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Ein frühgeborenes Mädchen im Inkubator eines Krankenhauses.

Medizin

Frühgeborene bleiben oft kränklich

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Eine große Studie aus Schweden kommt zu dem Ergebnis, dass viele ehemalige Frühchen im Erwachsenenleben zudem weniger verdienen als der Durchschnitt. Forscher sehen besonderen Förderungsbedarf.

Extreme Frühchen haben nicht nur einen schwierigen Start ins Leben – viele von ihnen leiden auch im Erwachsenenalter unter mehr Problemen als der Durchschnitt. Das hat eine umfassende Auswertung von Gesundheitsdaten aus Schweden ergeben, die ein Forscherteam um Casey Crump von der New Yorker „Icahn School of Medicine Mount Sinai“ im Fachjournal „Jama“ veröffentlicht hat. In diese Analyse flossen die Daten von mehr als 2,5 Millionen Schwedinnen und Schweden ein, die zwischen 1973 und 1997 geboren wurden und bei denen Informationen zur Geburt, zum Überleben und zu Krankenbehandlungen bis Ende 2015 zur Verfügung standen. 37 Prozent davon waren als Frühgeborene, also vor der 37. Schwangerschaftswoche, zur Welt gekommen.

Das Ergebnis: Vor allem extrem Frühgeborene, die nach nur 22 bis 27 Schwangerschaftswochen zur Welt kamen, hatten als Erwachsene mit ernsten Begleiterkrankungen zu kämpfen; lediglich 22 Prozent von ihnen blieben völlig verschont. Zu den gesundheitlichen Risiken Frühgeborener gehören Erkrankungen der Atemwege, des Herz-Kreislauf-Systems, der Nieren, Diabetes, aber auch neuropsychiatrische Störungen.

Doch das nicht allein: Auch das Bildungsniveau, die Beschäftigungsrate und das Einkommen lagen in der Gruppe der extrem Frühgeborenen deutlich unter dem Durchschnitt. Dabei zeigte sich eine auffällige Korrelation: je kürzer der Abstand zum „normalen“ Schwangerschaftsende, desto geringer die Beeinträchtigungen. Eine Schwangerschaft dauert üblicherweise zwischen 37 und 40 Wochen. Bei einer Geburt vor der 37. Woche gelten Kinder als Frühgeborene, bei einer Geburt vor der 30. Woche als Frühstgeborene.

Eine Erhebung wie die vorliegende aus Schweden wäre in Deutschland vermutlich nicht möglich gewesen. Hier und in vielen anderen Ländern scheiterten solche Vorhaben „in der Regel an Datenschutz-Bedenken“, sagt Christoph Bührer, Direktor der Klinik für Neonatologie (die Lehre von Neugeborenen und ihren Erkrankungen) an der Berliner Charité. In Skandinavien hingegen sei es „völlig in Ordnung“, Gesundheitsdaten wie in diesem Fall die Frühgeburtlichkeit mit Sozialdaten wie Arbeitslosigkeit und Einkommen zu verknüpfen.

In einer der wenigen verfügbaren Studien zu Frühgeborenen aus Deutschland habe sich gezeigt, „dass rund 35 Prozent der überlebenden ehemaligen Frühgeborenen der Jahrgänge 2002 bis 2006 mit einem Geburtsgewicht unter 750 Gramm bei der Einschulung einen Sonderförderbedarf aufwiesen“,sagt Bührer. Bei den Kindern mit normalem Geburtsgewicht (zwischen 3000 und 4000 Gramm) hingegen hätte dieser Anteil bei nur vier Prozent gelegen. Die Daten stammten aus dem Bundesland Berlin.

