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Die Region rund um das Mekongdelta gilt als eines der fruchtbarsten Gebiete der Welt.

Vietnam

Wie der Klimawandel das Leben der Frauen verändert

Vietnam zählt zu jenen Ländern, in denen die Folgen des Klimawandels das Leben der Menschen am stärksten verändern – vor allem das der Frauen.

Eine dunkle Regenwolke hängt über Can Tho und taucht die Marktstraße der Stadt am Mekongdelta in ein trübes Licht. Nur ein paar Meter von der Straße entfernt fließt der Untere Mekong: Hunderte Händler verschiffen darüber täglich Bananen, Ananas, Wassermelonen und vieles mehr. Das Mekongdelta ist eine der fruchtbarsten Regionen der Welt, und die Bauern der Gegend tragen dazu bei, dass Vietnam der weltweit drittgrößte Reisexporteur ist.

Trotz des trüben Wetters herrscht morgens um fünf Uhr schon Hochbetrieb an der kleinen Anlegestelle. Nur wenige Kilometer entfernt befindet sich „Cai Rang“, einer der größten „Schwimmenden Märkte“ Vietnams. Auf Booten bieten Großhändler ihre Ware an. Am Mast hängt das Produkt, das sie verkaufen, denn das Marktgeschrei würde im Rattern der alten Kähne untergehen. An diesem Tag baumeln dort Ananas, Karotten, Kokosnüsse und Salat. Zwischenhändler laden die Waren auf ihre Boote und bringen sie nach Can Tho, wo sie bereits von den dortigen Händlerinnen erwartet werden. 

Männer sieht man nur wenige auf dem Markt – sie arbeiten meist auf dem Feld oder in den Firmen. So schleppen hier vor allem Frauen körbeweise Obst, Gemüse und Fisch zum Marktplatz, bereiten die Waren für den Verkauf vor und feilschen mit den Kunden um die besten Preise. Frauen haben und hatten in Vietnam schon immer eine starke Position in der Gesellschaft, so begegnen sie einem nicht nur auf dem Markt, sondern auch in Businesskleidung in den Städten. 

Obwohl in Can Tho täglich tonnenweise Obst und Gemüse verschifft werden, ist die Region bedroht: Laut dem globalen Klima-Risiko-Index 2018 ist Vietnam eines der fünf Länder, die weltweit am meisten von den Folgen des Klimawandels betroffen sind. Landwirte, die einst Reis angebaut haben, müssen nun Fische züchten, weil der Salzgehalt im Mekong zu hoch geworden ist. Ihre Häuser werden regelmäßig überschwemmt, und in der Trockenzeit ist das Trinkwasser knapp. 

Ende 2016 verlor bereits ein Großteil der Bauern im Mekongdelta seine Reisernte durch eine folgenschwere Dürre. Während in der Trockenzeit im Delta der Regen abnimmt, kommt es in der Regenzeit zu mehr Niederschlag in kürzerer Zeit als bisher. Die Wetteränderungen bedrohen viele in ihrer Existenzgrundlage: Von den 17,5 Millionen Bewohnern im Mekongdelta leben etwa 70 Prozent von der Landwirtschaft oder Fischerei. 

Hân baut mit anderen Frauen aus ihrem Dorf Gemüse und Obst an.

In der Marktstraße von Can Tho sitzt die 50-jährige Ha Thanh und bietet Mangostane zum Kauf an, eine purpurfarbene Frucht, etwa so groß wie eine Mandarine. Gerade als sie zu erzählen beginnt, zieht eine dunkle Wolke auf. Eilig packt sie ihre Ware in die Bambuskörbe und läuft unter das Dach der nahe gelegenen Markthalle. Es beginnt zu regnen, große, schwere Tropfen fallen vom Himmel, starker Wind kommt auf. Es dauert nicht lange, und in der Straße steht das Wasser zehn Zentimeter hoch, weil der umhertreibende Müll die Kanäle verstopft. 

