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50 Jahre Mondlandung

„Der Mann im Mond“

Dienstag, der 11. September 159*

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Die erste Mondlandung geschah durch den britischen Bischof Francis Godwin. Das ist auch schon wieder 380 Jahre her.

Er war nie wirklich aus der Welt, aber die Ankunft blieb ein Abenteuer. Dass die erste Landung dann kein harter Aufschlag war, sondern ein sanftes Anlanden, machte das Abenteuer erst recht abenteuerlich. Nach elf Tagen der Raumfahrt segelte der erste Mensch auf dem erdnächsten Trabanten ein, nicht lärmend, keinen Staub aufwirbelnd. Überliefert ist auch das Datum, der Schritt geschah am 11. September 159*, nachweislich einem Dienstag.

Seitdem Dichter sich zum Mond aufmachten, und die Gedankenflüge reichen zurück bis in die Antike, taten sie es mit unterschiedlich schwerem Gepäck. Es konnte wissenschaftlicher oder literarischer Art sein, sehr leichtsinnig geschnürt sein oder sehr schwerfällig ausfallen, astronomisch äußerst akribisch, ästhetisch durchaus heikel, theologisch erst recht. Für Francis Godwins Roman „Der Mann im Mond“ trifft sicherlich zu, dass er die Trägheitsgesetze der Traktate in einem Schelmenroman aufzuheben wusste.

Dass das Fliegen ein Privileg war, ein Privileg der Götter, erzählte bereits die durch Adlerschwingen möglich gemachte Himmelfahrt des babylonischen Etana-Mythos vor über 3500 Jahren. Lukian dann, der griechische Schriftsteller, der als Pionier der literarischen Mondfahrer gilt, machte im 2. Jahrhundert n. Chr. neben den Tücken einer Windhose erneut Adlerschwingen für einen erfolgreichen Mondtransfer verantwortlich. Jahrhunderte nach seiner „Wahren Geschichte“ diente eine Leiter zur Eroberung des Trabanten, im Jahre 1516 wurde sie in Ariosts „Rasendem Roland“ an den Himmelskörper angelehnt.

Mit Schwänen wollte Francis Godwin zum Mond reisen.

An einer solchen, im Grunde beunruhigenden Vorstellung beteiligte sich auch der 1562 geborene Godwin, ein anglikanischer Bischof, dessen Büchlein „Der Mann im Mond“ erst postum erscheinen konnte: 1638 in Frankreich, fünf Jahre nach dem Tod des utopischen Berichterstatters. Godwin war als Anhänger des Kopernikus ein Pionier dessen, was einer der größten Mondkenner überhaupt, der Philosoph Hans Blumenberg, als „kosmischen Realismus“ bezeichnet hat.

Die Kirche sah sich bedroht

Als der Christ Godwin starb, tagte in Rom das Inquisitionsgericht, weil sich die Kirche von der Erkenntnis bedroht sah, dass die Erde noch nie der Mittelpunkt des Universums gewesen war. Der Trabant, der 1610 im Okular des Fernrohrs von Galileo Galilei erschienen war, und dem dann die Mondkarten des 17. Jahrhunderts rasch ein Konterfei gaben, geriet zum Nahziel der Weltraumsegler.

Der „Mann im Mond“ ging auch an Deutschland nicht vorbei, allerdings landete er hier erst auf Umwegen, über Frankreich und die Niederlande. Als 1659 eine deutsche Übertragung vom „Fliegenden Wandersmann nach dem Mond“ auf der Grundlage einer französischen Kompilation herauskam, wurde sie keinem anderem als dem Autor des „Simplicissimus“, Grimmelshausen, zugeschrieben (und seiner ersten Gesamtausgabe postum tatsächlich hineingeschrieben).

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Godwins Schelmenroman war naturwissenschaftliche Pioniertat und literarische Heldentat. Bei Godwin diente als Luftschiff ein Schwänevehikel – und doch stand der Start unter keinem guten Stern, allein schon wegen der „anziehenden Strahlen dieses tyrannischen Magnetsteines, der Erde“. Dann aber, nach der Emanzipation von ihr, und nachdem es allein eine Stunde nur kerzengerade in die Höhe gegangen war, wurde aus der Expedition ein angenehmes Raumgleiten, bis hin zum glücklichen Ende.