Was erwachsen gewordene Frühgeborene angehe, so existiert in Deutschland lediglich eine größere Kohortenstudie. Dabei wurde die Lebenssituation von 226 Frühgeborenen, die mit einem Gewicht von 1500 Gramm zwischen 1985 und 1989 im Großraum München auf die Welt kamen, im Alter von 26 Jahren untersucht und mit 226 Gleichaltrigen verglichen. Auch hier habe sich eine höhere Rate an Arbeitslosigkeit gezeigt, erklärt Bührer. Zudem hätten mehr junge Erwachsene als der Durchschnitt der Vergleichsgruppe „in Abhängigkeit von Eltern oder Institutionen“ gelebt. „Als subjektiv am meisten belastendes Problem wurden aber Schwierigkeiten genannt, romantisch-erotische Beziehungen einzugehen“, sagt der Berliner Mediziner und fügt hinzu: „So etwas steht in keiner der Datenbanken, die Krankenkassen, Arbeitsämter oder die Steuerbehörden führen.“

Christoph Bührer ist auch Leitlinien-Beauftragter der Gesellschaft für Neonatologie und pädiatrische Intensivmedizin. Die bisherige deutsche Leitlinie zum Umgang mit extrem Frühgeborenen ist abgelaufen und wird derzeit auf Basis aktueller Daten überarbeitet; ungewiss, ob auch die Ergebnisse der aktuellen Studie einfließen. In Deutschland werden jedes Jahr rund 63 000 Kinder vor der 37. Schwangerschaftswoche geboren, 8000 davon sind Frühstgeborene.

Sascha Meyer, leitender Oberarzt der Klinik für Allgemeine Pädiatrie und Neonatologie am Universitätsklinikum des Saarlandes bezeichnet die Analyse aus Schweden als „eíne sehr wichtige, große Studie“. Seiner Ansicht nach lasse sich sich jedoch „nicht ohne relative Einschränkungen auf die gegenwärtige Situation in Deutschland und anderen industrialisierten Ländern“ übertragen. Denn die medizinische Versorgung von heute sei mit der aus den 1970er, 80er und 90er Jahren nicht zu vergleichen. Allerdings weisen die Ergebnisse für Meyer auf die „Bedeutung und Notwendigkeit“ hin, die Mortalität und die Krankheiten von Frühgeborenen im Langzeitverlauf zu erfassen – und dabei auch zu verfolgen, wie sich ihre sozioökonomische Situation entwickelt. „Dies gilt insbesondere vor dem Hintergrund der Behandlung von auch extremst unreifen Frühgeborenen an der Grenze zur Lebensfähigkeit“, sagt Meyer. „Ein wichtiger Teilaspekt sollte hierbei auf der Erfassung der Lebensqualität liegen – sowohl der Kinder als auch ihrer Eltern.“

Spezifische Schlussfolgerungen“ lassen sich nach Ansicht Meyers jedoch nicht aus der Publikation ziehen, ebenso wenig könne man Änderungen der „aktuellen Vorgehensweise in Bezug auf die ethische Bewertung lebenserhaltender Maßnahmen“ ableiten. Wie sein Berliner Kollege Bührer sagt, werden in Schweden und Deutschland lebenserhaltenden Maßnahmen bei extrem Frühgeborenen mit 22 Schwangerschaftswochen angeboten, während etwa in den Niederlanden, Frankreich, der Schweiz oder Österreich solche Kinder „primär palliativ betreut“ würden.

Allerdings ergeben sich für Sascha Meyer aus der Studie „wichtige Fragestellungen“, wie die frühgeborenen Kinder optimal und auch langfristig gefördert werden könnten, „um diesen Patientengruppen letztlich eine bestmögliche gesellschaftliche Teilhabe zu ermöglichen“. Auch Dirk Bassler, Direktor der Klinik für Neonatologie am Universitätsspital Zürich, betont die Notwendigkeit, den Fokus künftig stärker auf die Gruppe insbesondere der extrem Frühgeborenen zu richten. So ließe sich für jedes einzelne Schicksal, aber auch auf „gesellschaftlicher Gesamtebene“ viel erreichen.

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