„Der Regen wird immer heftiger“, sagt Thanh. Zwar seien die Menschen im Mekongdelta heftige Regenfälle gewöhnt, aber in den vergangenen Jahren sei das Wetter unberechenbarer geworden. Und damit auch die Preise der Waren. Die Mangostane, die Ha Thanh verkauft, kosten dieses Jahr für den Käufer knapp zwei Euro pro Kilo, „fast doppelt so viel wie sonst“, sagt sie. In diesem Jahr sei es viel wärmer, „das ist nicht gut für die Frucht, und deshalb gibt es weniger davon“. Ha Thanh baut die Früchte nicht selbst an, sondern kauft sie von Landwirten und verkauft sie weiter. Es ist ihr einziges Einkommen. Da die Frucht teurer ist, greifen weniger Leute zu. „Deshalb habe ich dieses Jahr nur die Hälfte von dem verdient, was ich normalerweise einnehme“, sagt sie. Immerhin: Ha Thanhs Söhne arbeiten in der Stadt und können sie unterstützen. 

Diese Hilfe hat Van, die ein paar Meter weiter sitzt, nicht. Die 30-Jährige, die nur ihren Vornamen nennen möchte, bietet Koriander, Salat und andere Kräuter an, die Vietnamesen gerne zur landestypischen Suppe „Pho“ essen. Van sieht abgekämpft aus. Sie nimmt ihren kegelförmigen Strohhut ab, um ihre Haare darunter zu richten. „Zu Hause warten sieben Familienmitglieder auf mich“, sagt sie und schaut dabei etwas hilflos. Auf ihren Feldern hat sie nur etwa 60 Prozent ernten können im Vergleich zu den Vorjahren. Die restlichen Pflanzen hätten zu sehr unter der Hitze gelitten. Der Verkauf des Gemüses ist der einzige Verdienst der Familie. „Wenn es nicht ausreicht, gehe ich zusätzlich noch beim Nachbarn auf dem Feld arbeiten“, erzählt sie. Dann muss sie sich um eine Kundin kümmern, die mit ihrem Motorrad an Vans Stand anhält. 

Dang Quoc Ly weiß um das Dilemma, in dem sich Frauen wie Ha Thanh oder Van befinden. Der 34-Jährige ist ganz im Süden des Mekongdeltas aufgewachsen. Seine Familie baut Reis an. Doch Quoc Ly entschied sich, die Landwirtschaft seiner Eltern nicht zu übernehmen. Stattdessen studierte er Umweltwissenschaften in Ho-Chi-Minh-Stadt. Es folgte ein Master in Entwicklungsstudien an der Universität in Genf, und nun ist er Doktorand an der Chiang Mai University in Thailand. Doch seine Heimat, das Mekongdelta, lässt ihn nicht los. Einige Monate verbringt er nun in Can Tho für die Feldforschung. 

Seine These lautet: Vor allem Frauen leiden unter dem Klimawandel. Denn: „Es sind die Frauen, die die Früchte auf dem Markt verkaufen und bei Überflutungen zu Hause bleiben.“ Diese Beobachtung weckte sein Interesse „für die Auswirkungen des Klimawandels auf die Gesellschaft“. Er will Interviews mit Familien und Frauen führen; sie fragen, wie sie die starken Wetterwechsel erleben. Bereits vor einigen Monaten hat er sich in ersten Gesprächen informiert. „Damals haben die Frauen mir gesagt, dass meistens sie das Haus sauber machen müssen nach einer Überflutung“, sagt er, „es sind die Frauen, die mit dem Wasser kämpfen.“ 

Außerdem glaubt Quoc Ly, dass Frauen stärker unter den gesundheitlichen Folgen des Klimawandels leiden. „Wenn die Wohnung oder das Haus überflutet ist, bilden sich oft stehende Gewässer. Die Gefahr, an Dengue-Fieber zu erkranken, ist dann zum Beispiel größer.“ Zudem sei in Zeiten von Überflutung oft zu wenig sauberes Trinkwasser verfügbar, was auch zu Krankheiten führen könne. „Ein anderes Problem ist der Müll. Da er überall in den Straßen liegt, wird er bei Überflutungen in die Häuser gespült.“ 

Van verkauft Kräuter aus ihrem Garten – die Ernte in diesem Jahr war karg.

