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March for Science

"Freiheit der Forschung wichtig wie selten zuvor"

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CDU-Bundesbildungsministerin Anja Karliczek über die Freiheit der Wissenschaft und den aktuellen "March for Science".

Frau Karliczek, beim „March for Science“ gehen weltweit Forscher, aber auch andere Menschen auf die Straße, um die Freiheit der Wissenschaft zu verteidigen. Welche Botschaft haben Sie als Bundesbildungsministerin für diese Menschen?
Ich sage: Danke. Ich unterstütze es sehr, dass Wissenschaftler sich dafür einsetzen, die Freiheit der Forschung weltweit zu stärken und zu verteidigen. Die Freiheit der Wissenschaft ist so wichtig wie selten zuvor. Dabei geht es entscheidend darum, dass sich Wissenschaftler eigenständig ihre Themen aussuchen können.

Warum?
Wir leben in einer komplexen, oft sehr unübersichtlichen Zeit, in der die Entwicklung so wenig vorgezeichnet ist wie nie. Wir brauchen die besten Köpfe für die besten Lösungen. Der Staat muss die Arbeit der Wissenschaftler ordentlich finanzieren, sollte sie aber niemals bevormunden. Das ist wichtig für unsere freiheitliche Gesellschaft. Es stärkt aber auch die wirtschaftliche Innovation, die im internationalen Wettbewerb überlebensnotwendig ist. 

Vor einem Jahr fand der Marsch erstmals statt – auch als Protest gegen US-Präsident Donald Trump, der den Klimawandel als Erfindung bezeichnet hat. Schaudert es Sie da nicht als Wissenschafts-Ministerin?
Auch Donald Trump hat die Verantwortung, sich mit den Kenntnissen der Klimaforschung auseinanderzusetzen. Nur, weil wir eine Entwicklung nicht jeden Tag direkt sehen können, heißt es ja nicht, dass es sie nicht gibt. Das Problem ist ja, dass Trump eine Haltung ausdrückt und verstärkt, die auch bei vielen anderen Menschen Widerhall findet.

Angenommen, Sie hätten ein paar Minuten Zeit mit ihm: Wie würden Sie Trump davon überzeugen, dass es sich lohnt, Klimaforschern zuzuhören?
Ich würde versuchen, die Fakten so gut wie möglich sichtbar zu machen, etwa indem man anhand von Fotos zeigt, wie Gletscher sich über die Jahrzehnte verändern und hinwegschmelzen. Am liebsten würde ich aber noch Verstärkung zu dem Gespräch mitnehmen.

Wen?
Einen Klimaforscher, der die eigene Arbeit besonders anschaulich erklärt. Genau das ist eine Erwartung, die wir als Gesellschaft an die Wissenschaft haben müssen: Wir finanzieren die Forschungsarbeit – und die Forscher müssen sie verständlich vermitteln.

Als bekannt wurde, dass Sie Bundesbildungsministerin werden sollen, hat manch einer die Nase gerümpft und gesagt: „Die kommt ja gar nicht aus dem Wissenschaftsbetrieb.“ Fanden Sie das verletzend?
Sagen wir mal, ich habe das mit Interesse verfolgt. Ich sage aber ganz klar: So ein Ministeramt ist eine Managementaufgabe. Ich muss keine Wissenschaftlerin sein, sondern dafür sorgen, dass die Wissenschaftler sich in diesem Land gut entfalten können. Ich bin keine Forscherin, aber trete neuen Themen mit Neugier und Forschergeist entgegen.

In welcher Hinsicht haben Sie es als bildungspolitische Quereinsteigerin schwerer, in welcher Hinsicht haben Sie es vielleicht auch leichter als ihre Vorgängerin Johanna Wanka, die zuvor als Professorin und Hochschulrektorin gearbeitet hat?
Natürlich muss ich mir – wie übrigens andere Minister auch – das Themenfeld an einigen Stellen erst noch erarbeiten. Meine Chance als Quereinsteigerin ist, dass ich eingeschliffene Strukturen nicht für selbstverständlich halte. Ich gucke darauf und frage: Warum ist das so? Denn vieles lässt sich auch besser machen.

