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Der Zyklon Winston tötete 44 Menschen auf den Fidschi-Inseln.

Südseestaat

Fidschi leitet Klimakonferenz

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Der Klimawandel ist auf dem Inselstaat Fidschi längst bittere Realität.

Siteri Vakalelele sitzt auf dem Boden ihrer Holzhütte und knüpft eine Bastmatte. Ihr Leben lang schon knüpft die 69-Jährige diese Matten für ihre Familie im Örtchen Naviavia im Süden von Vanua Levu, der zweitgrößten Insel Fidschis. Es wirkt, als sei alles wie immer. Dabei ändert sich die Welt um sie herum rasant.

Durch die offenen Holztür trägt der leichte, kühlende Wind Vogelzwitschern und Kinderstimmen herein. Diese Holztür hatte am 20. Februar 2016 der Zyklon Winston aufgeschlagen, als er auf den Fidschi-Inseln wütete. Der Sturm trug Regenwasser herein und überschwemmte die Hütte. Mit ihrem Mann floh sie in die Dorfschule, dem Evakuierungszentrum. Ein Haus hatte es umgeblasen, Maniok-Felder wurden zerstört. „Wir waren froh, dass es am Tag passiert ist“, sagt Vakalelele. „In der Nacht hätte es viele Tote gegeben.“ Auf ganz Fidschi kamen 44 Menschen ums Leben, Tausende verloren ihr Zuhause, der Wert von einem Drittel des Bruttoinlandsprodukts wurde vernichtet. Winston war der stärkste Sturm, der je in der südlichen Hemisphäre gemessen wurde.

Klimaforscher sagen voraus, dass durch die Erderwärmung solche Rekordstürme in Zukunft zur Normalität werden. Während sich Fidschi noch einigermaßen an die Folgen des Klimawandels anpassen kann, müssen sich die Menschen auf kleinen Atollen hingegen darauf vorbereiten, ihre Inseln zu verlassen. Kiribati zum Beispiel, eine Koralleninsel deren höchste Erhebungen nicht mal zwei Meter übersteigen – der Meeresspiegelanstieg; die Versalzung der Böden und die Sturmfluten machen das Leben dort mehr und mehr unmöglich. Deswegen hat der ehemalige Präsident Anote Tong Land im Nachbarland Fidschi gekauft. 5000 Hektar, rund um ein Dorf herum. Das Dorf von Siteri Vakalelele.

Auf Fidschi ballen sich schon heute die Probleme, die der Klimawandel mit sich bringt: Meeresspiegelanstieg, Sturmfluten, Zyklone, Klimaflucht. Insofern passt es, dass das Land – als erster kleiner Inselstaat – die kommende Weltklimakonferenz vom Montag, 6. November, an leitet. Nun gibt es die Chance, dass die von der Realität oft wie losgelöst scheinenden Verhandlungen eine Portion Erdung bekommen. Zuviel Initiative für mehr Unterstützung für die bedrohten Inselstaaten sollte man allerdings von Fidschi nicht erwarten.

Das liegt schon allein daran, dass der Klimagipfel nicht im Südpazifik, sondern in Bonn am Rhein stattfinden wird. Fidschi fehlen Geld und Infrastruktur für die Beherbergung Tausender Diplomaten, NGO-Vertreter und Journalisten. Und so springt Bonn ein, der Sitz des UN-Klimasekretariats.

Manche fürchten nun, dass Fidschi nun gar nicht mehr so sehr zu Gehör kommt in Deutschland, und die politischen Schwergewichte wie China und Europa das Zepter führen.

Überhaupt sieht sich Premierminister Voreqe Bainimarama eher als Vermittler. In Bonn will er nach dem landestypischen Talanoa-Konzept verhandeln lassen: Man sitzt zusammen, tauscht Erfahrungen aus und hört dem Gegenüber zu. Mit der Verhandlungsweise will der Premier die Aufgabe meistern, den Pariser Klimavertrag in ein Regelwerk zu übersetzen, damit sich ersterer überhaupt umsetzen lässt. Auch muss er die Weltgemeinschaft nach dem angekündigten Abschied der USA aus den Klimaverhandlungen zusammenhalten und überzeugen, ihre Klimaziele anzuheben.

