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Forderung nach Gendermedizin

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Von: Pamela Dörhöfer

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Immer mehr Mediziner plädieren für eine geschlechtsbezogene Medizin.
Immer mehr Mediziner plädieren für eine geschlechtsbezogene Medizin. © Getty Images/Caiaimage

Mit Krankheiten gehen Frauen anders um als Männer. Nicht nur körperliche Unterschiede spielen eine Rolle, auch ein unterschiedlicher Lebensstil beeinflussen den Umgang mit Krankheiten.

Frauen und Männer durchleben Krankheiten oft unterschiedlich – körperlich ebenso wie seelisch. Experten des Klinikums Nürnberg und der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Nürnberg sehen deshalb bei bestimmen Erkrankungen eine „geschlechtsspezifische Behandlung“ als notwendig an. Die Wissenschaftler hatten sich auf einer Tagung mit dem Thema „Gendermedizin“ beschäftigt. Demnach erkranken Frauen und Männer nicht allein unterschiedlich häufig an verbreiteten Leiden wie der Koronaren Herzkrankheit und Krebs, auch die Erfolge von Diagnostik und Therapien weichen zwischen den Geschlechtern ab.

Neben Abweichungen bei der körperlichen und genetischen Ausstattung von Frauen und Männern beeinflussten auch ein unterschiedlicher Lebensstil und Umgang mit der Erkrankung deren Ausgang, erklären die Nürnberger Forscher.

Unterschied bei Krebserkrankung

Frappierend ist ihrer Ansicht nach etwa die Art und Weise, wie Krebserkrankungen bewältigt werden. So hätten Frauen häufiger mit schweren Ängsten, Depression und chronischer Müdigkeit zu kämpfen, während für Männer „der Wunsch nach Autonomie und Kontrolle“ im Vordergrund stünde, heißt es in einer Mitteilung der beiden Nürnberger Institutionen. „Die Unterschiede beim Umgang mit Krebserkrankungen sind eindeutig“, sagt Wolfgang Söllner, Chefarzt der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie am Klinikum Nürnberg: „Männer wollen weniger sprechen und sind vor allem um ihre Autonomie und Erwerbsfähigkeit besorgt, während Frauen ein großes Bedürfnis haben, einen Gesprächspartner für ihre Ängste und Nöte zu haben. Diese Bedürfnisse werden in dem medizinischen Behandlungsangebot, etwa bei der Aufklärung über belastende Behandlungen, und bei der psychoonkologischen Beratung berücksichtigt.“

Arznei wirkt nicht einheitlich

Beim Herzinfarkt sind Geschlechterunterschiede schon allein an den Zahlen erkennbar: Jedes Jahr sterben in Europa 250 000 Männer, aber nur 77 000 Frauen unter 65 Jahren daran. Die starke Differenz ist leicht zu erklären: „Frauen sind vor den Wechseljahren durch Hormone geschützt. Die koronare Herzerkrankung nimmt bei ihnen erst etwa ab dem 55. Lebensjahr zu“, erläutert Roland Veelken, Leitender Oberarzt der Klinik für Innere Medizin 4 am Klinikum Nürnberg. Wissenschaftliche Studien haben gezeigt, dass zudem die Unterschiede bei den Risikofaktoren in jüngeren Jahren Einfluss auf die Erkrankungszahlen nehmen: „Jüngere Männer haben häufiger einen hohen Blutdruck und schlechtere Blutfettwerte als Frauen“, sagt Roland Veelken. Der Grundstein für die höhere Lebenserwartung von Frauen (durchschnittlich knapp 83 Jahre, Männer: knapp 78 Jahre) werde also bereits in jungen Jahren gelegt. Allerdings: Bei einem bedeutenden Risikofaktor für Herzinfarkt und Krebs gleichermaßen, dem Rauchen, haben junge Frauen die jungen Männer mittlerweile überholt.

Wesentlich für die Genesung ist neben der richtigen Behandlung durch die Ärzte auch die Therapietreue von Patienten, was bedeutet, dass sie die verschriebenen Medikamente tatsächlich einnehmen und angeordnete Untersuchungen wahrnehmen. Wird das versäumt, so kann es schwere Folgen haben. Frauen gelten in dieser Beziehung als gewissenhafter. Sie neigen zudem dazu, sich auch selbst etwas zu verordnen. So wurde am Klinikum in Nürnberg untersucht, welche Arznei Patienten, die wegen eines Notfalls aufgenommen werden mussten, mitgebracht hatten: „Frauen nehmen prinzipiell mehr Medikamente ein, die sie sich selbst in der Apotheke besorgen“, sagt Annette Sattler, Leiterin der Apotheke am Klinikum Nürnberg: Von Ärzten bekommen Frauen zudem häufiger Antidepressiva und Schlafmittel mit Abhängigkeitspotenzial verordnet.

Grundsätzlich hat in der Arzneimitteltherapie die Gendermedizin bereits Einzug gehalten. Denn es ist bekannt, dass Männer und Frauen Medikamente unterschiedlich aufnehmen und verstoffwechseln, dass die enthaltenen Substanzen zudem mit Hormonen interagieren können: „Entscheidend ist aber nicht nur die Geschlechtszugehörigkeit, sondern die individuelle Betrachtung des Patienten und seiner jeweiligen körperlichen und genetischen Konstitution“, sagt Annette Sattler. Insbesondere in der Krebsmedizin gehe man deshalb bereits zum Teil dazu über, zu testen, wie ein einzelner Patient auf ein bestimmtes Arzneimittel anspreche.

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