Haben Sie ein Beispiel?
Ich glaube, ich habe einen guten Blick dafür, an welchen Stellen in unserem Bildungssystem Theorie und Praxis näher zusammenrücken können. Ich möchte dazu beitragen, dass Unternehmen und Hochschulen noch besser zusammenarbeiten, damit jeder mit dem Erlernten hinterher praktisch etwas anfangen kann.

Sie haben Bankkauffrau und Hotelfachfrau gelernt, später haben Sie berufsbegleitend Betriebswirtschaftslehre an der Fernuni studiert. Ist unser Bildungssystem offen genug für diejenigen, die nicht sofort, aber später studieren wollen?
Unser Bildungssystem ist durchlässig. Die offenen Türen werden aber nicht immer gesehen. Das liegt auch daran, dass nicht alle Angebote bekannt sind. Wir wollen mit einer Nationalen Weiterbildungsstrategie die große Vielfalt an Angeboten transparent machen und mehr Struktur in das Angebot bringen. 

Wird das deutsche Bildungssystem so auch gerechter?
Auf jeden Fall erhöhen wir die Chancengerechtigkeit. Es geht darum, dass jeder sich auch immer wieder verändern und qualifizieren kann – egal, an welcher Stelle er ins Bildungssystem und in den Beruf eingestiegen ist und wo er gerade steht.

Bildungsforscher kritisieren, das Kind eines Facharbeiters habe bei gleicher Begabung und Leistung eine deutlich schlechtere Chance, eine Empfehlung für das Gymnasium zu bekommen, als das Kind eines Akademikers. Wird sich daran in Ihrer Amtszeit als Bildungsministerin etwas ändern?
Wir müssen es schaffen, mehr auf den Einzelnen zu schauen und individuell zu fördern. In Zeiten des demografischen Wandels ist doch klar: Jeder wird gebraucht. Das muss uns anspornen, mehr Menschen bessere Chancen zu geben. Und es trägt hoffentlich auch dazu bei, dass Menschen nicht vorschnell in bestimmten Schubladen landen und nicht mehr herauskommen. Mir geht es darum, dass niemand zur Seite geschoben wird, weil er zu einem bestimmten Zeitpunkt noch nicht das beste Zeugnis hatte. Wir brauchen eine Kultur der immer neuen Chancen.

Damit der Bund mehr für die Schulen tun kann, wollen Sie das Grundgesetz ändern. Das Kooperationsverbot zwischen Bund und Ländern in der Bildung soll gelockert werden. Stört es Sie, als CDU-Ministerin damit blanke SPD-Programmatik umzusetzen? Oder sagen Sie sich: „Hauptsache, es hilft“?
Kooperieren durften Bund und Länder immer. Was wir nicht durften, war von hier aus zu sagen: Das Geld gibt es nur für diesen Zweck. Der Bund hat etwa den Ländern komplett die Kosten für das Bafög abgenommen. Die Länder haben die freigewordenen Mittel dann aber dennoch nicht komplett in die Hochschulen investiert. Und der Bund konnte nichts dagegen tun. Jetzt wollen wir sicherstellen, dass künftig das zusätzlich investierte Bundesgeld auch in der Bildung ankommt. Dennoch bleibt die generelle Verantwortung für die Schulen bei den Ländern.

Die Grundgesetzänderung soll auch den Digitalpakt zwischen Bund und Ländern ermöglichen. Der Bund will innerhalb von fünf Jahren fünf Milliarden Euro in schnelles Internet und die Vernetzung der Schulen investieren. Wann geht es los?
Ich habe das nicht allein in der Hand – die Länder müssen im Bundesrat ja mitmachen. Ich setze darauf, dass wir die Grundgesetzänderung bis spätestens Ende des Jahres haben. Dann wird hoffentlich schnell die nötige Bund-Länder-Vereinbarung geschlossen, damit wir so schnell wie möglich im Jahr 2019 starten können. Bestimmte Technik ist im Klassenraum aber erst dann sinnvoll, wenn die Lehrer damit auch umgehen können. Da sind die Länder gefragt, die für die Weiterbildung der Lehrer zuständig sind.

interview: Tobias Peter

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