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Mongolische Gazellen brauchen Platz. Der Mensch verbaut ihnen oftmals die Wege.

Tiermigration

Frankfurter Forschungsprojekt untersucht menschlichen Einfluss auf Tiere 

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Ein Forschungsprojekt untersucht die Bewegungsprofile der Tiere. Wo der Mensch in die Landschaft eingreift, nimmt er ihnen durchschnittlich die Hälfte ihres Freiraums.

Will der Mensch das Tier verstehen? Und vielleicht sogar Schlüsse daraus ziehen, die nicht nur ihm selbst nützen, dem Menschen, sondern auch dem Tier, also der Umwelt und damit letztlich doch auch wieder ihm, dem Menschen? Fest steht: „Wenn wir irgendwo Tiere verstehen wollen, dann am besten hier“, sagt Thomas Müller.

„Hier“ ist in diesem Fall die Landschaft, die sich gerade auf einem Bildschirm hinter dem Forscher abzeichnet: die Mongolei. „Es gibt nur Gras“, sagt er, „grünes Gras und braunes Gras und keine Zäune.“ Weite. „Und die Gazellen sind immer unterwegs.“

Thomas Müller ist der Leiter der Arbeitsgruppe Bewegungsökologie am Senckenberg Biodiversität- und Klima-Forschungszentrum und an der Frankfurter Goethe-Universität. Der 45-Jährige ist zweifellos einer, der Tiere verstehen will. Das fing mit dem Biologiestudium an und umfasst inzwischen Projekte auf der ganzen Welt. Wo eben noch braunes und grünes Gras auf dem Bildschirm wuchs, malen jetzt Vögel ihre Bewegungsprofile über den Erdball. Bunte Farbstriche von immenser Länge, jeder Vogel ein Entfernungsweltmeister und ein Phänomen an Orientierungssinn.

Frankfurt: Thomas Müller will Tiere verstehen 

Wie bewegen sich Tiere in der Landschaft und warum? Wie findet ein Storch aus Afrika den Weg zu einem Nest an der Nidda in Harheim? Das erforscht Müller mit seinem Team. Und vor allem: Wie beeinflusst der Mensch die Tiermigration, indem er Landschaften verändert?

Zurück in die innere Mongolei. Ehe die Forscher untersuchen können, wie sich ein Tier bewegt, müssen sie es einfangen. Dazu stellen sie lange Netze in die Graslandschaft, warten, bis eine Gazelle reingerannt ist, und verpassen ihr dann ein Halsband mit einem Sender. „Dazu brauchen wir keine Betäubung. Das dauert zehn Minuten.“ Schon ist die Gazelle wieder frei, trägt jetzt ein etwas grobes Schmuckstück, jedenfalls im Vergleich zur ansonsten für ihre Grazie bekannten Gazelle, und teilt der Wissenschaft fortan auf Schritt und Tritt mit, wo sie ist. Früher sei die Verfolgung der markierten Tiere schwieriger gewesen, sagt Thomas Müller, heute laufe das Ganze einfach übers Handynetz. „Man ruft sein Tier an und fragt: Wo bist du jetzt?“ Jedenfalls sinngemäß.

Frankfurt: Moderne Telekommunikation funktioniert auch bei Tieren

Moderne Telekommunikation eben. Sie funktioniert übrigens nur mit Tieren ab einer bestimmten Größe. Den Kleinen sind die Sender zu schwer. Halsbänder für Säugetiere, Rucksäcke für Vögel. Eine Giraffe trägt ihren Sender am Horn.

Es folgt die Auswertung der Profile. „Der Bewegungsfilm zeigt: Die Tiere machen alle was anderes“, berichtet der Biologe. Auch der Laie erkennt: Es geht kreuz und quer durcheinander bei den Gazellen, offenbar ohne auf die Schutzgebiete zu achten, sogar rüber nach China möchten die Tiere machen, doch stoppt sie dort der Zaun – das wird später noch bedeutsam sein.

