Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Impfung

Für Organtransplanierte ist die Impfung kein Problem

Der Schutz könnte durch Medikamente, die das Immunsystem unterdrücken, aber geringer sein. Überraschende Beobachtung zu Covid-19-Verläufen

Ein Geschenk, das Leben bedeutet: So sehen viele Menschen, die eine gespendete Niere, Leber, Lunge oder ein „neues“ Herz eingepflanzt bekamen, ihr transplantiertes Organ an, sagt die Intensivmedizinerin Ebru Yildiz, Leiterin des Westdeutschen Zentrums für Organtransplantation der Universitätsmedizin Essen, einem der großen Transplantationszentren in Deutschland. Ein Geschenk, auf das sie meist lange bange gewartet haben. Die größte Angst dieser Menschen sei es deshalb, das wieder zu verlieren, erklärt die Ärztin. Viele Patientinnen und Patienten seien aus diesem Grund verunsichert, ob sie sich impfen sollen: „Sie fragen sich nicht wie andere: Wie wirkt sich die Impfung auf mich aus, sondern: Wie wirkt sich das auf mich und mein Geschenk aus. Muss ich, wenn etwas passiert, wieder von vorne anfangen?“

Solche Sorgen seien sehr verständlich, findet die Nephrologin, doch sie sagt auch, dass organtransplantierte Menschen sich auf jeden Fall impfen lassen sollen. „Ich sehe eigentlich kein Risiko.“ Ihr Kollege Ulf Dittmer, Leiter des Instituts für Virologie am der Universitätsmedizin Essen, erklärt ebenfalls, dass diese Patientinnen und Patienten „sich ohne weiteres impfen lassen können“. Auch die Fachgesellschaften für Organtransplantation sind sich in ihrer Empfehlung pro Impfung einig. Vorsicht, sagt Ebru Yildiz, sei allerdings in den ersten sechs Monaten nach einer Transplantation geboten. Denn in dieser Zeit müssten die Medikamente, die ein Abstoßen des fremden Gewebes verhindern sollen, in höherer Dosis eingenommen werden als später. Diese Arzneimittel – Immunsuppressiva – unterdrücken Immunreaktionen; der Grund, warum Organtransplantierte in dieser Zeit auch besonders anfällig für Infektionen sind.

Gilt die Empfehlung für jeden Impfstoff? Die bisher in der Europäischen Union zugelassenen Vakzine basieren auf unterschiedlichen Technologien: Bei den mRNA-Impfstoffen (Biontech/Pfizer und Moderna) wird der genetische Bauplan für das Spike-Protein in Lipid-Nanopartikel gehüllt und geimpft. Vektorimpfstoffe (Astrazeneca, Johnson & Johnson) nutzen ein nicht mehr vermehrungsfähiges Trägervirus, um das genetische Material für das Spike-Protein in die menschlichen Zellen zu transportieren. Grundsätzlich könnten sich organtransplantierte Menschen mit jedem der zugelassenen Vakzine impfen lassen, sagen Yildiz und Dittmer. Allerdings: „Wenn man es sich aussuchen könnte, würde ich mRNA-Impfstoffe empfehlen. Aber wenn man die Wahl nicht hat, ist auch ein Vektorimpfstoff in Ordnung“, sagt Ebru Yildiz.

Zunächst waren Fachleuchte, etwa von der Deutschen Gesellschaft für Organtransplantation, zurückhaltend, ob sich Vektorimpfstoffe wie der von Astrazeneca, Johnson & Johnson oder auch Sputnik V für Menschen mit einem gespendeten Organ eignen. „Es gab Fragezeichen, ob ein minimales Risiko besteht, dass das Vektorvirus im Körper doch noch lebensfähig sein und sich vermehren können“, sagt die Ärztin.