Einige Nichtregierungsorganisationen in Vietnam haben ebenfalls erkannt, dass besonders Frauen mit den Folgen des Klimawandels zu kämpfen haben. In der Stadt Danang im Zentrum Vietnams hat die Organisation Care die Frauenunion bei einem Projekt unterstützt, bei dem Frauen und Familien Kredite erhielten, um ihre Häuser widerstandsfähiger gegen Taifune zu machen. Die Region rund um Danang erlebt jedes Jahr mehrere dieser tropischen Wirbelstürme. Insgesamt wurden so 222 Häuser renoviert und 150 neu gebaut. Zudem wurden 800 Freiwillige und Mitarbeiter der Frauenunion trainiert, was nach einer Katastrophe wie einem Taifun als Erstes zu tun ist. 

Ein anderes Projekt hat die Caritas in der Bergregion Dalat initiiert. Im abgelegenen Dorf Madanh unterstützen sie den nachhaltigen Gemüseanbau seit 2011. Es begann mit drei Frauen, die in einem kleinen Teil ihres Gartens Gemüse ohne chemische Düngemittel für den Eigenbedarf anbauten. Die Caritas stellte die Samen zur Verfügung und stand beratend zur Seite. Denn die Frauen klagten über schlechte Ernten durch die Wetterveränderungen. 

Der Ansatz der Caritas bei diesem Projekt sei „ganzheitlich“ und „langfristig“, erklärt Leiterin Dinh Hong Phuc. Es sei nicht nur darum gegangen, eine Lösung für die Probleme durch den Klimawandel zu finden, sondern auch einen Weg, wie die Frauen langfristig Geld verdienen könnten und die Umwelt geschont werde. Das Biogemüse könne sich besser an die klimatischen Veränderungen anpassen, und der Boden werde auch nicht strapaziert, weil die Frauen keine Pestizide benutzten.

„Am Anfang war ich skeptisch“, erzählt die 30-jährige Dong. Doch mittlerweile ist sie überzeugt von dem Projekt. Zehn weitere Frauen des Dorfes haben sich angeschlossen. Sie produzieren nun weit mehr Gemüse, als sie essen können. Deshalb verkaufen sie das Gemüse nach Dalat und Ho-Chi-Minh-Stadt. Gerade verpacken sie Kartons mit frischen Karotten, Salaten und Roter Bete. Grüne Blätter blitzen an den Ecken hervor. Die meisten Kartons quellen über, so viel Gemüse haben die Frauen produziert. „Die Karottenernte war nicht gut“, sagt Hân. Etwa 60 Prozent sei wegen des Wetters nichts geworden, doch das sei kein Problem, denn dafür sei die Ernte der Roten Bete besser gewesen. „Der Vorteil ist, dass wir verschiedene Gemüsesorten anbauen. Das ist besser für den Boden, und es führt zu weniger Verlusten“, sagt sie. 

Einmal im Monat treffen sich die Frauen zu einem Abendessen. An diesem Abend ist die Stimmung ausgelassen. An der Wand hängt ein Stück Pappe: eine Strichliste, die zeigt, wie viel Gemüse die Frauen geerntet haben. Es sind viele Striche zu sehen – und deshalb gibt es selbst angebauten Salat und Rindfleisch in Reisblättern. Die Frauen sitzen auf dem Boden, ein Teppich dient als Tisch. Die Schüsseln darauf sind gut gefüllt. Sie plaudern und lachen. Die Frauen sind stolz. Sie haben so viel Geld erwirtschaftet, dass sie sich bald einen Lastwagen kaufen wollen, um das Gemüse aus ihrem Dorf in die Stadt zu bringen. Denn mit ihren Motorrädern können sie die Kartons für den Markt nicht mehr transportieren. 

Für die Frauen in Madanh sieht es derzeit positiv aus. Und es gibt weitere Lösungsansätze für Probleme in der Landwirtschaft, die durch den Klimawandel entstehen. Doch gegen extreme Wetterereignisse wie tropische Wirbelstürme, außergewöhnlich lange Trockenperioden oder starken Regen könnten die Vietnamesen allein nicht ankommen, sagt der Direktor des Forschungsinstituts zum Klimawandel der Universität Can Tho, Trung Hieu Nguyen. Um das Mekongdelta – und damit immerhin auch einen Großteil der weltweiten Reisernte – langfristig zu schützen, müsse die Weltgemeinschaft gemeinsam die künftig zu erwartende Erderwärmung auf maximal 1,5 Grad Celsius begrenzen. Sollte das nicht gelingen, werden vor allem Frauen die Leidtragenden sein – nicht nur in Vietnam.

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