Forscher Thomas Müller und der Gebietsanspruch der Gazelle: Vier Mal so viel wie ein Bison, 14 Mal so weit wie das Saarland. Rolf Oeser

„Wenn wir gefragt werden: Wo können wir nach Erdöl bohren, wo sind die Gazellen?, dann müssen wir sagen: überall“, schildert Müller. Warum die Tiere so unorthodox ziehen, ist ein Rätsel. „Wir können ja nicht jeder Gazelle einen Fahrer hinterherschicken, der sie fragt, was das soll.“

Was die Sache andererseits ganz einfach macht, ist das Wissen: Eine Gazelle in der Mongolei hat einen Gebietsanspruch von 36 000 Quadratkilometern – im Jahr. Das ist gut 300 000-mal mehr Platz, als der Frankfurter Zoo bietet. Das sind unvorstellbare fünf Millionen Fußballfelder. Oder, um eine gebräuchliche Vergleichsgröße heranzuziehen: Eine mongolische Gazelle beansprucht pro Jahr die 14-fache Fläche des Saarlands. Sie läuft halt einfach herum.

Wenn sie kann. Der Mensch lässt sie nicht mehr so wie früher. Er baut Zäune, er baut Straßen. Die eingezäunte Eisenbahnlinie von Ulan Bator nach Peking etwa, von der mongolischen in die chinesische Hauptstadt, zerschneidet Migrationsflächen – ein weltweites Problem. Unsere Verkehrswege beenden vielfach den Verkehrsfluss der Tiere. In der Mongolei ist eine Wildeselart auf der östlichen Seite besagter Bahnlinie ausgestorben, weil den Tieren der Weg abgeschnitten ist.

In Deutschland spielt sich solcherlei Wegelagerei auf ganz anderem Niveau ab. Mangels Weite und Freiraum gebe es bei uns beispielsweise praktisch keine Rothirschmigration mehr, sagt der Forscher: „Die Population wird von Menschen gemanagt.“

Das ist noch nicht überall die Regel. Aber was die Forschergruppe herausgefunden hat, muss alarmieren: Wo der Mensch stark in die Landschaft eingreift, gibt es nur noch rund 50 Prozent der vormaligen Tierbewegungen. Die Veränderung fällt ins Gewicht, weil Tiere darauf angewiesen sind, zu verschiedenen Jahreszeiten in andere Gebiete zu ziehen. Ihr Leben hängt davon ab, etwa im Winter gemäßigte Breiten aufzusuchen, Nahrungsquellen hinterherzuwandern oder ihre gewohnten Brutplätze anzusteuern. Der Verlust der weltweiten Artenvielfalt, das ist längst kein Geheimnis mehr, hängt sehr stark mit der Besiedlung und dem Landschaftsverbrauch durch den Menschen zusammen.

Frankfurt: Forschungsgruppe untersucht in Mongolei Bewegungen von Tieren 

Veränderung tut not. An den Grundlagen arbeitet Müllers Team mit seinem Projekt namens More Step gemeinsam mit dem Institut für sozial-ökologische Forschung. Es geht darum, schädliche Entwicklungen frühzeitig aufzuspüren. In der Mongolei verändert sich die Gesellschaft stark, die einst nomadische Bevölkerung wird sesshaft, es entstehen neue Verkehrswege, die Tierherden werden in der Nähe der Wohnorte angesiedelt und wachsen zugleich. Die soziale Komponente wird der Schlüssel sein, sagt Thomas Müller: „Wir müssen die Lebenssituation der Menschen einbeziehen, sonst ist keine Lösung möglich.“ Kleine Erfolge gibt es schon. Zäune werden in Teilbereichen abgebaut – bis vor wenigen Jahren undenkbar. „Da hieß es: Ich hab’ hier Kühe herumlaufen, Pferde, Esel – sollen die vor euren Zug rennen?“ Anderswo wird darüber diskutiert, von Stacheldrahtzäunen nur die untere Reihe zu entfernen, damit wenigstens die kleinen Tiere ziehen können.

Wenn der 45-Jährige erzählt, wird das Problem sichtbar, greifbar. Ohne Migration kein Überleben der großen Herden der Welt. Er selbst ist dabei kaum noch vor Ort. Nach Jahren der Forschung in den USA im berühmten Smithsonian-Institut verdient Müller jetzt sein Geld mit dem Auswerten der Daten im Frankfurter Forschungszentrum. „Wenn ich die Tiere selbst einfangen müsste, wäre das Projekt sicher nicht so erfolgreich“, sagt er und lacht.

Bleibt die Frage nach dem Tier, das den Wissenschaftler am meisten fasziniert. Die Antwort braucht kein langes Überlegen. Er habe sein Forscherleben einmal mit dem Kolkraben angefangen, sagt Thomas Müller. „Wenn ich mich auf ein Tier festlegen müsste, dann wäre er es.“ Weil Kolkraben intelligent sind. „Was die alles können!“ Jedenfalls im Vergleich zur Gazelle.

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