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Orientiert man sich an erfolgreichen Bildungsnationen, sind die Betreuungsschlüssel an allen Schulformen ausbaufähig.  

Corona-Krise an der Schule

Von wegen „Bildungsrepublik Deutschland“ – Schulen sind in Corona-Zeiten im Sinkflug

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In Corona-Zeiten täuscht die Euphorie von Politikern bei der Digitalisierung über schwerwiegende Mängel im System hinweg.

  • Das Coronavirus hat viele auf die Mängel im Schulsystem aufmerksam gemacht
  • Das E-Learning wird durch die Corona-Krise beschleunigt 
  • Die Problematik bleibt aber die alte 

Dass Schüler und Lehrer sich gegenwärtig nur dann digital vernetzen können, wenn sich ein Förderverein, ein Landrat oder eine Schulsenatorin für eine zeitgemäße IT-Infrastruktur eingesetzt haben, wirft dunkle Schatten auf die „Bildungsrepublik Deutschland“. Die Lehrkräfte müssen die Lernplattformen aus den Nullerjahren ebenso als Ausdruck fehlender Wertschätzung begreifen wie die Generation der „Digital Natives“. Insofern ist es erfreulich, dass die Zeiten des „Corona-Lernens“ das E-Learning insgesamt beschleunigen.

5,5 Milliarden Euro machen die Bildungsmisere nicht wett

Wenn aber nun Bildungspolitiker gleich welcher Couleur in eine öffentlichkeitswirksam begleitete Digitalisierungseuphorie verfallen, indem sie uns glauben machen wollen, mit dem 5,5 Milliarden Euro schweren „Digitalpakt Schule“ sei der Weg aus der Bildungsmisere gefunden, dann irren sie. Wollen wir wieder zum Land der Dichter und Denker werden, gilt es zahlreiche weitere schulpolitische Aspekte zu bedenken. 

#So sollten wir nicht vergessen, dass die Ausstattungsprobleme der Schulen vor allem mit einem unzureichenden Personalschlüssel zu tun haben. 2025 werden allein an Grundschulen hierzulande mindestens 15 000 Lehrkräfte fehlen. Und schon jetzt sind die Betreuungsschlüssel an allen Schulformen ausbaufähig – erst recht, wenn man sich an erfolgreichen Bildungsnationen wie Finnland oder Schweden orientiert. Während die Stadtstaaten Berlin und Hamburg im Schnitt jeweils 10.000 Euro pro Schüler ausgeben, sind es in NRW nur 6800 Euro.

Die im internationalen Vergleich (zu) niedrigen Ausgaben für das Schulsystem sind der zentrale Grund, warum Bildungschancen hierzulande nach wie vor in besonderer Weise vom Sozialstatus der Eltern abhängen. Jeder vierte Schüler erhält inzwischen private Nachhilfe – auch das ist eine Frage des elterlichen Geldbeutels. Es braucht mehr verpflichtende Fort- und Weiterbildungen für Lehrkräfte, um sie im gesamten Verlauf ihrer Karriere pädagogisch, fachlich und motivational zu begleiten.

Investitionsrückstand von 42,8 Milliarden Euro 

Aber es liegt auch an Schulgebäuden, wenn die Mehrheit der Eltern ihre schulpflichtigen Kinder laut einer Forsa-Umfrage nur deshalb nicht an einer Privatschule anmeldet, weil das Schulgeld sie daran hindert. Laut einer vom Deutschen Institut für Urbanistik durchgeführten Umfrage verzeichnen Städte und Gemeinden allein im Schulwesen einen Investitionsrückstand von 42,8 Milliarden Euro. Schulen müssten bestenfalls so finanziert werden, dass sie eine Bibliothek, einen Garten, ein Theater und ein Schwimmbad vorhalten. 

Verdreckte Toiletten sollten der Vergangenheit angehören 

Ganztagsunterricht in kleinen Lerngruppen muss ermöglicht werden, so dass sich Familie und Beruf (besser) vereinbaren lassen und individuelle Förderung Platz greifen kann. Auch von bilingualem Unterricht, musikalischer (Früh-)Förderung und Kooperationen mit Sportvereinen muss man häufiger reden dürfen. Daher liegt es nahe, nicht nur die IT-Infrastruktur an Schulen weiter auszubauen, sondern zugleich dafür zu sorgen, dass undichte Dächer, verdreckte Toiletten, zugige Fenster und defekte Heizungen der Vergangenheit angehören.

Bildungsforscher Tim Engartner.

Der Anspruch, Bildungswelten zu digitalisieren, sollte nicht allein auf der Digitalisierung der jugendlichen Lebenswelten fußen. Denn der Sinkflug der Lese- und Schreibkompetenz unserer Schüler wird nicht dadurch gestoppt werden, dass sie ihre Schulbücher gegen Tablets tauschen. Wenn beim Lesen und Zuhören nur noch rund zehn Prozent der Lernenden Optimalstandard erreichen, müssen wir eher über den Ausbau von Leseecken, Lesepatenschaften und Leseförderprogrammen reden. Andernfalls laufen wir Gefahr, in unserer Digitalisierungseuphorie Marshall McLuhans viel zitierten Ausspruch „The medium is the message“ zum Dreh- und Angelpunkt von Lehr- und Lernprozessen zu machen.

Schulen in Deutschland: Der Inhalt ist die Botschaft 

Aber auch im 21. Jahrhundert gilt: Der Inhalt ist die Botschaft. Dem hat sich jedes methodische Werkzeug unterzuordnen – die Kreidetafel ebenso wie das Whiteboard. Je kleiner der Klassenverband, desto eher können Mimik und Gestik, Stimmung und Emotion, Ton und Schweigen sowie Freude und Abwehr zur Geltung kommen. Online-Tutorials sind in sozialer und emotionaler Hinsicht kaum bereichernd.

Die Kultusministerkonferenz muss sich aber nicht nur zügig darauf verständigen, mit welchem Regelwerk die Lobbyaktivitäten von Amazon, Apple, Google und Microsoft auf dem milliardenschweren „Bildungsmarkt“ in Grenzen gehalten werden können. Zugleich sollte die Tatsache, dass vielen Schülerinnen und Schülern durch das derzeitige Homeschooling der Zugang zu einer warmen Mahlzeit, zu einem gewaltfreien Lernumfeld sowie zu vertrauten Kontaktpersonen genommen wurde, Anlass sein, unser Schulsystem bildungs-, sozial- und steuerpolitisch zu reformieren. Genauer gesagt: Wenn wir Investitionen in die digitale Infrastruktur an Schulen fordern, dürfen Anliegen wie die Integration von Geflüchteten, die Verbesserung der Lehrer-Schüler-Relation und der Abbau der sozialen Polarisierung nicht in Vergessenheit geraten.

Tim Engartner ist Professor für Didaktik der Sozialwissenschaften an der Uni Frankfurt und dort Direktor der Akademie für Bildungsforschung und Lehrerbildung.

Schulstart in Frankfurt dank Corona-Lockerungen. Zurück an der Schule müssen sich Schülerinnen und Schüler erst an neue Regeln gewöhnen. Es fällt nicht immer leicht, den Abstand einzuhalten. In der Pause etwa.

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