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Jedes Kind sollte mit eigenem Tempo die Schriftsprache erobern.

Gastbeitrag

Fata statt Vater?

Wie wichtig ist heutzutage richtiges Schreiben? Sehr - aber es gelingt nur mit viel Fleiß

Der ehemalige baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU) bleibt uns mit seinem Satz „Wir im Ländle können alles außer Hochdeutsch“ auf ewig unvergessen. Der aktuelle Ministerpräsident von den Grünen, Winfried Kretschmann, fiel vor einiger zunächst durch seine Mitteilung auf, er habe sich gerade privat einen Diesel gekauft, weil „die komplette Abschaffung der Dieselfahrzeuge von der Umwelt nicht verkraftet“ werde.

Danach gab er wieder eine bundesweit viel beachtete Bemerkung von sich: „Die Bedeutung, Rechtschreibung zu pauken, nimmt ab, weil wir ja heute nur noch selten handschriftlich schreiben“. Als immerhin ehemaliger Gymnasiallehrer für Chemie und Biologie ergänzte er zur Empörung der Hirnforscher, die in seinem Bundesland sehr aktiv sind, und zwar mit dem Team von Manfred Spitzer im Transferzentrum für Neurowissenschaften und Lernen der Universitätsklinik in Ulm, es gebe doch „kluge Geräte“, die Grammatikschnitzer und Schreibfehler korrigieren, und deshalb könne man diesbezüglich die Schulen etwas entlasten. Sein Kernsatz dazu: „Ich glaube nicht, dass Rechtschreibung jetzt noch zu den großen, gravierenden Problemen der Bildungspolitik gehört“.

Die Bildungsministerin seines Kabinetts, Susanne Eisenmann, widersprach ihm sofort. Sie hatte gerade erst die von dem Schweizer Pädagogen kreierte Methode „Lesen durch Schreiben“, die auch „Lesen durch Gehör“ genannt wird, verboten und die Anzahl der Deutschstunden wegen der zunehmenden Rechtschreibschwächen der Grundschüler in ihrem Bundesland erhöht.

Prof. Dr. Peter Struck ist Erziehungswissenschaftler an der Universität Hamburg.

Auch in Hamburg, wo Jürgen Reichen, der seine Methode in Basel entwickelt hatte, jahrelang als Lehrer und Dozent in der Lehrerfortbildung tätig war, Schleswig-Holstein und Brandenburg ist seine Methode schon seit Jahren verboten, obwohl sie dennoch in vielen Schulen weiterhin gepflegt wird. 70 Prozent der deutschen Erstklässler lernen immer noch mit der Reichenschen „Anlauttabelle“, und immerhin 48 Prozent der deutschen Grundschullehrkräfte schwören immer noch auf sie. Ein Anlaut ist beispielsweise das „ei“ in „Eis“, „einfach“ oder „eiförmig“. „Ente“ und „Esel“ haben gleichzeitig den Anlaut „e", das jedoch jeweils anders ausgesprochen wird. Mit „Lesen durch Schreiben“ sollte jedes Kind mit eigenem Tempo die Schriftsprache erobern, was bei immer heterogener zusammengesetzten Klassen immer schwieriger umzusetzen ist, indem zunächst die Laute der Buchstaben vermittelt werden und erst danach das Alphabet. Mithilfe der Anlauttabelle sollten die Kinder langsam und ohne Niederlagen an das richtige Schreiben herangeführt werden. Aber dabei kam vielfach heraus, dass Wörter oft erst einmal falsch geschrieben wurden, also sich auch falsch einprägten: aus „Mädchen“ wurde „Medchen“, aus „Vater“ wurde „Fata“.

Die Professorin Una Röhr-Sendlmeier von der Universität Bonn hat die Folgen des zunächst Falschgeschriebenen gemessen: Am Ende der Klassenstufe 4 machten Schüler, die mit der Methode „Lesen durch Schreiben“ gelernt hatten, 55 Prozent mehr orthografische Fehler als Kinder, die das Schreiben auf herkömmliche Weise mit der Fibel gelernt hatten. Ihr Fazit: Die deutsche Sprache ist besonders ungeeignet für den Ansatz „Schreib, wie du sprichst!“ oder für die Methode „Lesen durch Gehör“. Schon seit Jahrhunderten ist nämlich in der deutschen Lehrerbildung eine „kaiserliche Werft“, dass ein an der Tafel stehendes falsch geschriebenes Wort nur mit einem vielfachen Aufwand wieder aus dem Hirn eines Kindes getilgt werden kann.

Hirnforscher Manfred Spitzer wiederholt nicht nur ständig in der Öffentlichkeit, wie schädlich ein zu früh einsetzender und zu häufig stattfindender Umgang mit Handy und Tablet für die Hirnentwicklung junger Menschen ist, sondern auch wie unverzichtbar wichtig komplexe und tiefgreifende Herausforderungen für die Leistungsfähigkeit des Hirns sind. Nach seiner Auffassung muss das Hirn viel arbeiten, wenn es fit werden soll: Ein bilinguales Aufwachsen macht das Hirn ebenso leistungsstärker wie das gleichzeitige Erlernen von Schreib- und Druckschrift und wie das Herausarbeiten von unterschiedlichen Schreibweisen bei gleichem Klang (beispielsweise „Ähre“ und „Ehre“ oder „Kämmen“ und Rennen“).

Das „Schreiben aus einer Linie“, also die Schreibschrift, trainiert das Hirn besser als das bloße Tippen von Buchstaben; und noch effizienter ist, sowohl das Tippen als auch das Schreiben zugleich zu lernen. Nach Auffassung der meisten Neurobiologen irren also Länder wie Finnland und die Schweiz (Thüringen hatte das auch mal angedacht), in der Schule nur noch Druckschrift zu lehren, und zwar mit dem Argument, in 30 Jahren werde niemand mehr ein Wort nur noch aus einer Linie schreiben – von der Unterschrift einmal abgesehen. Wenn die Autokorrektur im Smartphone oder Laptop ein Wort automatisch berichtigt, bleibt nichts davon im Hirn haften, denn ohne Mühe gibt es nach Auffassung der Hirnforscher kaum Fortschritte.

Je tiefer etwas verarbeitet wird und je häufiger etwas richtig wiederholt wird, desto mehr hinterlässt es nachhaltige Spuren im Hirn, denn „Rechtschreibung ist Fleißarbeit“ resümiert Spitzer.

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