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Wer Gift spritzt, soll zahlen: Ein Gutachten des Helmholtz-Zentrums für Umweltforschung erhitzt die Gemüter.

Landwirtschaft

Forscher fordert Pestizidsteuer

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Deutsche Bauern spritzen zu viel, sagt der Umweltforscher Erik Gawel. Er fordert deshalb eine Steuer auf Pestizide.

Herr Gawel, Sie haben gefordert, Pflanzschutzmittel durch eine Abgabe zu verteuern. Der Bauernverband läuft Sturm dagegen. Spritzen Deutschlands Bauern denn wirklich zu viel?
Eindeutig ja. Pestizid-Grenzwerte werden in Gewässern großflächigen überschritten, und es gibt zunehmende Probleme bei der Trinkwassergewinnung. Die Grenzwerte müssten eingehalten werden können, wenn überall das Gebot befolgt würde, Pestizide überhaupt nur dann einzusetzen, wenn das unabweisbar notwendig ist. Künftig sollen die Landwirte die Notwendigkeit des Einsatzes deswegen selbst noch besser beurteilen können, indem sie die Folgekosten für die Gesellschaft im Preis signalisiert bekommen. Unser Vorschlag soll aber alle Pestizide besteuern. Er trifft also auch andere Anwender, sei es die Deutsche Bahn, Kommunen, Kleingärtner oder Ökobauern.

Was sind die Folgen des übermäßigen Pestizideinsatzes?
Viele Pestizide sind sowohl für die Umwelt als auch für die menschliche Gesundheit belastend: Sie beeinträchtigen die Artenvielfalt an Land und in Gewässern. Sie reichern sich im Boden an, lassen sich zum Teil in Lebensmitteln sowie im Trinkwasser nachweisen und wirken beim Menschen unter Umständen hormonell oder zellschädigend. In Europa sind rund 30 Prozent der Gewässer in einem ökologisch schlechten Zustand – auch aufgrund eines zu starken Pestizideinsatzes. Eine Pestizid-Steuer hilft also, Mensch und Umwelt zu schützen.

Sie haben festgestellt, dass die auf den Äckern eingesetzten Pestizidmengen bis 2000 zurückgingen, seither aber wieder deutlich ansteigen. Welche Gründe hat das?
Die Absatzmengen zeigen bei stabilen Trends gewisse Konjunkturen – dies geht auf witterungsbedingte Einflüsse zurück, aber auch auf Preisentwicklungen am Weltmarkt. Seit dem Jahr 2000 wurden zudem ehemals stillgelegte Landwirtschaftsflächen wieder in Nutzung genommen, da die Stilllegungsprämie auslief und zugleich seit 2006 die Agrarerzeugerpreise insbesondere für Getreide weltweit stark angestiegen sind. Gleichzeitig sind die Preise für Pestizide im Durchschnitt gesunken – zum Beispiel ist das umstrittene Glyphosat mittlerweile ein sehr preiswertes Herbizid geworden. Und was man in der reinen Mengenstatistik gar nicht sieht: Die eingesetzten Mittel werden tendenziell immer „wirkungsvoller“, das heißt giftiger.

In Frankreich, Schweden und Dänemark wurde bereits eine Pestizidsteuer eingeführt. Welche Erfahrungen gibt es dort damit?
In allen dieser drei Länder ist der Einsatz von Pestiziden langfristig zurückgegangen. 2013 wurde die Steuer in Dänemark zusätzlich nach Risiko differenziert, so dass weniger schädliche Mittel Preisvorteile erhalten. Die Einnahmen aus der Steuer werden zum Beispiel in Dänemark in Agrarprojekte investiert und dienen der Umsetzung des dortigen Nationalen Pestizid-Aktionsplans.

Die Bauernlobby befürchtet, dass die Erträge zurückgehen. Falsch?
Durch Optimierungen beim Einsatz der Mittel kann viel eingespart werden, ohne dass Erträge zurückgehen. Dieses Potenzial sollten Landwirte heben. Und sollte tatsächlich ein spürbarer Ertragsrückgang zu befürchten sein, lohnt es sich für die Landwirte, stattdessen die Abgabe zu zahlen. Sie behalten ja alle Freiheiten, über den Einsatz der Mittel zu entscheiden – aber bitte künftig unter Berücksichtigung der Umwelt- und Gesundheitsfolgen.

Viele Bauern, gerade die mit kleineren Betrieben, können ökonomisch gerade so überleben. Keine Sorge, dass eine Pestizidabgabe sie überfordert?
Ausgaben für Pestizide machen weniger als zehn Prozent der Produktionsaufwendungen aus. Und sollte bei bestimmten Kulturen tatsächlich eine so spürbare Belastung eintreten, die die Wirtschaftlichkeit grundsätzlich gefährdet, sieht unser Konzept Kompensationen aus dem Aufkommen der Abgabe vor. Die Abgabe mutet den Landwirten Anpassungsentscheidungen zu, keine Betriebsaufgaben.

Sie schätzen, dass der Staat durch die Abgabe pro Jahr rund eine Milliarde Euro einnehmen würde. Was soll mit dem Geld geschehen?
Wir schlagen zwei Verwendungszwecke vor. Zum einem eben Kompensationen, die aber den Anreizeffekt der Steuer nicht in Frage stellen dürfen. Zum anderen die Finanzierung zusätzlicher Schutzmaßnahmen von Mensch und Umwelt, etwa im Rahmen des Nationalen Aktionsplans Pflanzenschutz.

Hielten Sie eine Komplettumstellung auf Biolandbau für möglich – und für sinnvoll?
Als politisches Ziel der Bundesregierung ist verankert, den Bio-Anteil von derzeit etwa sechs Prozent längerfristig auf 20 Prozent zu erhöhen. Zu diesem Strukturwandel kann die Steuer beitragen, indem jener Preisvorteil des konventionellen Landbaus abgebaut wird, der auf einem ökologisch bedenklichen Umgang mit Gütern der Allgemeinheit beruht. Eine Komplettumstellung ist hingegen nicht Sinn der Abgabe und auch ohne weiteres auch gar nicht leistbar, auch wenn Biolandbau ökologisch ohne Frage auch als klimafreundliche Landwirtschaft die bessere Alternative ist.

Bei der Pestizidfrage geraten zuerst die Bauern ins Visier. Allerdings greifen auch Privatleute für ihre Balkonblumen oder Gärten oft zur Spritze. Wie groß ist das Problem dort?
Im Vordergrund stehen hier die Risiken für die Gesundheit der Anwender und Anwohner durch unsachgemäßen Einsatz sowie die Gefahren für die wildlebenden Arten in Kleingärten. Und da es hier nicht um Ertragssicherung der Nahrungsmittelproduktion geht, stellt sich die Frage, ob es überhaupt notwendig ist, Hobbygärtnerei mit giftigen Substanzen zu betreiben.

Was raten Sie uns? Sollen wir die Finger weglassen vom Gift aus dem Garten- oder Baumarkt?
Für Privatleute gilt das auf jeden Fall! Man muss sich klar machen, welche schweren Umweltbeeinträchtigungen und Resistenzbildungen zumeist ohne Not aus Bequemlichkeit oder Unkenntnis heraus in Kauf genommen werden müssen. Der Umgang mit zum Teil hochtoxischen Stoffen ist für Laien zudem auch gefährlich.

Interview: Joachim Wille

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