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Tommi Kinnunen versucht Schülern seine komplizierte Landessprache näherzubringen.

Finnland

Lieber Netflix als Bücherlesen

Als Finnischlehrer verzweifelt unser Autor fast an seinen lesefaulen Schülern. Schuld an dem Trend sind auch die Eltern.

Ich gehe in der Klasse zwischen den Bänken auf und ab. Die Schüler stecken die Köpfe ins Lesebuch und lesen eine Novelle. Einer ist wohl schon fertig, denn er blickt hoch. Mir war er noch nie als schneller Leser aufgefallen.

„Alles gelesen?“, flüstere ich.

„Ja.“

„Und? Wie findest du es?“

„Irgendwie schräg. Es hört mittendrin auf.“

„Mittendrin? Hast du den Text bis zum Ende gelesen?“

„Ja.“

„Der geht über mehrere Seiten.“

„Ach ja?“

„Hast du nicht gemerkt, dass er weitergeht?“

„Nö.“

„Ist es dir nicht merkwürdig vorgekommen, dass das letzte Wort auf der ersten Seite mit einem Trennstrich endet und der Satz nicht vollständig ist?“

„Schon. Ich hab doch gesagt, dass es irgendwie mittendrin aufhört.“

Im Fach Finnisch als Muttersprache fällt auf, dass die Schüler beim Lesen immer öfter stocken. Mechanisches Lesen lernt in Finnland fast jeder, die Schwierigkeiten liegen im Textverständnis.

Wenn ich Fragen zum Text stelle, die Antwort aber nicht Wort für Wort meiner Formulierung entspricht, kann ich nicht sicher sein, dass die Schüler die Antwort finden. Schon ein anderer Kasus kann sie in die Irre führen. „Lehrer, die sagen hier nichts darüber, dass der irgendetwas tragen würde“, beschwert sich ein Schüler, der das Wort Last in seiner gebeugten Form nicht erkannt hat (die Form wird im Finnischen durch ein Beugungs-Infix und ein Possessiv-Suffix erzeugt, der Wortstamm aber bleibt klar erkennbar, Anmerkung der Übersetzerin).

Die Forschungen weisen in die gleiche Richtung. Über eine halbe Million erwachsene Finnen können so schlecht lesen, dass es nicht ausreicht, um den Alltag zu bewältigen. Viele schaffen es nur, sich auf kurze Texte zu vertrauten Themen zu konzentrieren und sie zu verstehen.

Fast die Hälfte der männlichen Jugendlichen hat das Lesen aufgegeben

Wenn man nicht versteht, was man liest, greift man auch nicht zu einem Buch. Ich frage Achtklässler, wer am Wochenende ein Buch aufgeschlagen hat, und nur wenige Hände gehen hoch. „Meine Mutter hat mir irgendeinen Krimi gegeben, aber ich hatte keine Lust. Ich hab dann Netflix-Serien geschaut.“

Laut Pisa-Studie liest ein Drittel der Jugendlichen in der Freizeit nie. Das betrifft besonders die männlichen Jugendlichen, fast die Hälfte von ihnen hat das Lesen aufgegeben.

Und wie wichtig wäre es, zu lesen! Als Lehrer sehe ich, wie man beim Lesen seine Ausdauer trainiert. Die Gesellschaft pulsiert im Rhythmus der Unterhaltung, vor allem die digitale Welt belohnt ihre User sofort mit Kommentaren und Likes, bei Spielen mit Bonuszeit und -leben.

Lesen wird nicht sofort belohnt und auch nicht nach fünf Minuten. Es kann Wochen dauern, bis die losen Enden zusammengeführt werden: Die Liebenden finden sich, man erfährt, wer der Mörder ist, die Fantasy-Welt wird gerettet.

Aus Büchern könnte der junge Mensch lernen, dass nicht alles im Jetzt stattfindet, dass man für eine Sache arbeiten und sich anstrengen, manchmal auch einfach nur stillsitzen muss. Ich glaube, auch die Arbeitgeber schätzen die Fähigkeit, sich zu konzentrieren.

Fehlen die Worte, erscheint die Welt farbloser

Lesen macht sich in vielfacher Hinsicht bezahlt. Für Kinder ist es wichtig, damit sie ihre Sprache entwickeln, bei Teenagern zeigt es sich im Wortschatz. Ein Teenager, der mit Literatur aufgewachsen ist, beherrscht bis zu 70 000 Wörter, einer, der nicht liest, etwa 15 000. Meine Schüler stolpern über Wörter wie sich sträuben, mild, Anorak und behände. Ist pudistaa (‚abschütteln‘) dasselbe wie puhdistaa (‚putzen‘)? Obwohl in Jugendbüchern zigtausend Wörter vorkommen, können ein paar merkwürdige Bezeichnungen dazu führen, dass der Jugendliche das Buch weglegt. „Ich versteh überhaupt nichts. Was soll dieses heiter sein?“

Weil die Sprache ein Vehikel des Denkens ist, erscheint die Welt einem, der weniger Wörter zur Verfügung hat, farbloser. Beim Lesen werden auch die Hirnregionen aktiviert, die für Instinkte zuständig sind. Außerdem wächst die Fähigkeit zur Empathie. Man entwickelt Verständnis dafür, dass andere Menschen ihre eigenen Gedanken, Ansichten, Träume und Erfahrungen haben. Damit lernt man, Dinge aus der Sicht seines Gegenübers zu betrachten. Das bringt uns einander näher.