Einen Schwerpunkt will Bainimarama allerdings doch setzen: Klimafinanzen. Die kleinen Inselstaaten sollen von den Industrieländern genug Mittel bekommen, damit die sich an veränderte Wettermuster, Meeresspiegelanstieg und Zyklone anpassen oder – wenn es gar nicht anders geht – sich neue Orte zum Leben suchen können.

Das ist auch dringend nötig, wie man auf Fidschi selbst sieht. In den vom Wirbelsturm besonders betroffenen Dörfern stehen noch immer Zelte, in denen die Menschen hausen. Viele Schulen wurden noch nicht wieder aufgebaut. Und den Bewohnern, die lieber heute als morgen von der Küste in die Berge umsiedeln wollen, fehlt schlicht das Geld.

„Die Regierung hat kein Budget für den Klimawandel“, erklärt eine Regierungsvertreterin, die für die Umsiedlungen auf Vanua Levu zuständig ist.

Zwar schickt die Regierung Studenten und Mitarbeiter der Provinzbüros in sämtliche Dörfer, um eine Bestandsaufnahme von den Schäden durch den Klimawandel zu machen. Wenn es aber darum geht, sich präventiv gegen die Gefahren der Natur zu wappnen, fehlen oft die Mittel. Mittel, die die Verantwortlichen für den Klimawandel – die Industriestaaten – nur zögerlich rausrücken, obwohl sie es versprochen haben: Ab 2020 sollen jährlich 100 Milliarden US-Dollar an die vom Klimawandel am stärksten betroffenen und ärmsten Länder fließen.

Das ist die eine Lesart des Problems. Die andere erfährt man, wenn man ins Büro von Emele Duituturagu in Suva eintritt, der Hauptstadt Fidschis. Einst war Duituturagu Ministerin, zuständig für Frauen, Soziales, Armut und Bau, bis es einen Putsch gab.

Heute leitet sie „Piango“, einen Dachverband von 16 NGOs im Pazifik. „Die Regierung hat andere Prioritäten“, sagt sie. „Sie gibt das Geld in anderen Bereichen aus – im Militär, in Subventionen oder Kredite für den Wiederaufbau nach Katastrophen.“ Die Regierung aber sollte ihrer Ansicht nach die Situation überdenken und prüfen, wo all die Hilfe hinfließt. „Sie sollte den Fokus darauf legen, das Land widerstandsfähiger zu machen und nicht bloß zu reagieren, wenn die Katastrophe schon passiert ist.“

Erschwerend kommt hinzu, dass der Klimawandel nur die Spitze des Eisbergs all der Probleme des Landes ist, die sich so nur noch potenzieren: Mit der Verbreitung von Fastfood und importierten Lebensmitteln nahmen Krankheiten im Land wie Diabetes oder Herzkreislaufstörungen zu. Gleichzeitig fehlen Ärzte – selbst aus Kuba müssten diese geholt werden. Andererseits hätten viele Bewohner zu wenig zu essen und keine Arbeit – etwa die Hälfte der Einwohner, schätzt Duituturagu, müssten „kämpfen“.

In Naviavia stehen die Bewohner wiederum vor einer ganz besonderen Herausforderung: Wenn die ersten Bewohner des Inselstaats Kiribati wegen des Klimawandels Zuflucht bei ihnen suchen, dann werden Siteri Vakalelele und die anderen 270 Einwohner Naviavias mitten drin sein. In den ersten Jahren, versicherten die neuen Landbesitzer aus Kiribati, wollen sie das Land nur zum Anbau von Taro, Kava und Kokosnüssen nutzen und frühestens in zehn Jahren würden die ersten der 110 000 Inselbewohner kommen.

Die Dorfbewohner in Naviavia fragen sich, ob sie ihre Kultur erhalten können, wenn Zehntausende Menschen einer fremden Insel ihr Dörfchen umschließen? „Es tut schon weh, wenn ich daran denke, wie wir uns an das Land um unser Dorf herum gewöhnt haben“, sagt sie. Trotzdem kann sie sich vorstellen, dass die Jüngeren aus ihrem Dorf eines Tages Neuankömmlinge aus Kiribati heiraten. „Wir müssen uns um sie kümmern und ihnen Liebe schenken.“

Warten werden die Menschen auf den Fidschi-Inseln nicht, bis die internationale Gemeinschaft sich durchringt, den Geldhahn zu öffnen. „Wir sitzen nicht herum und sehen unseren Nachbarn dabei zu, wie sie untergehen“, sagt Emele Duituturagu. „Schließlich sind wir ein christliches Land.“

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