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Gremien von Hochschullehrern und Vertretern der Berufswelt sowie einem studentischen Mitglied prüfen im Auftrag der Kultusminister Bachelor- und Master-Ausbildungsgänge auf ihre Studierbarkeit und stellen dafür fünfstellige Euro-Beträge in Rechnung

Studiengänge

Fragwürdige Akkreditierungspraxis

Gremien entscheiden über die Studierbarkeit von Studien- und Ausbildungsgängen - und geraten durch eine hohe Abbrecherquote in die Kritik.

Von HERMANN HORSTKOTTE

"Montags bis donnerstags bin ich von acht bis sechs an der Uni, freitags ab neun Uhr", erzählt Fiona Costello. Vor einem Jahr nahm die Wahlkölnerin ihr Chemiestudium auf.

Und das hat es in sich: "Wöchentlich komme ich mit der Nachbereitung zu Hause auf fast sechzig Arbeitsstunden." Am Wochenende gibt sich Costello frei, zur Erholung. "Denn in diesem durchorganisierten Studiengang auch nur eine Woche wegen Krankheit auszufallen, wäre ein großes Risiko für die Semesterabschlussprüfungen", sagt sie.

Und die zählen vom ersten Semester an für die spätere Examensnote. Wegen der Studienverpflichtungen kommt Costello nur in den Semesterferien zum Geldverdienen. Den Rest schießen ihre Eltern bei.

Eine Vollzeitstudentin wie aus dem Lehrbuch. So haben es sich die Kultusminister der Länder bei der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge vorgestellt. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus, weil viele Studenten neben dem Studium ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten müssen, betonten jüngst auffallend einhellig der bundesweite Freie Zusammenschluss von Studierenden (FZS) und der Deutsche Hochschulverband (DHV), die Stimme der Professoren.

Ihre Kritik richtet sich an die Akkreditierungsagenturen, Gremien von Hochschullehrern und Vertretern der Berufswelt sowie einem studentischen Mitglied. Sie prüfen im Auftrag der Kultusminister Bachelor- und Master-Ausbildungsgänge auf ihre Studierbarkeit und stellen dafür fünfstellige Euro-Beträge in Rechnung

Kritik an massiver Prüfungslast

Die Vorwürfe von Lernenden und Lehrenden gelten vor allem der Abbrecherquote, die sich laut DHV wider Erwarten erhöht habe. Jeder vierte Bachelor-Student gebe auf. Florian Keller vom FZS-Vorstand macht dafür eine "massive Erhöhung der laufenden Prüfungslast" verantwortlich. Fünfzig und mehr Wochenstunden seien für die meisten Hochschüler einfach zu viel, weil sie nebenher noch ihr Studium finanzieren müssten.

Schließlich seien die angeblich mobilitätsfördernden Bachelorprogramme so unterschiedlich, dass ein Wechsel von einer Uni zur anderen oder der Gang ins Ausland schwieriger sei denn je.

Die sechs amtlich zugelassenen Agenturen bestreiten all dies keineswegs, geben den Schwarzen Peter aber teils an die Hochschulen zurück und teils an die Politik weiter. So sei der Vollzeitstudierende mit entsprechender Unterrichts- und Prüfungsbelastung durch die Kultusministerkonferenz vorgeschrieben, stellt Hermann Reuke von der "Zentralen Evaluations- und Akkreditierungsagentur Hannover" (Zeva) klar.

Nur die Politik könne den akademischen Arbeitsaufwand der Realität von Teilzeitstudierenden mit Nebenjob anpassen. Solange das nicht geschehe, genehmigten die Agenturen auftragsgemäß unrealistische Anforderungen.

Zu hoher Leistungsdruck führt zu panischer Prüfungsangst und über kurz oder lang zum Studienabbruch, unterstreicht dabei Ulrich Heublein von der Hochschul-Informations-System GmbH. Die Chemiestudentin Fiona Coletto gehört zur Zahl der Glücklichen, die durchkommen. Im vergangenen Semester muste sie fünf größere Lerneinheiten mit Vorlesungen und Übungen absolvieren, sogenannte Module.

Die Kultusminister sehen jeweils eine Prüfung pro Modul vor. Die besteht allerdings oft aus einer ganzen Reihe von Teilleistungsnachweisen, also doch mehreren Prüfungen, wie etwa Heinz-Ulrich Schmidt von der internationalen Agentur Fibaa berichtet. Wer als Professor seinen eigenen Prüfungsstoff reduzieren würde, laufe dabei Gefahr, sein eigenes Fach in der Lehre überflüssig zu machen.

"Wir können mit den Professoren erörtern, ob für den Studiengang das eine oder andere Modul in seiner konkreten Ausgestaltung wirklich nötig ist", betont Birgit Hanny von der Qualitätsagentur für Ingenieur- und Naturwissenschaften (Asin). Das letzte Wort behalten aber immer die Hochschullehrer selber.

"Wir müssen die grundgesetzlich garantierte Freiheit von Forschung und Lehre und die damit verbundenen Qualifikationsziele respektieren", stellt auch Thomas Reil von der Agentur Acquin klar. "Im Grunde können wir nur die Plausibilität eines Studienprogramms überprüfen", schränkt Zeva-Chef Reuke ein. "Etwa, ob ein Fach, das seine Internationalität betont, dementsprechend ein Auslandssemester eingeplant hat."

Überdies müssen sich die Qualitätsprüfer aus reinem Selbsterhaltungstrieb den Hochschulen gegenüber "kundenfreundlich" zeigen. Präsentiert sich eine Agentur nicht entgegenkommend, vergibt die Uni oder FH den nächste Akkreditierungsauftrag an ein anderes Testinstitut.

"Die Kultusminister haben den Wettbewerb unter den Agenturen gewollt", erläutert Achim Hopbach vom übergeordneten nationalen Akkreditierungsrat. Und fügt kritisch hinzu: "Da aber alle auf dem Markt dasselbe Produkt anbieten - unser amtliches Qualitätssiegel - kann dieser Wettbewerb zu keiner Qualitätsverbesserung führen."

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