West-Nil-Fieber

Mit der Finanzkrise kommen die Viren

Die Überträger-Mücken erobern die Swimmingpools leerstehender Häuser.

Von HERMANN FELDMEIER

Sorgen haben derzeit viele US-Amerikaner. Etliche müssen aufgrund geplatzter Hypotheken Haus und Hof verlassen, andere haben sich durch Einkäufe über Kreditkarten hoch verschuldet. Und diejenigen, die ihren Job verloren haben, wissen oft nicht, wie sie die monatlichen Raten für ihre Krankenversicherung bezahlen sollen.

Mediziner aus Kalifornien haben jetzt festgestellt, dass die Finanzkrise schon jetzt Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit hat, indem sie die Ausbreitung bestimmter Infektionskrankheiten fördert. Eine Studie über das West-Nil-Fieber (WNF) zeigte diesen Zusammenhang deutlich. Das West-Nil-Virus, ein mit dem Gelbfiebervirus verwandten Erreger, wird durch Mücken übertragen und ist in allen Bundesstaaten verbreitet. 2007 erkrankten USA-weit 3630 Personen, von denen 124 verstarben.

Den Wissenschaftlern des Zentrums für durch Insekten übertragene Krankheiten der Universität von Kalifornien war Mitte des Jahres aufgefallen, dass in Kern County, einem Landkreis im Süden des Bundesstaates, ungewöhnlich viele Fälle von WNF gemeldet wurden. Hochgerechnet auf das ganze Jahr waren es 18 Fälle pro 100 000 Einwohner. Das sind etwa 15mal so viele wie der landesweite Durchschnitt.

Häuser stehen leer

Eine plausible Erklärung für die Epidemie gab es nicht. Weder wohnten in dem Landkreis überproportional viele ältere Menschen - die besonders empfänglich für eine Infektion mit dem West-Nil-Virus sind -, noch waren in freier Natur Überträgermücken häufiger zu finden als in anderen Counties. Also mussten andere Ursachen eine Rolle spielen.

Als erstes stellten die Forscher fest, dass in Kern County zahlreiche Häuser von ihren Besitzern verlassen worden waren. Entweder um dem Gerichtsvollzieher zu entgehen, oder weil eine Zwangsversteigerung drohte. Über einen Zeitraum von zwölf Monaten war die Zahl der geräumten Häuser um 207 Prozent angestiegen. Im selben Zeitraum nahm die Zahl der WNF-Fälle um 300 Prozent zu - ein erster Hinweis auf eine mögliche Ursachen-Wirkungs-Beziehung zwischen Finanznot und dem Virus.

Da in Kern County nahezu ausschließlich Einfamilienhäuser stehen, von denen die meisten einen Swimmingpool besitzen, schauten sich die Wissenschaftler hochauflösende Satellitenbilder der Region an. Dabei zeigte sich, dass rund 17 Prozent aller Schwimmbäder grünlich schimmerten. Ein Indikator dafür, dass der Pool seit längeren nicht mehr gereinigt worden war und sich Algen und Plankton vermehrt hatten.

Stehende Gewässer, das wissen Insektenforscher seit langem, sind ideale Brutplätze für eine ganze Reihe von Stechmücken, die das West-Nil-Virus übertragen. Allerdings stellen unterschiedliche Moskitospezies ganz unterschiedliche Anforderungen an die Wasserqualität. Während Culex quinquefasciatus vorzugsweise seine Eier in vom Menschen geschaffene Wasseransammlungen in bebauten Gebieten ablegt, hat sein naher Verwandter Culex tarsalis ganz andere Präferenzen. Diese Stechmücke liebt Wasseransammlungen in freier Natur, die mit Nährstoffen angereichert sind. Swimmingpools auf verlassenen Grundstücken nehmen diese Moskitos aber genauso gerne an.

Tümpel hinter Zäunen

Tatsächlich zeigte eine stichprobenartige Überprüfung, dass Culex tarsalis begonnen hatte, seinen Konkurrenten Culex quinquefasciatus zu vertreiben. In 31 verlassenen Swimmingpools wurden 8978 Mückenlarven gezählt, von denen 59 Prozent als Culex tarsalis identifiziert wurden. In den Vorjahren war diese Spezies noch eine Mückenminorität gewesen.

Was sich wie eine insektenkundliche Randnotiz anhört, ist für die Übertragung des West-Nil-Virus aber von entscheidender Bedeutung. Culex tarsalis ist nämlich ein deutlich besserer Träger für den Erreger als der verdrängte Konkurrent. Tatsächlich waren zwei Prozent der im neuen Habitat gefangenen Moskitos dieser Spezies mit dem gefährlichen Virus infiziert. Theoretisch könnte also jede 50ste Mücke das West-Nil-Virus auf einen Menschen übertragen - ein besorgniserregend hoher Wert.

Als die Forscher die gewonnenen Erkenntnisse über die Ursachenkette in praktische Mückenbekämpfungsmaßnahmen vor Ort umsetzen wollten, standen sie allerdings fast immer vor verschlossenen Zäunen und mussten unverrichteter Dinge wieder abziehen. Die Erklärung: Nach einem kalifornischen Gesetz müssen Schwimmbäder in Wohngebieten mit einem zwei Meter hohen Sicherheitszaun umgeben werden, damit Kinder und Tiere nicht in das Wasser fallen können. Die Gesundheitsbehörden mussten erst die neuen Adressen der ehemaligen Bewohner herausfinden und die Schlüssel besorgen, bevor die Swimmingpools mit einem Insektizid behandelt werden konnten.

Experten befürchten, dass auch andere durch Stechmücken übertragene Erreger, wie etwa das Dengue-Virus, zu Profiteuren der Finanzkrise werden.

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