Hand in Hand mit dem Lesen geht das Schreiben. Wie kommt ein mühsam buchstabierender Jugendlicher damit zurecht, dass er ständig Notizen machen und Präsentationen halten muss? Wie soll er Unterstützung beantragen oder Bewertungen abgeben, wenn er dafür ein Internetformular ausfüllen muss? Das gegenwärtige Prinzip der Teilhabe und der direkten Demokratie beruht darauf, dass die Bürger verstehen, was sie lesen, und eine schriftliche Antwort verfassen können.

Gerne wird die Aufgabe der Leseförderung der Schule zugewiesen, wie auch die ganze restliche Erziehung. Den Eltern darf man keinen Vorwurf machen, aber ich tue es trotzdem.

Die Einrichtungstrends verbannen die Bücherregale aus den Wohnzimmern, und die Märchenbücher weichen den Tablets. Eines Morgens kam mir im Hof ein Vater entgegen, der seinen Dreikäsehoch in einem Wagen vor sich herschob, auf dessen Stange eine Handyhalterung fürs Kind befestigt war. Der Knirps hätte das Gesicht des Vaters sehen oder sich die Welt begucken müssen, aber er starrte stumm auf die Zeichentrickfiguren, die auf dem Handydisplay herumtobten.

Wenn schon die Kleinsten, statt dass man ihnen vorliest, passiv auf einen Bildschirm glotzen, braucht niemand zu glauben, dass es dem Fachlehrer in der Gymnasialstufe gegeben ist, durch einen Zauber die Leselust im jungen Menschen zu wecken.

Angebot und Nachfrage stimmen nicht überein

Auch die Schule trägt ihre Schuld. Bis zur vierten Klasse lesen fast alle Kinder gerne, aber dann hört die Begeisterung auf. Gleichzeitig ist das Niveau der finnischen Kinder- und Jugendliteratur Weltklasse. Angebot und Nachfrage stimmen irgendwie nicht überein.

Entsetzt las ich in einem Chat von Finnischlehrern, dass Schülern, die sich für Schauerromane interessierten, „Die grüne Kammer auf Linnais“ (1859) und „Die Wolfsbraut“ (1928) empfohlen wurden. Wo sind Marko Hautalas „Stumme Seelen“ oder Salla Simukkas „So rot wie Blut“?

Natürlich gibt es Fortbildungen für Lehrer – Gruppenleitung, Sonderpädagogik und Medienkompetenz –, aber ich bin noch nirgends auf einen Kurs über Gegenwartsliteratur gestoßen, der für Lehrer konzipiert gewesen wäre. Es nützt niemandem, wenn ein Lehrer im Jahr 2018 seinen Schülern Bücher empfiehlt, die er selbst Mitte der Siebziger mochte. „Die Fünf Freunde“ und diverse andere Teenager-Detektivinnen beeindrucken heute keinen mehr, denn die Welt hat sich verändert.

Zum Glück gibt es noch Bücher, die auch Widerspenstige mitreißen. Manchmal schafft ein Buch es, etwas zu beschreiben, was bislang unbemerkt geblieben war, und hin und wieder verbindet eines die Genres so, dass der Leser vor etwas völlig Neuem steht. Zu Beginn dieses Jahrzehnts stritten sich die Schüler um die Exemplare von Aleksi Delikouras’ Roman „Nerd“, der auf humorvolle Weise das Außenseitertum behandelt. Ähnlich erging es der Dystopie „Die Bestimmung“ und der Twilight-Serie. Biographien von Zlatan Ibrahimovic (Fußballer) oder Teemu Selänne (Eishockeyspieler) sind für viele Jungen die ersten Bücher, die sie gelesen haben.

Ich glaube fest daran, dass es keinen Schüler gibt, der nicht gerne liest, sondern nur solche, die noch nicht das passende Buch gefunden haben. Wenn das richtige Buch auftaucht, passiert das, was einer meiner Schüler so erklärt: „Nachdem ich ein gutes Buch gelesen habe, muss ich mich einen Moment hinsetzen und nach Luft schnappen.“

Kinnunens Artikel erschien erstmals in der Ausgabe 49/2018 der Zeitschrift „Suomen kuvalehti“. Aus dem Finnischen übersetzt von Ilse Winkler.

Zur Person

Tommi Kinnunen, 1973 im nordfinnischen Kuusamo geboren, ist ein wichtiger Vertreter der Gegenwartsliteratur seines Landes. Zudem arbeitet er als Lehrer in Turku, im Südwesten des Landes.

Die Geschichte seiner Familie verarbeitete er in seinem Debütroman: „Wege, die sich kreuzen“, Deutsche Verlags-Anstalt 2018, ins Deutsche übersetzt von Angela Plöger. Bisher wurden seine Bücher in rund 20 Ländern veröffentlicht. (isk)

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