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Frühe Blüte

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Von: Verena Kern

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Der Haselstrauch blüht in Deutschland bereits seit Anfang Januar.
Der Haselstrauch blüht in Deutschland bereits seit Anfang Januar. © Getty Images

Eine britische Studie zeigt: Durch den Klimawandel sind Pflanzen im Schnitt einen Monat früher dran als noch vor wenigen Jahrzehnten.

Anfang Januar begann in Deutschland in diesem Jahr bereits die Haselblüte. Zuerst ging es im Westen und Südwesten los, wenig später, Ende Januar, auch im gesamten Bundesgebiet, wie die Daten des Deutschen Wetterdienstes (DWD) zeigen. Die Haselblüte gilt als Zeichen für den Beginn des Vorfrühlings. Üblicherweise setzt sie erst im Februar ein.

Zwar kann es bei der Hasel auch schon einmal im Dezember zu einer sehr frühen Blüte kommen. Der Pflanze macht Kälte wenig aus, sie blüht nach Ende einer Frostphase einfach weiter. Doch insgesamt ist der Zeitpunkt des ersten Blühens bei der Hasel und weiteren Pflanzen nach vorn gerückt, parallel zu den steigenden Temperaturen durch den Klimawandel. Wie sich die Erderwärmung konkret auswirkt, wird hier, bei der Pflanzenentwicklung, greifbar.

Sehr gut lässt sich das ablesen an der „phänologischen Uhr“ des DWD. Sie zeigt, wie Pflanzen auf die sich erwärmende Welt reagieren. Der Beginn aller charakteristischen Vegetationsstadien – Blüte, Fruchtreifung, Blattverfärbung, Blattfall – hat sich demnach in den vergangenen Jahrzehnten deutlich verschoben. Im Vergleich zum vieljährigen Mittel, womit der Zeitraum von 1961 bis 1990 gemeint ist, beginnt die Haselblüte heute 17 Tage früher. Bei Forsythie (Erstfrühling) und Apfel (Vollfrühling) sind es elf Tage, bei der Sommerlinde (Hochsommer) zehn Tage. Der Winter dauert statt 97 nur noch 74 Tage. Die Pflanzen sind, wie der DWD formuliert, gleichsam „Universal-Messinstrumente“ für das sich verändernde Klima. Ihre Beobachtung liefert Daten von hoher Aussagekraft.

Eine noch umfassendere Auswertung phänologischer Beobachtungen hat nun ein Team um den Geografen Ulf Büntgen von der britischen Universität Cambridge vorgelegt. Die Forschenden konzentrierten sich auf das Datum der ersten Blüte von mehr als 400 Pflanzenarten, die in Großbritannien vorkommen, also ungefähr zwischen dem 50. und 60. nördlichen Breitengrad wachsen. Dazu gehören sowohl Bäume und Sträucher als auch Blumen und andere sogenannte krautartige Pflanzen sowie Kletterpflanzen. Insgesamt flossen in die Analyse fast 420 000 Beobachtungsdaten ein, die bis zum Jahr 1753 zurückreichten.

Die Auswertung ergab, dass der durchschnittliche Blühbeginn im Zeitraum 1987 bis 2019 einen ganzen Monat früher liegt als in den Jahren zwischen 1753 und 1986. Diese Einteilung wählte das Team, weil ihm für beide Zeiträume ungefähr gleich viele Daten vorlagen.

Besonders früh dran sind demnach die Blumen. Sie blühen jetzt im Schnitt 31,5 Tage früher. Bei Bäumen sind es 15 Tage, bei Sträuchern zehn Tage. Insgesamt beginnt die Blüte seit den 1950er Jahren pro Jahrzehnt um 5,4 Tage früher. Wie der Abgleich mit Temperaturmessungen zeigt, fällt das frühere Blühen mit der globalen Erwärmung zusammen, schreibt das Team im Fachmagazin „Proceedings of the Royal Society B“.

Hauptautor Büntgen hält die Ergebnisse für „wirklich alarmierend“. Ihm zufolge übertrifft die Studie die Ergebnisse früherer Auswertungen „in besorgniserregendem Maße“ und liegt weit über dem, was der britische „Frühlingsindex“ angibt. Das hat Folgen. „Frühere Blütezeiten bringen ökologische Risiken mit sich“, sagt der Professor für Umweltsystem-Analysen. „Wenn Pflanzen zu früh blühen, kann ein Spätfrost sie abtöten – ein Phänomen, das die meisten Gärtner schon einmal erlebt haben werden.“ Auch für Menschen mit Atemwegsallergien ist eine Verschiebung und Verlängerung der Pollenflugsaison keine gute Nachricht.

Problematisch ist auch das Risiko der ökologischen „Fehlanpassung“ (ecological mismatch). Gemeint ist damit, dass Pflanzen, Insekten, Vögel und andere Wildtiere aufeinander abgestimmt und angewiesen sind. „Wenn eine bestimmte Pflanze blüht, zieht sie eine bestimmte Art von Insekten an, die wiederum eine bestimmte Art von Vögeln anlockt, und so weiter“, erläutert Büntgen. „Wenn aber eine Art schneller reagiert als die anderen, besteht die Gefahr, dass sie nicht mehr synchron sind, was zum Zusammenbruch von Arten führen kann, wenn sie sich nicht schnell genug anpassen können.“

Wie viele und welche Arten dies betreffen könnte, ist unklar. „Wir wissen nicht, ob die Evolution es den Populationen ermöglicht, ein neues Optimum schnell genug zu erreichen, um mit dem Klimawandel Schritt zu halten“, heißt es in der Studie. Klar ist für die Forschenden indes, „dass das Funktionieren und die Produktivität biologischer, ökologischer und landwirtschaftlicher Systeme in einem noch nie dagewesenen Ausmaß gefährdet sind“.

Möglich wurde die außergewöhnlich umfangreiche Analyse übrigens durch die Aufzeichnungen unzähliger Freiwilliger, die den jahreszeitlichen Wandel kontinuierlich beobachten und dies in den sogenannten „Nature’s Calendar“ eintragen. So kam der beeindruckende Datensatz zustande, den die Forschenden nun ausgewertet haben. Auch für den Deutschen Wetterdienst arbeiten Hunderte von ehrenamtlichen Pflanzenbeobachter:innen, mit deren Hilfe der DWD phänologische Daten zusammenträgt. Dafür gibt es eine kleine Aufwandsentschädigung.

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