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Landschaft mit Reaktoren: Das Atomkraftwerk nahe der französischen Stadt Civaux.

Energie

Frankreich hängt am Kohle-Tropf

Frankreich ist das Land der vielen Atomkraftwerke. Trotzdem ist der Nachbar neuerdings auf deutschen Strom angewiesen - wie passt das zusammen?

Von Susanne Götze und Jörg Staude

Der November war in weiten Teilen Europas trübe und neblig – kein gutes Wetter, um per Sonne und Wind grünen Strom zu erzeugen. An Solarstrom wurde im letzten Monat hierzulande – verglichen mit sommerlichen Hochzeiten – teilweise nur ein Siebtel ins Netz eingespeist. Wäre der November nicht zugleich recht windig gewesen, hätte sich Deutschland den Verhältnissen einer „Dunkelflaute“ genähert, in der über mehrere Tage weder Wind weht noch die Sonne scheint. Vor dieser Art grüner Flaute warnen denn auch Befürworter von Strom aus Kohle und Atom. Die konventionellen Energien seien von den Wetterverhältnissen viel weniger abhängig. Allerdings garantiert auch ein Atomstrom-Anteil von immer noch über 70 Prozent wie im Nachbarland Frankreich keineswegs eine sichere Versorgung – wie sich im November zeigte.

Am 8. November katapultierte sich in Frankreich der Strompreis im sogenannten Intradayhandel, dem kurzfristigen Stromgroßhandel am Liefertag selbst, in der Zeit zwischen 18 und 19 Uhr über die absurde Grenze von 1500 Euro je Megawattstunde. Das ist mehr als das Zwanzigfache des normalen Preisniveaus. Auch an anderen Tagen im November schlugen die Preisanzeiger nach oben aus – ein deutliches Zeichen, dass Strom ein knappes Gut geworden war.

In Deutschland legte an denselben Tagen der Strompreis von knapp über 40 auf 55 Euro je Megawattstunde zu. Ein Grund dafür war, dass die hiesigen Kraftwerke zu dieser Zeit eine Leistung von rund 3000 Megawatt nach Frankreich schickten, um dort Engpässe zu überbrücken. Den größten Stromfluss ins Nachbarland gab es, bei den Preisen nahezu zwangsläufig, eben am 8. November. In der Spitze waren das bis zu 3800 Megawatt. Das ist so, als hätte die Bundesrepublik ein großes Braunkohlekraftwerk zeitweise über die Grenze verlegt.

Das Bild stimmt insofern, als der hierzulande EEG-geförderter Wind- und Solarstrom wegen seiner geringen Kosten – zumal wenn die grüne Energie wegen des Wetters knapp ist – als erstes über den virtuellen Tisch der Strombörse geht. An zweiter Stelle kommt der Strom aus konventionellen Kraftwerken, zuerst der aus Atom und Braunkohle sowie inflexiblen Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen, dann der Strom aus neuen Steinkohle- sowie anschließend der aus neuen Gas- und alten Steinkohlekraftwerken. Erst am Ende wird Strom aus alten Gas- und Ölkraftwerken geordert, wie Christoph Podewils vom Thinktank Agora Energiewende erläutert.

Podewils sieht auch einen Zusammenhang zwischen der Erneuerbaren-Erzeugung und dem Stromexport. Der zeige sich dann, wenn in der Bundesrepublik so viel Grünstrom vorhanden ist, dass der für die Börse teurere konventionelle Strom nicht mehr abgesetzt und ins Ausland verkauft werden kann oder muss. „Das kann ein gutes Geschäft für die Kraftwerke sein, teilweise zwingt aber auch die Inflexibilität vor allem älterer konventioneller Kraftwerke die Betreiber zum Weiterbetrieb“ – und in der Praxis zum Billigabsatz des Stroms dies- und jenseits der Grenze.

Wegen des hohen und weiter steigenden Ökostromanteils in Deutschland entsteht so die klimapolitisch recht absurde Situation, dass immer mehr fossiler Strom exportiert wird – und in Frankreich dann den Atomstrom „ersetzt“. Dasselbe passiert, wenn wie im November mal weniger Grünstrom verfügbar ist. Die Agora-Statistiken lassen auch erkennen, dass sich der Stromfluss von Deutschland nach Frankreich gegenüber dem Vorjahr leicht verändert hat. Gab es 2015 öfter einzelne hohe „Peaks“ (Spitzen), wandelte sich inzwischen das Bild: Nunmehr fließt recht stetig Strom über die Landesgrenze. Die Bundesnetzagentur registriert seit Mitte dieses Jahres sogar einen kontinuierlich wachsenden Stromfluss in Richtung Frankreich – ein Hinweis offenbar auf die langfristigen Probleme, vor denen die französische Stromversorgung steht.

Zur Winterzeit haben die Nachbarn regelmäßig mit Engpässen zu kämpfen. Grund ist die Kombination aus einer Versorgung mit 76 Prozent Atomstrom aus 58 Atommeilern und den Elektroheizungen, mit denen jeder dritte französische Haushalt ausgestattet ist. Die nationale Energieeffizienzagentur ADEME erklärt sich die ungebrochene Euphorie der Franzosen für die ineffizienten Stromheizungen damit, dass sie sich einfach installieren lassen und die Energierechnungen stabiler sind als bei Gas oder Öl, wo der Preis vom Weltmarkt abhängt.

Zum Problem wurde das bisher nur in besonders strengen Wintern. Der französische Netzbetreiber RTE gibt an, dass mit jedem Grad weniger der Strombedarf um 2400 Megawatt steigt – also um die Kapazität eines großen Kohle- oder Atomkraftwerks. Ein Spitzenwert wurde im Februar 2012 erreicht, als der Strombedarf auf 102 000 Megawatt stieg – normalerweise sind es im Winter um die 80 000, im Sommer unter 70 000 Megawatt.

Doch diesen Winter sei es besonders schwierig, die Versorgung zu sichern, erklärt RTE. Grund ist der alternde Atomkraftpark der Franzosen. Viele der Reaktoren sind 30 Jahre und älter und müssen immer öfter vom Netz, um gewartet zu werden. Die Atomsicherheitsbehörde ASN hat dem Betreiber EDF deshalb das Abschalten mehrerer Blöcke verordnet. Allein im Dezember sollen 13 Reaktoren mit einer Leistung von 10 000 Megawatt wegfallen. Die Kosten der Instandhaltung des alternden Atomparks beunruhigen auch den französischen Rechnungshof. Der hat schon Anfang des Jahres darauf hingewiesen, dass der Strompreis von 50 Euro pro Megawattstunde im Jahr 2010 auf heutige 62 Euro gestiegen ist. 2030 könnte die Megawattstunde dann schon 80 Euro kosten.

Für Daniel Hölder vom europaweit aktiven Stromhändler Clean Energy Sourcing zeigt die aktuelle Lage in Frankreich einmal mehr, dass ein „flexibles Energiesystem – basierend auf einer Vielzahl digital vernetzter, dezentraler Erzeuger und Verbraucher – bereits heute mehr Stabilität bietet als eine zentral ausgelegte konventionelle Energiewelt.“ In einem flexiblen System können Schwankungen in Erzeugung und im Verbrauch jederzeit und über Landesgrenzen hinweg ausgeglichen werden.

Susanne Götze und Jörg Staude arbeiten für das Online-Magazin klimaretter.info, mit dem die Frankfurter Rundschau die Berichterstattung zu Klima und Umwelt intensiviert.

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