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Masken aus Müll: partizipatives Stadtteilprojekt mit Jugendlichen in Frankfurt-Ginnheim.

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Frankfurter Künstlerkolonie

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Ein einzigartiger Masterstudiengang an der Frankfurt University of Applied Sciences verbindet Ästhetik mit Sozialer Arbeit.

Vielen ist gar nicht bewusst, dass moderne Handys und Kameras mit automatischer Gesichtserkennung ausgerüstet sind“, sagt Leonore Liese. Die 39-Jährige studiert an der Frankfurter Hochschule für Angewandte Wissenschaften den Masterstudiengang „Performative Künste in sozialen Feldern“ und hat in diesem Rahmen eine intermediale Arbeit geschaffen, die in der Frankfurter Pop-up-Location „Ost>Stern“ zu sehen war. Liese konzipierte den Raum der Ausstellung mit dem Titel „Fremdlichkeit“ als Spielwiese.

„Die Besucher konnten mit einem Toolkit am Gürtel selbst ausprobieren, ihr Gesicht mit Tapes so abzukleben, dass sie von der Software nicht mehr erkannt wurden. So wurden sie zwar für die Kamera unsichtbar, für den Rest der Welt durch die auffälligen schwarzen Klebestreifen im Gesicht jedoch extrem sichtbar.“ Sehen und gesehen werden: Es ergaben sich dabei auch spannende Perspektiven auf die Eigen- und Fremdwahrnehmung.

Die 24-jährige Tessy Bemtgen aus Luxemburg ist zeitgenössische Tänzerin und hat bereits in Regensburg den Bachelor „musik- und bewegungsorientierte Soziale Arbeit“ abgeschlossen. Im Masterstudium würde sie nun gern ihre Idee verwirklichen, ein Tanzprojekt für Gehörlose zu initiieren. „Mein Medium ist der Körper, und mich fasziniert es, dass die Gebärdensprache, die ich erlernt habe, oft mehr transportiert als die verbale Sprache.“

Die künstlerischen Ansätze der Studierenden des Masterstudiengangs sind ebenso vielfältig wie ihre Biografien – aber alle verfügen bereits über verschiedenste Erfahrungen im sozialen oder pädagogischen Bereich. Der Ansatz, Soziale Arbeit und performative Künste im Studium zusammenzubringen, ist neuartig und deutschlandweit einzigartig. Am Fachbereich haben sich die Studierenden und das Lehrendenteam bereits den Ruf einer Künstlerkolonie erworben. Dazu tragen nicht zuletzt namhafte Workshop-Leiter von experimentellen Theatergruppen bei – wie Helgard Haug von Rimini Protokoll oder Benjamin Krieg von She She Pop, aber auch das Multitalent Julian Hetzel sowie das Team von rund 40 Lehrbeauftragten aus der hiesigen Kunstszene.

Studiengangsleiter Frank Matzke, der in einem interdisziplinären Team den 2017 geschaffenen Master konzipiert hat, legt großen Wert auf die Doppelqualifikation von ästhetischem Können und sozialem Wissen. Gerade im sozialen Bereich sei eine fundierte Ausbildung unverzichtbar, um dem Dilettantismus und der Selbstüberschätzung von den Kulturschaffenden vorzubeugen. Zugleich verwehrt sich der Professor für performative Darstellungsformen aber dagegen, die erworbenen kulturellen Schlüsselkompetenzen etwa durch offizielle Bescheinigungen ökonomisch zu vermarkten, auch wenn die Nachfrage danach groß sei. Er fürchte, dass dadurch der oft sinnliche Prozesscharakter verloren gehen könnte.

Ein gelungenes Beispiel für ein partizipatives, multimediales Kunstprojekt mit Jugendlichen ist „Nächster Halt: G-Town“, das die Studentinnen Jana-Sophie Lauer und Mogli Cruse in Frankfurt-Ginnheim als performativen Stadtteilspaziergang konzipiert und im Sommer vor einem öffentlichen Publikum umgesetzt haben. Zudem bewarben sie sich um Fördermittel bei der Fachstelle „Partnerschaft für Demokratie“. Ihre Idee war, insgesamt 22 sozial benachteiligte Mädchen und Jungen des offenen Jugendzentrums, in dem Lauer arbeitet, zu ihren Lieblingsorten Geschichten erzählen zu lassen.

Der Fokus lag auf der alltäglichen Lebenswelt. „Dabei kam heraus, dass die Jugendlichen wenig Orte im Stadtteil haben. Für sie war vor allem der Müll auf dem Spielplatz und unter der Rosa-Luxemburg-Brücke ein Problem“, berichtet Lauer. Ein Mädchen habe sich sogar an einer Scherbe auf dem Spielplatz verletzt, und viele berichteten, „dass sie Angst haben, die Autobahnbrücke nahe dem Jugendzentrum zu passieren“. Während die Jungen ein bisschen Farbe an diesen unwirtlichen Ort brachten und einen Brückenpfeiler mit Graffiti besprühten, bastelten die Mädchen aus Müll Vogelmasken. „Ein Grund für die Maskierung war, dass die verschiedenen Cliquen nicht erkannt und schräg angeguckt werden wollten“, sagt Lauer. Die Jugendlichen zwischen 11 und 17 Jahren wählten dabei selbst die Medien aus, mit denen sie experimentieren wollten: Tanz-, Audio- und Videobeiträge, Fotografie und Theater.

Auch Mobbing war ein Thema, die Studentinnen schlüpften während der künstlerischen Auseinandersetzung in Form eines Handychats auf Wunsch der Mädchen sogar in deren Rollen. Außerdem nahmen die Jugendlichen Kontakt zu den Bewohnern des Seniorenzentrums auf. Dadurch erfuhren sie, dass sich die alten Menschen oft über Lärm ärgern. „Letztlich wurden Vorurteile abgebaut, und die Jugendlichen freuten sich, dass sie ein gutes Feedback bekamen“, sagt Mogli Cruse, die bereits über viel Theatererfahrung verfügt. Ihre Ausbildung machte die 45-Jährige am Goldsmiths College in London, und nun arbeitet sie beim Schultheater-Studio in Frankfurt.

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