Mit dem Datum des 11. September 159* gerät der Mondfahrer unter Bewohner, die zwei Mal so groß sind wie er – aber tausendmal friedlicher leben als die Menschheit, wie Godwins Held, der in Sevilla geborene Domingo Gonsales, im März 1601 festhält. Da rüstet er mit seinen Vögeln zum Rückflug, versehen mit den besten Wünschen seiner souveränen Gastgeber (Christen!), versehen auch mit einem Gruß an die Herrscherin von England, Elisabeth I.. Neun Tage dauert die Rückkehr - und als die Erde Gonsales wieder hat, ist er in Peking gelandet. Um die Sache abzukürzen: Auch der Abenteurer kennt Heimweh. Und Heimweh ist das, was jeden Abenteurer heim führt.

Frequenz der Mondfahrten ständig erhöht

Seit Godwins Reise hat sich die Frequenz der Mondfahrten und -landungen weltweit stetig erhöht. Schon der berüchtigte Cyrano de Bergerac (1619–1655), der den „Mann im Mond“ genauso wie Jonathan Swift und Daniel Defoe bewunderte, stellte seinen gutgläubigen Lesern einen Weltraumflug in Aussicht, wenn sie sich nur Flaschen mit Morgentau unterschnallten. Denn den Auftrieb werde der Sonnenaufgang bewerkstelligen, wie überhaupt die Gesetze der Physik der Mission aufhelfen. Bei allem kein Abrieb, kein Energieverlust, keine Materialermüdung.

Zu den hochfliegenden Plänen des 17. Jahrhunderts gehörte, neben den Schwänen Godwins oder den schlittenähnlichen Gestellen des Cyrano, die eine oder andere erneut angelehnte Jakobsleiter. Seit der Aufklärung ging es nicht mehr ab ohne Geräte, die obendrein immer dickschiffiger wurden, selbst wenn jemand wie der Baron von Münchhausen (1720–1797) den Glauben an eine erregte Bohnenranke nie aufgab.

Zweifellos war Godwins Luftschifferglück noch nicht aus dem Seemannsgarn der Moderne gesponnen, dem Technikfetischismus. Albtraumartig die Nöte, die Edgar Allan Poe (1809–1849) in seiner Mondfahrt beschrieb; vollends vertraut machte die Zukunftsschau eines Jules Verne (1828–1905) mit der Strecke Erde – Mond, sie geschah auf dem Wege eines Direktflugs in 97 Stunden und zwanzig Minuten. Mochte mancher Treibsatz auch folgender Gedankenflüge friedlich-utopischer Natur bleiben – mit Beginn des 20. Jahrhunderts bekam der Mond nicht nur metaphysisch, sondern poetisch Probleme.

Bild vom Himmelskörper hat sich verändert

Die Zeit des schönen Mondes, der für die Menschheit seit Jahrhunderten ein milder Beistand gewesen war, war endgültig abgelaufen. Bei Oskar Panizza (1853 – 1921), dem Bayern mit dem bösen Blick, wurde der Mond auf offenem Feld von einem gelb gekleideten Mann an einem Strick hinter sich hergezogen, um in der Erde verscharrt zu werden wie ein räudiger Körper.

Das Bild vom Himmelskörper hat sich verändert, es ist eines, das zwischen Illusion und Desillusion oszilliert. Der Mond, um einen Gedanken Arthur Schopenhauers aus dem 19. Jahrhundert aufzugreifen, leuchtet zwar weiterhin – aber poetisch wärmte er schon lange nicht mehr. Tatsächlich erlebte die Menschheit die Auswanderung der naheliegenden Gedankenflüge in die synthetisch hergestellten Phantasien. War es nicht der Philosoph Günther Anders, der bereits Mitte der 1950er Jahre die Ausbildung einer „moralischen Phantasie“ anmahnte? Was mit Lukian satirisch einsetzte, was dann mit Godwin den heiteren Höhepunkt einer geerdeten Utopie erreichte, sollte am 20. Juli 1969, dem Tag der Entzauberung des erdnächsten Trabanten durch die Nasa, weltgeschichtlich beendet werden.

Verloren hatte der Gedanke an ein Mondparadies schon lange auf Erden, vor allem in der skeptischen Utopie. Angefangen mit Swift spitzte sich die Heimsuchung des Mondes durch die Phantasie zu. Doch erst mit der Landnahme vor 50 Jahren scheint der kosmische Wärmestrom dieses Himmelskörpers poetisch versiegt. Ach, der Mond ist untergegangen.

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