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Großer Trubel beim indischen Wagenfest zu Ehren des Gottes Jagannath.

Wissenschaft

Fasziniert von Religionen

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Für den Direktor des Frankfurter Frobenius-Instituts ist Religion der Dreh- und Angelpunkt von Gesellschaften. Auf seinen Reisen taucht Roland Hardenberg tief in fremde Kulturen ein.

Bei seinen Forschungsaufenthalten im ostindischen Bundesstaat Odisha bekommt Roland Hardenberg des Öfteren zu hören, dass er sich mit den Zeremonien mittlerweile besser auskenne als die einheimischen Priester. Seit 20 Jahren ist der Ethnologe regelmäßig dort zu Besuch, um die Rituale in dem für Hindus bedeutsamen Jagannath-Tempel zu beobachten. Bereits seine Doktorarbeit verfasste er über das festliche Spektakel, mit dem die Gläubigen dort den Tod der Götter zelebrieren. „Alle 19 bis 20 Jahre, bei einer bestimmten Sternenkonstellation, werden neue heilige Bäume für den Gott Jagannath gesucht.“ Denn die Hindus glauben, dass sich das Göttliche in Dingen nur für eine bestimmte Zeit aufhalten könne. „Ton gilt beispielsweise schon nach einem Tag als unrein.“

Zum Wagenfest zu Ehren des Gottes Jagannath (Herrscher des Universums), den Hindus als Inkarnation von Vishnu anbeten, reisen Tausende von Pilgern an. Die knapp 15 Meter hohen Prozessionswagen werden nach uralten Regeln eigens dafür angefertigt und nach dem Fest wieder zerstört. Beim letzten Mal gab es einen riesigen Medienrummel: „Über alle Details wurde jeden Tag ausführlich berichtet, die Priester waren allseits bekannte Megastars. Sogar Politiker reisten an.“ Ethnologen bezeichnen diese Gesellschaftsformen als „alternative Modernen“, die neben ihren alten Traditionen auch auf neue Technologien setzen. So wurden eigens für das Fest Straßen, Brücken und Eisenbahnen modernisiert.

Der Gott Jagannath hat eine „klobige Gestalt, ist zwei Meter hoch und hat riesige Augen“, berichtet Hardenberg. Zudem werde er jeden Tag neu eingekleidet; auch Speiseopfer aus der Tempelküche werden ihm dargeboten, die anschließend als heiliges Mahl an die Pilger verkauft werden. Auf den Reisen begleiten Hardenberg seine Frau, ebenfalls Ethnologin, und seine beiden kleinen Kinder. Nach Indien zu fahren, sei für ihn, wie Verwandte zu besuchen. Auch geheiratet hat das Paar dort. Der Faszination, die die Religion auf den Forscher in seiner Rolle als teilnehmender Beobachter ausübt, kann er sich auch „privat nicht gänzlich entziehen“.

Viel reisen, viel lesen

Mitzubekommen, wie Menschen sich in den Staub werfen, um einen Fehler vor Gott wieder zurechtzurücken, verändere auch die eigene Einstellung. „Natürlich gehe ich mit meinen Kindern zum Arzt, wenn sie krank sind, aber ich bringe schon mal ein Opfer in den Tempel“, berichtet Hardenberg, der 1967 im westfälischen Münster geboren wurde.

„Religion ist der Dreh- und Angelpunkt von Gesellschaften; sie hält die Ethik, Politik, aber auch die Wirtschaft zusammen.“ Und weil es so verschiedene Ausprägungen des Glaubens gebe, argumentiert der Ethnologe, „unterscheiden sich auch die gesellschaftlichen Gepflogenheiten so stark“.

Besonders ausgeprägt sei dies in Indien, wo rund 400 verschiedene Sprachen gesprochen werden und viele Tausend Kasten den Rang in der sozialen Hierarchie vorgeben. „Fast jeder Ort hat seine eigene Gottheit und spezielle Rituale, wogegen neuerdings die Hindu-Nationalisten mit ihrer Einheitsreligion vorgehen“, sagt Hardenberg.

Seit Januar leitet Roland Hardenberg nun das vom Land geförderte Frobenius-Institut an der Universität Frankfurt, wo er parallel als Professor am Institut für Ethnologie lehrt. Für ihn als Ethnologen ist diese Position die vielversprechendste in ganz Deutschland. Sein Büro im IG-Farben-Haus auf dem Campus Westend ist mit Bildern und Mitbringseln von seinen Reisen geschmückt.

Berühmtes Felsbildarchiv

Zum einen ist das Institut der Geschichte der deutschen Ethnologie verpflichtet; Notizen und Nachlässe deutscher Ethnologen werden hier digitalisiert und „können dank Fördermitteln ausgewertet und wissenschaftlich bearbeitet werden“. Zum anderen werden hier noch aktiv – im Gegensatz zu vielen anderen Instituten – die Sammlungen erweitert.

Weltweit berühmt ist das Felsbildarchiv des Instituts, die der Ethnologe Leo Frobenius bei Reisen in Frankreich, Italien, Spanien, Australien, Indonesien, Simbabwe, Algerien und Südafrika von Künstlerinnen und Künstlern anfertigen ließ. Die künstlerisch wertvollen Kopien der Höhlenmalerei – es handelt sich um insgesamt rund 8600 Zeichnungen – erwarb die Stadt Frankfurt 1925. Bis heute erscheint die von Frobenius gegründete Zeitschrift „Paideuma“ (die „Kulturseele“ spielt eine zentrale Rolle in seiner Theorie).

Hardenberg muss als Ethnologe sowohl viel reisen, als auch viele Originalschriften und wissenschaftliche Texte lesen. Seit einigen Jahren beherrscht er auch die Turksprache Kirgisisch, wo er die eindrucksvollen, städteähnlichen Friedhofsanlagen untersucht hat. Zukunftspläne hat er auch schon geschmiedet: Zum einen möchte er Forschungsmittel beantragen, um das Filmerbe des umstrittenen österreichischen Verhaltensforschers Irenäus Eibl-Eibesfeldt zu sichten, das im Frankfurter Senckenberg-Institut aufbewahrt wird. Zum anderen würde er gern die Techniken von Predigten sowie deren Kommerzialisierung etwa durch DVD-Verkäufe im Islam, Christentum und Hinduismus erkunden.

Und dank der Frobenius-Gesellschaft stehen zusätzlich Mittel bereit, um Forschungsreisen zu finanzieren – zur Freude der Erkunder anderer Kulturen.

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