„Der Hintergrund ist, dass man Menschen mit eingeschränktem Immunsystem nicht mit lebenden Viren impfen soll, denn sie können sie deutlich schlechter kontrollieren als Menschen, deren Immunsystem normal funktioniert“, erläutert Ulf Dittmer. Da Organtransplantierte lebenslang Immunsuppressiva einnehmen müssen, arbeitet ihr Abwehrsystem nicht so gut wie bei völlig Gesunden. „Per definitionem“ zählten Vektorvakzine zu den Lebendsimpfstoffen, erklärt der Virologe: „Allerdings wurden sie genetisch so verändert, dass sie sich nur einmal vermehren können. Das ist ein eingebauter Schutz, der dazu führt, dass man ziemlich sicher auch Organtransplantierte damit impfen kann.“

Klassische proteinbasierte Impfstoffe, die nicht die genetische Information, sondern das Antigen in Form von Virusproteinen impfen, eigneten sich für diese Gruppe weniger gut, sagt Dittmer. Der Grund: „Sie lösen meist eine schwächere Immunreaktion aus.“ Bislang ist in der EU noch kein proteinbasiertes Corona-Vakzin auf dem Markt.

Organtransplantierte gehören nach einer Hochstufung mittlerweile zur Prioritätengruppe 2 beim Impfen, sind also zeitgleich mit den über 70-Jährigen an der Reihe. Allerdings rät Ebru Yildiz den Betroffenen, selbst aktiv zu werden und Kontakt mit ihrem Transplantationszentrum aufzunehmen. Denn sie benötigen eine ärztliche Bescheinigung.: „Die Gesundheitsämter wissen nicht, wer ein Organ transplantiert bekommen hat.“

Menschen, die mit einem Spenderorgan leben, gelten als besonders gefährdet durch eine Infektion mit dem Coronavirus. Die Erfahrungen aus der Praxis bestätigen das allerdings in der vermuteten Eindeutigkeit nicht, berichten Yildiz und Dittmer: „Eigentlich sehen wir im Vergleich zum Durchschnitt der Bevölkerung keinen Unterschied“, sagt Ebru Yildiz: „Das hätten wir alle nicht erwartet, weil sich Organtransplantierte in der Regel leichter mit Krankheitserregern infizieren und dann auch stärkere Beschwerden haben. Das scheint bei Corona etwas anders zu sein.“

Virologe Dittmer spricht von zwei verschiedenen Beobachtungen. „Primär“ seien diese Patientinnen und Patienten gefährdet, weil die Immunsuppressiva, die sie einnehmen, vor allem die T-Zellen unterdrücken, die Virus-infizierte Zellen abtöten. „Das bedeutet, dass sie die Vermehrung der Viren nicht so gut verhindern können.“ Andererseits wisse man aber inzwischen, dass schwere Verläufe bei Covid-19 oft mit einer überschießenden Immunreaktion einhergehen. So seien gerade die genannten T-Zellen daran beteiligt, wenn das eigene Gewebe in der Lunge angegriffen werde. „Teilweise sehen wir organtransplantierte Patienten mit einer hohen Viruslast, die sie nicht kontrollieren können. Sie haben aber gar keine Erkrankung, weil es bei ihnen zu keinem Prozess der Autoimmunität kommt“, erzählt Dittmer.

Wegen ihrer Immunschwäche sei zu vermutengen, dass die Impfung bei Organtransplantierten nicht so genauso gut wirke wie bei anderen: „Aber auch wenn sie weniger Antikörper und T-Zellen bilden, so ist das besser als nichts.“ Auch gebe es bei diesen Patientinnen und Patienten „so gut wie keine Nebenwirkungen“: „Denn diese werden ja durch die starke Immunreaktion verursacht.“ Sollten Organtransplantierte dennoch Beschwerden nach einer Impfung haben, sollten sie sich sofort an ihr Transplantationszentrum wenden, sagt Ebru Yildiz. Denn auch normale Reaktionen wie starkes Schwitzen durch Fieber, von denen Geimpfte bereits berichtet haben, können durch den Wasserverlust für Nierentransplantierte problematisch werden, erklärt die Intensivmedizinerin.

Grundsätzlich rät sie allen Transplantierten, in der Pandemie nicht den Kontakt zur ihrem Transplantationszentrum zu verlieren, und das auch ganz unabhängig von der Impfung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare