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An vielen Hochschulen wird versucht, den Stoff in das verkürzte Wintersemester zu packen.
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An vielen Hochschulen wird versucht, den Stoff in das verkürzte Wintersemester zu packen.

Hochschule

„Für Erstsemester ist es besonders schwer“

  • Franziska Schubert
    vonFranziska Schubert
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Wo hakt es bei der digitalen Lehre? Reicht die staatliche Hilfe aus?Über die Belastungen in der Pandemie diskutiert eine Studierendenvertreterin mit dem Generalsekretär des Studentenwerks.

Frau Kühnemann, Herr Meyer auf der Heyde, wie ist die Lage der Studierenden während der zweiten Infektionswelle? Viele lernen seit Monaten daheim, Mensen sind geschlossen, Studipartys gibt es nicht. Wie gehen Studierende mit diesen vielfältigen Belastungen um?

Kühnemann: Die Lage ist sehr schwierig, auch wenn sich die meisten Studierenden an die Situation gewöhnt haben. Im Wintersemester ist es aktuell für die Erstsemester, die noch gar nicht wissen, wie das Studium abläuft, besonders schwer. Auch wenn viele Bibliotheken mit Hygienekonzepten wieder geöffnet haben, kämpfen viele Studierende mit der Situation am Arbeitsplatz. Grundsätzlich verschärft die Pandemie die ohnehin schon bestehende Bildungsungerechtigkeit in Deutschland. So haben Arbeiterkinder eine viel geringere Chance zu promovieren als Kinder von Akademikern.

Meyer auf der Heyde: Die Lage bleibt enorm schwierig, zumal im Wintersemester rund 80 Prozent anfangen zu studieren. Vielen fällt es daher schwer, sich zu integrieren und Freundschaften zu schließen. Hochschulen und Studierendenwerke sollten entsprechene Angebote wie virtuelle runde Tische machen, um der Vereinzelung vorzubeugen. Zuwächse verzeichnen auch unsere psychologischen Beratungsstellen. Auch soziale Netzwerke können Studierenden helfen sich zusammenzufinden. Dass viele Studienpraktika wegfallen, ist eine weitere Schwierigkeit. Für jugendpolitisch hochproblematisch halte ich zudem, dass während der Pandemie ein Zehntel ins Elternhaus gezogen ist, um Kosten zu sparen. Genau in einer Phase, wo es um die Verselbstständigung geht. Da bedarf es einer sozialen Flankierung, um allen ein Studium vor Ort zu ermöglichen.

Trotz der Pandemie zahlen Studierende oft hohe Mieten.

Meyer auf der Heyde: Aktuelle Studien belegen, dass die Durchschnittsmieten bei rund 400 Euro liegen, also weit über dem Bafög-Satz von 325 Euro. Daher fordern wir, dass die Erhöhung der Elternfreibeträge beim Bafög vom kommenden Herbst vorgezogen wird. Darüber hinaus müssen Bund und Länder einen Hochschulsozialpakt schließen, damit Wohnheime neugebaut und saniert werden. Dort betragen die Mieten im Schnitt nur 256 Euro, und viele der dort lebenden Studierenden müssen mit weniger als 700 Euro im Monat auskommen.

Etliche haben derzeit Probleme, ihr Studium zu finanzieren. Reichen angesichts dieser Krise das Bafög und die Überbrückungshilfen aus?

Kühnemann: Die Überbrückungshilfe reicht auf keinen Fall aus. Das sind höchstens 500 Euro im Monat, und Studierende bekommen sie nur, wenn sie nicht mehr als 100 Euro auf dem Konto haben. Davon bezahlt werden müssen Semesterbeiträge, Lebenshaltungskosten, die Miete, Krankenkassenbeiträge und notwendige technische Hilfsmittel. Von der Förderung kann man nicht überleben. Ich bekomme außerdem viele Anrufe von verzweifelten Studierenden, die oft nicht nachvollziehen können, warum ihr Antrag abgelehnt wurde. Viele Nebenjobs sind weggebrochen und nur wenige Studis beziehen Bafög.

Meyer auf der Heyde: Da muss ich widersprechen, denn in mehr als 80 Prozent der Fälle finanzieren die Eltern zumindest anteilig das Studium. Knapp ein Drittel der jobbenden Studierenden arbeitet nach wie vor als studentische Hilfskräfte. Nur knapp 40 Prozent müssen jobben, um das Studium zu finanzieren. Jobs in der Gastronomie oder im Messebau sind weggebrochen, allerdings gibt es einen Strukturwandel hin zu alternativen Jobs – etwa im Einzelhandel, bei Lieferdiensten oder in der IT. Der Durchschnittsverdienst liegt bei 385 Euro.

Carlotta Kühnemann ist im Vorstand vom Freien Zusammenschluss von Student*innenschaften aktiv.

Reicht also die Staatshilfe, Herr Meyer auf der Heyde?

Fällt pandemiebedingt der Job oder die Unterstützung der Eltern weg, reicht dafür die Überbrückungshilfe als Ersatz aus; übrigens profitieren davon auch internationale Studierende, deren Lage oft prekär ist. Im November wurden bislang 75 Prozent der Anträge angenommen, und die Studierendenwerke fragen auch oft nach, wenn Unterlagen fehlen. Das Bafög hingegen reicht nicht aus, da es nur noch 16 Prozent aller Studierenden erreicht. Es gibt einen dringenden Handlungsbedarf, damit es auch in der unteren Mittelschicht ankommt. Immerhin bekommen 200 000 Studierende nicht den Elternanteil, der ihnen zu steht, weil diese dafür zu wenig, aber für den Bafög-Anspruch zu viel verdienen.

Frau Kühnemann, die Schulen sind mit ihren Problemen viel präsenter in den Medien. Läuft es an den Hochschulen besser?

Die Schulen sind offen und machen Präsenzlehre, den es in der Form an Unis nicht gibt. Dadurch fällt es Studierenden schwerer, sich zu vernetzen und über Probleme auszutauschen. Wir vom Freien Zusammenschluss von Student*innenschaften fordern dennoch Aufmerksamkeit ein. Ein guter Ansatz ist auf jeden Fall, gegen die Vereinzelung von Studierenden vorzugehen. Ich finde es wichtig, dass die mediale Aufmerksamkeit nicht nur auf Studierende, sondern auch auf Auszubildende gerichtet wird.

Die digitale Lehre verändert das Studium. Wie bewerten Sie die Lernbedingungen und Qualität der akademischen Ausbildung?

Meyer auf der Heyde: Die Hochschulen haben sich wahnsinnig engagiert, um überhaupt den Lehrbetrieb aufrechtzuerhalten. Auf Dauer wird es aber zum Nachteil gereichen, dass bei der digitalen Lehre die Interaktion und der informelle Austausch fehlen. Teilweise ist gegengesteuert worden, indem Semester nicht voll angerechnet werden und sich dadurch die Regelstudienzeit verlängert.

Kühnemann: Ein Problem ist, dass bundesweit das Wintersemester später, erst am 2. November, begonnen hat. Dennoch wird vielerorts versucht, den Stoff in das verkürzte Semester zu packen. Durch die digitale Lehre hat sich zudem der Arbeitsaufwand erhöht, weil es mehr Kontrollen gibt und Studierende sich hetzen, um Abgabefristen einzuhalten.

Achim Meyer auf der Heyde ist der Generalsekretär des Deutschen Studentenwerks.

Meyer auf der Heyde: Wenn wie im Sommersemester die Lehre nicht in die vorlesungsfreie Zeit hinein verlängert wird, ist das natürlich ein Nachteil und eine Belastung für Studierende, denn sie benötigen hinreichend Zeit für ihre Studienmodule.

Kühnemann: In der digitalen Lehre fehlt es oft noch an didaktischen Konzepten. Manche Dozierende geben sich sehr große Mühe, andere leider nicht. Allerdings ist auch bei der Präsenzlehre nicht alles besser. Ein großes Problem ist auch die uneinheitliche Software, so dass Studierende teilweise zehn verschiedene Videokonferenzsysteme auf ihren Rechnern installieren müssen. Manche Prüfungsprogramme überwachen Studierende total über die Webcam und den Browserverlauf. Das ist ein enormer Eingriff in die Privatsphäre!

Haben Sie schon eine Prognose, wann sich das Unileben ein Stück weit normalisieren wird?

Meyer auf der Heyde: Das lässt sich durch die Salamitaktik bei der Verhängung des Lockdowns nicht vorhersehen. Die schrittweise Wiederaufnahme von Präsenzveranstaltungen ist abhängig von den Infektionszahlen und dem Beginn der Impfungen gegen Covid 19. Ich gehe davon aus, dass es langfristig eine Mischung von Präsenzlehre und digitalen Angeboten geben wird. Vergessen wird bei der Debatte um die Digitalisierung aber oft, dass Studierende auf die Hochschul-Infrastrukturen angewiesen sind.

Kühnemann: Ein Riesenproblem ist, dass es an Hochschulen einen Rückstau beim Infrastrukturausbau gibt, der zur Digitalisierung beiträgt. So funktioniert vielerorts das Wlan nicht, wenn viele Studierende es gleichzeitig nutzen. Die Pandemie allein wird nicht bewirken, dass künftig bei der Digitalisierung von Hochschulen alles wunderbar funktionieren wird.

Meyer auf der Heyde: Genau aus diesem Grund ist es für mich unverständlich, warum es keinen Digitalpakt für Hochschulen geben soll. Natürlich müssen Unis nicht wie Schulen mit Computer ausgestatten werden, aber sie brauchen eine leistungsfähige Infrastruktur. Das betrifft übrigens auch Mensen, die oft auch als Lern- und Prüfungsräume genutzt werden. Um Studierendenwohnheime fit zu machen für die digitale Lehre, braucht es ebenfalls entsprechende Investitionen.

Interview: Franziska Schubert

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