. Adorno und Max Horkheimer zählen.

Bis heute genießt das Institut für Soziologie international Ruf und Ausstrahlung; mit mehr als 20 Professorinnen und Professoren und 60 wissenschaftlichen Mitarbeitenden zählt es zu den größten Standorten seiner Disziplin. Entsprechend hoch sind die Studierendenzahlen. Der an der Uni Bielefeld sozialisierte Institutsdirektor Thomas Scheffer zeigte sich vom „Frankfurter Reizklima“ samt der damit verbundenen Pflichtlektüre begeistert; der durchaus selbstkritische Austausch finde bei Workshops, Konferenzen und in Kneipen statt.

Ina Hartwig unterstrich die bemerkenswerte Entwicklung der Soziologie, da das Fach in den Anfangsjahren weder etabliert noch prestigeträchtig gewesen sei. Zugleich erinnerte sie daran, dass die 1914 von Frankfurter Kaufleuten – viele waren jüdischen Glaubens – gegründete Stiftungsuni zu den „liberalsten und modernsten“ zählte: Dass es keine theologische Fakultät gab, sei ein Bruch mit der Konvention gewesen ebenso wie die Vergabe von Stiftungsmitteln frei von jedweder konfessionellen Bindung. Zudem „war die Uni unabhängig vom Einfluss des preußischen Staats“. Kurzum, die die Frankfurter Soziologie – zu deren Kreis auch Erich Fromm, der Gründer des ersten Frankfurter Psychoanalytischen Instituts gehöre, „ist ein Meilenstein in der Universitätssgeschichte und in der deutschen Wissenschaftslandschaft“.

Die Unipräsidentin hob die Themen- und Methodenvielfalt am Institut hervor sowie die „ansteckende Streitfreudigkeit“, die produktiv sei ohne zu polarisieren. „Sie haben keine Angst, heiße Eisen wie die soziale Frage anzupacken“, betonte Wolff. Birgit Blättel-Mink, die Vorsitzende der 1909 von 71 Männern gegründeten Deutschen Gesellschaft für Soziologie (mittlerweile sind 44 Prozent der 3300 Mitglieder Frauen) betonte die kritische Funktion der Soziologie in Zeiten von Autoritarismus und Populismus.

Wissenschaftsministerin Dorn hob die Relevanz der von der Soziologie bearbeiteten Themenfelder hervor wie: gesellschaftliche Radikalisierung, Migration, soziale Ungleichheit, Wahlforschung, die radikale Veränderung der Arbeitswelt und Freizeit unter anderem durch die Digitalisierung, neue Formen der Familienplanung im Zuge der Fortpflanzungsmedizin.

Den Zuhörern versprach Angela Dorn auf dem aktuell umstrittenen Gebiet der Geschlechterforschung weiter vorankommen zu wollen und verwies auf die Forschungsförderung des Landes, das 1987 den ersten Lehrstuhl hierfür schuf.

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